• Deutschlandradio "Heimat ist dort, wo kein Hass ist"
  •  Deutschlandradio

    DAS FEATURE



    Freitag, 05. Februar 2010, 20:10

    Das Feature

    "Heimat ist dort, wo kein Hass ist"
    Eine ukrainisch-jüdische Familie in Berlin
    Von Doris Netenjakob
    © 2010 Deutschlandradio


    Als junger Leutnant marschierte Wladimir Gelfand 1945 mit der Roten Armee in das zerstörte Berlin ein. Seine Erlebnisse vertraute er einem Tagebuch an und wurde so zum Chronisten der "Stunde null". Damals hätte er sich nicht vorstellen können, dass genau fünfzig Jahre später seine Familie die Ukraine verlassen und nach Berlin ziehen würde.
    Und dass ausgerechnet hier sein "Deutschland-Tagebuch" erscheinen würde. Gelfand selbst hat all das nicht mehr erlebt, er starb mit sechzig Jahren in der Ukraine an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung. Sohn Vitaly und Wladimir Gelfands Witwe Bella können davon erzählen, wie staatliche Willkür und fortdauernder Antisemitismus in der Ukraine die ohnehin bedrängten Lebensverhältnisse der Familie verschärften. Man entschloss sich zur Ausreise. Der Sohn sagt heute: "Heimat ist dort, wo man sich sicher und als Mensch fühlen kann. Wo man durch das Gesetz geschützt ist und wo kein Hass ist
    Sendung: Freitag, 5. Februar 2010, 20:10-21:00 Uhr

    Die Rote

    Die Rote Fahne weht auf dem Reichstag 1945 in Berlin (Bild: AP)



    "Heimat ist dort, wo kein Hass ist"

    Eine ukrainisch-jüdische Familie in Berlin

    Von Doris Netenjakob


    Als junger Leutnant marschierte Wladimir Gelfand 1945 mit der Roten Armee in das zerstörte Berlin ein. Seine Erlebnisse vertraute er einem Tagebuch an und wurde so zum Chronisten der "Stunde null". Damals hätte er sich nicht vorstellen können, dass genau fünfzig Jahre später seine Familie die Ukraine verlassen und nach Berlin ziehen würde.

    Und dass ausgerechnet hier sein "Deutschland-Tagebuch" erscheinen würde. Gelfand selbst hat all das nicht mehr erlebt, er starb mit sechzig Jahren in der Ukraine an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung. Sohn Vitaly und Wladimir Gelfands Witwe Bella können davon erzählen, wie staatliche Willkür und fortdauernder Antisemitismus in der Ukraine die ohnehin bedrängten Lebensverhältnisse der Familie verschärften. Man entschloss sich zur Ausreise. Der Sohn sagt heute: "Heimat ist dort, wo man sich sicher und als Mensch fühlen kann. Wo man durch das Gesetz geschützt ist und wo kein Hass ist."

     

    DEUTSCHLANDFUNK

    Hintergrund Kultur / Hörspiel
    Redaktion: Sabine Küchler

    Feature


    1 Autorin
    2 Sprecher
    3 Overvoice Vitaly
    4 Zitatsprecher Tagebuch

    REGIE: Burkhard Reinartz

    .

    Urheberrechtlicher Hinweis

    -         unkorrigiertes Exemplar –

    Hören

       

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Ja, ich bin Berliner. Hier bin ich zu Hause. Ich lasse ältere Leute und Kinder über die Straße, wenn ich Auto fahre, und gewähre anderen Vorfahrt. Ich mache zu Hause keinen Lärm von 13 - 15  und ab 19 Uhr. Ich gebe niemandem Schmiergeld, nirgendwo und für Nichts. Ich schäme mich nicht für mein gebrochenes Deutsch. Ich habe  keine Angst vor den Polizisten auf der Strasse. Ich stehle nicht in Geschäften. Ich ziehe kein Anzug an, wenn ich ins Restaurant gehe. Ich kenne die Stadt wie meine eigene. Ich fahre immer ein bisschen schneller als erlaubt, ich kaufe oft keinen Parkschein und bezahle ehrlich mein Bußgeld.


    „Heimat ist dort, wo kein Hass ist“

    Eine ukrainisch-jüdische Familie in Berlin

    Ein Feature von Doris Netenjakob

     

    Autorin:
    Sie kamen aus Dnjepropetrowsk, dieser großen ukrainischen Industriestadt am Dnjepr. Sie kamen 1995: Bella, Jakob, Gennadij, Anna, Natalja, Vitaly, Elena, Wladimir und Roman. Bella Jefimowna ist die siebenundsiebzigjährige Mutter der Familie Gelfand.
    Ihr erster Sohn Gennadij Wladimirowitsch, 50 Jahre alt, mit Ehefrau Anna und Tochter Natalja ist genauso in Berlin zu Hause wie der 46jährige jüngere Sohn Vitaly Wladimirowitsch, mit Ehefrau Elena und seinen beiden Söhnen Wladimir und Roman. Bellas Enkel Wladimir war bei der Ankunft in Deutschland sieben Jahre alt.

    O-Ton: Enkel Wowa
    Wir hatten wirklich gar kein Geld. Und das erste Neue Jahr... was wir geschenkt bekommen haben... war jeder eine Mark. Und wir haben uns unheimlich gefreut... also wirklich, das war... Das zweite Sylvester haben wir zwei Mark bekommen, das war eine noch riesigere Freude... das war für uns richtig viel Geld. Wir haben irgendwelche Kataloge genommen und haben den Schmuck mit Scheren ausgeschnitten und haben gesagt, wenn wir unsere eigene Wohnung haben, dann werden wir das überall aufhängen
    und so was. Ja.

    Autorin:
    Seit die Gelfands in Deutschland sind, hat sich viel in ihrem Leben verändert, das meiste zum Positiven. Manche Erwartungen wurden auch enttäuscht. So fanden die Brüder und Familienväter Gennadij und Vitaly Gelfand, beide in der Ukraine als Ingenieure ausgebildet, in Berlin keine entsprechende Arbeit. Der Ältere ist jetzt Geschäftsführer in einem kleinen Hotel. Auch seine Frau und seine Tochter sind dort beschäftigt.
    Vitaly kann wegen seines kaputten Rückens nicht körperlich arbeiten und bekommt Arbeitslosenhilfe. Seine Ehe ging in die Brüche und er heiratete Olga, mit der er die vierjährige Tochter Sophia hat. Olga brachte den Sohn Wladislaw mit in die Ehe, sie arbeitet nebenbei als Verkäuferin.
    Vitaly selbst könnte für Institutionen arbeiten, die sich mit Russland beschäftigen. Er ist über die Probleme dort bestens informiert, mischt sich im Internet in die wichtigen Diskussionen ein, äußert in Foren seine kritische Meinung über Putins Politik.
    Seine beiden Söhne Wladimir, 22, und Roman, 15, wohnen manchmal bei ihm und manchmal bei ihrer Mutter. Wladimir, in der Familie meist Wowa genannt, bringt gerade der vierjährigen Sophia das Schachspielen bei. Er spielt auch Gitarre und mag den Rapper „Eminem“.

    O-Ton: Enkel Wowa
    Das war schon deutlich in der Grundschule, dass ich zu den Außenseitern gehört habe, weil ich kein Nike und Adidas getragen habe. Aber dann als ich ins Gymnasium kam, das war gleich neben Moabit und dort waren wirklich viele Ausländer. Wir hatten nur fünf oder sechs Deutsche von 30 in unserer Klasse. Die Ausländer waren in der Überzahl und die haben dann wirklich alle Markenklamotten getragen und irgendwie auf ihre Weise geredet. Und die waren irgendwie freier, also, ich war eben verklemmt, ich
    war wirklich sehr verklemmt. Und dann bin ich unter diesen Zwang gekommen, dass ich auch diese Markenklamotten tragen muss und ich wollte natürlich zu den Coolen gehören und nicht zu den Außenseitern. Und dann kam ich irgendwie aus der Schiene raus, dann habe ich nicht mehr gelernt, denn die Coolen haben nicht mehr gelernt. Die Coolen haben die ganze Zeit irgendetwas draußen gemacht. Und wir haben die Lehrer ausgelacht und wir haben die schlauen Schüler ausgelacht und solche Sachen. Die haben auch mit den hübschen Mädchen dann.. und ich wollte dazu gehören. Und dann habe ich aufgehört zu lernen, dann habe ich Probleme mit der Schulleitung bekommen und im Endeffekt wurde ich dann von der Schule geschmissen.

    Autorin:
    Die vier Gelfand-Familien wohnen in Berlin Tiergarten und Charlottenburg ganz dicht beieinander. Wie das so oft bei Emigrantenfamilien ist, haben sie vor allem untereinander Kontakt. Sie brauchen die Nähe, dass einer für den anderen da ist, wenn Hilfe gebraucht wird: bei Krankheit, bei Behördengängen, bei beruflichen Problemen. Gemeinsam wird neu tapeziert, werden Fliesen verlegt oder elektrische Geräte repariert.
    Auch Bella, die Mutter und Großmutter, ist noch immer aktiv. Die ehemalige Lehrerin gibt russischen Schülern Nachhilfeunterricht... und sie kocht! Manchmal versorgt sie die ganze Familie. Von Vitaly wohnt sie nur 500 Meter entfernt und beinah täglich kommt sie mit ihrem „Rolli“ und bringt Piroggen, Suppe, Pelmeni oder Torte. Es wird russisch gesprochen, es wird russisch gelesen, es wird russisch gefeiert und es wird russisch gesungen. Nur die Jugendlichen sprechen untereinander auch deutsch.

    (Musik)

    Autorin:
    Warum ist die Familie Gelfand eigentlich nach Berlin ausgewandert? Warum nicht nach Amerika oder Israel? Die Antwort liegt vermutlich schon 65 Jahre zurück und hat mit dem Großvater zu tun.

    Sprecher:
    Oktober 1945.
    Dienstliche Beurteilung des Granatwerferzugführers Leutnant Wladimir Natanowitsch Gelfand Geboren 1923, Jude, Zivilbeschäftigter, Mitglied der KPdSU, allgemeine mittlere Reife, Teilnehmer am Vaterländischen Krieg. Ausgezeichnet mit dem Orden „Roter Stern“, eine leichte Verwundung.
    Leutnant Wladimir Natanowitsch Gelfand hat sich in der Zeit seines Dienstes als disziplinierter und konsequenter Offizier gezeigt und ist politisch entwickelt. Er ist um die Erweiterung seines Wissens bemüht, genießt unter den Offizieren Ansehen, ist körperlich gesund, moralisch gefestigt und der Sache der Partei Lenins und Stalins sowie der sozialistischen Heimat treu ergeben.

    O-Ton: Mutter Bella ( spricht ihr eigenes Deutsch, eventuell Overvoice)
    Wladimir war immer krank, er hat Schmerzen gehabt im Herzen und im Kopf. Und immer huuuu... immer ein Ton im Kopf. Und in den letzten Jahren wurde er immer vergesslicher. Wir gingen zum Arzt und er hat in seine Augen geguckt und gesagt, er hat ein großes Problem mit dem Kopf. Sein Kopf ist krank.


    O-Ton: Enkel Wowa
    Von dem, was ich weiß, wie Großvater gestorben ist... ist, dass er während des Krieges, als eine Bombe in seiner Nähe explodierte, eine Prellung in seinem Gehirn erhalten hat und dass er seitdem diese Kopfschmerzen hatte und sein Erinnerungsvermögen beeinträchtigt war.

    O-Ton:Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Er kam ins Krankenhaus und der Arzt sagte, ich soll in einem anderen Zimmer warten. Ich sitze und dann gehe ich rein und gucke, er liegt da und sagt kein Wort. Und ich sage, was ist los... da war er schon gestorben.

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Vater ist gestorben als ich in der Armee war. Ich wurde nicht zu seiner Beerdigung gelassen. Wir hatten einen Kapitän, Potapov, ein Antisemit. Hätte es im Bataillon mehr Juden gegeben, wäre es vielleicht einfacher gewesen. Aber ich war der einzige, und sein ganzer antisemitischer Hass war allein auf mich konzentriert. Das Telegramm über den Tod meines Vaters gab er mir erst, als ich aus der Hauptwache kam. Und sein Kommentar war in etwa: "Hier Jude, ein Telegramm...". Die Beerdigung war da bereits vorbei.
    Der Vater wollte zu meinem Bruder am anderen Ende der Stadt fahren, um ihm irgendwelche Bücher zu bringen... und ist verschwunden. Drei Tage haben wir ihn gesucht. Wir haben Anzeige bei der Polizei erstattet, haben herumtelefoniert, haben Photos überall in der Stadt angeklebt. Er hatte sich verirrt und fand den Weg nach Hause nicht mehr.
    Nachts bemerkte ihn eine Tramfahrerin im Zentrum der Stadt. Er saß auf einer Bank in einer Hauptstrasse. Sie hielt an und rief die Polizei. Die Polizei brachte ihn ins Krankenhaus. Dort ist er drei Tage später gestorben.

    (Musik: Efim Jourist „Russisches Roulette“ Nr 2 ‚Wenn du mich liebst’
    Von Anfang bis 0.38 min., dann weiter unter dem Text)

    O-Ton: Enkel Wowa
    Mein Großvater war sechzig Jahre, als er gestorben ist... das war im Jahr 1983. Ich hab ihn nicht mehr kennengelernt... bin ja erst vier Jahre später geboren, 1987. Meine Großmutter bestand darauf, dass ich seinen Namen bekomme, Wladimir. 

    Autorin:
    Wladimir Natanowitsch Gelfand war ein ungewöhnlicher Mann. Er war vielseitig interessiert, politisch und künstlerisch aktiv, sprach deutsch, war
    gerecht und liebevoll. 

    O-Ton: Enkel Wowa
    Als er so alt war wie ich jetzt bin, 22, war er hier, in Berlin. Das war 1945. Großvater war damals Leutnant in der Roten Armee und befreite Berlin von den Nazis. Er hat dann etwa ein Jahr als Besatzungsoffizier in Berlin gelebt. Alles, was er damals sah und erlebte, hat er in sein Tagebuch geschrieben.
    Er schrieb offen über die besiegten Deutschen und über die Zustände in der Roten Armee. Er war mutig und hatte keine Angst vor seinen Vorgesetzten. Er hat immer wieder alles aufgeschrieben. Vielleicht hatte das etwas mit seinem Traum zu tun, dass er Schriftsteller werden wollte.

    (Musik bei 1.40 ausblenden, vor dem schnellen Teil)

    Dass wir heute lesen können, was er damals aufgeschrieben hat, verdanken wir meinem Vater, Vitaly Gelfand, denn er hat die Tagebücher gerettet.

    (Montage verschiedener Tagebuchaufzeichnungen; darunter feierndes russisches Militär, Lachen ... etc.)

    Tagebuch: (Zitatsprecher)
    Frühjahr 1945. Diebstahl und Betrug sind in der Kompanie zu einer Tradition geworden. Sie schrecken vor keiner Schäbigkeit zurück, machen Koffer kaputt, brechen Schlösser auf... Karpienko scheint sich wohl wie jeden Tag bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen. Gestern hat Rybkin eine Büste von Schiller zerschlagen und hätte wohl auch Goethe vernichtet, wenn ich ihn diesem Narren nicht aus den Händen gerissen hätte.

    (Militärs ausblenden)

    26.Oktober 1945
    Zu Ehren der Beendigung des Krieges beschloss ich, ein Gedicht zu verfassen. Als es schon fast gelungen war, schnappte es ein Leutnant und verlachte es. Er sagte sinngemäß: ich solle das Schreiben aufgeben. Ich begann an mir zu zweifeln und war in sehr bedrückter Stimmung...

    14. November 1945
    Im Zug fragt mich ein Deutscher ganz unvermittelt und ernsthaft: “Wird Deutschland wieder groß und stark werden?“ Schlussfolgerungen spare ich mir.

    (Langsames Anschwellen von geschäftigem Murmeln, Marktsituation)

    O-Ton: Enkel Wowa
    Nach dem Krieg wollte mein Großvater das Leben nur noch genießen. Er war jung und hat sich nicht um Verbote gekümmert oder Vorschriften. Er ging aus und ging auch auf den Schwarzmarkt und kaufte alles mögliche... einen Anzug, einen Hut, eine Sonnenbrille, Handschuhe... er hat sich sogar ein Fahrrad gekauft. Dann ließ er sich mit den ganzen Sachen fotografieren und schickte die Fotos nach Hause.

    (Marktgeräusche ausblenden)

    Autorin:
    Wladimir Gelfand fand auch immer wieder Zeit für sein Tagebuch. Sein Schreibtalent war so auffällig, dass er sogar zum Schreiben des Kriegstagebuchs herangezogen wurde. Er schickte regelmäßig Briefe an seine Mutter und seinen Vater, die getrennt voneinander lebten. Er berichtet, dass er in Berlin in der Transportabteilung arbeitet, wo deutsche Industrieanlagen demontiert und in die UdSSR transportiert werden, er schreibt über seine Mädchenbekanntschaften und darüber dass er als Besatzungsoffizier gut versorgt ist und genügend Lebensmittel bekommt.

    Tagebuch: (Zitatsprecher)
    Brief an Vater vom 1. April 1946
    Sei gegrüßt, mein lieber Papa! Dein langerwarteter Brief mit dem Photo ist angekommen - ich danke Dir sehr!
    Du sprichst von den Kränkungen und Leiden, die wir unverschuldet ertragen müssen, da wir nun einmal Juden sind, und darin stimme ich mit Dir überein – wie viel Strapazen habe ich den Krieg über erdulden müssen, wie viel Hohn und Spott, wie viel Grobheit allein deshalb, weil ich Jude bin. Das tat weh, der Krieg war dadurch zehnfach schwerer, das Leben beschwerlicher. Als ich vom Tod der Verwandten in Jessentuki erfuhr, gab ich mich ganz dem Gefühl der Rache hin, und seitdem habe ich keine Kräfte noch Mittel für den Sieg geschont.

    O-Ton: Enkel Wowa
    In Jessentuki lebte die Familie meines Urgroßvaters. Das liegt in der Nähe vom Kaukasus. Als es 1942 besetzt wurde, haben die Nazis die ganze Familie ermordet. Nur mein Urgroßvater hat überlebt, weil er nicht dabei war.

    (Sirrender Geigenton: „String perspectives“ von Anthony Pleeth)

    Tagebuch: (Zitatsprecher)
    Berlin, 10. Juni 1946
    Es begann, nachdem ich eine Zigarette geraucht hatte. Als hätte ich tausend Steine im Kopf, und die Gedanken sind alle raus. Ich fühle mich so dumpf und elend. Was ist das für eine geheimnisvolle, unerklärliche Krankheit....

    (Sirrenden Ton ausblenden)

    O-Ton: Enkel Wowa
    Mein Großvater wusste damals noch nicht, dass diese Schmerzen von seiner Kriegsverletzung kommen und ihn sein Leben lang begleiten werden. 

    (Musik: Efim Jourist „Russian Rhapsody“ Nr3. ‘Die Lerche’ ab 2.05 min) 

    Autorin:
    Im Herbst 1946 wurde ein Teil der Roten Armee demobilisiert und Wladimir Gelfand konnte nach Hause in die Ukraine fahren. Vorher aber feierte er mit seiner Kompanie ein großes Fest. Für rund 1000 Mark besorgte er reichlich Lebensmittel, Wodka, Schmalz und Zwiebeln. Dann gelang es ihm, noch eine elegante Schreibmaschine zu kaufen. Mit acht Koffern, zwei Mänteln, einem Radioempfänger und einem Fahrrad reiste er zu seiner Mutter nach Dnjepropetrowsk.

     (Musik ausblenden) 

    O-Ton: Enkel Wowa
    Mein Großvater, Wladimir Gelfand, studierte Russische Sprache und Literatur in Dnjepropetrowsk. Er heiratete eine Schulfreundin, aber die Ehe ging schief und sie haben sich getrennt. Dann er lebte wieder bei seiner Mutter. In Dnjepropetrowsk wurde er Berufsschullehrer für Geschichte, Literatur und russische Sprache. Er schrieb auch nach dem Krieg sein Tagebuch weiter. Er schrieb viel darüber, wie schwer es die Juden in der Sowjetunion haben.

    Tagebuch: (Zitatsprecher)
    5. Februar 1953
    Es gibt noch Perewalow in der Gruppe 7. In jedem Unterricht schreit er mich an „Jude“ und jeden Tag kommt er plötzlich ganz frech mit dem Spruch „Warum hat Hitler nicht alle Juden getötet?“ 
    Das Verschwinden eines Porträts von Karl Marx wurde vor ein paar Tagen während meines Unterrichts kommentiert: „Diese Juden muss man töten. Nur ihretwegen gibt es Kriege. Sie leben gut und uns geht es schlecht“.
    Und anderes.
    Und ich habe versucht zu erklären, was eigentlich Juden sind. Dass alle Nationalitäten gleich sind und dass es bei allen Helden oder Versager, Kluge oder Dumme, Freunde oder Feinde gibt. Gleichzeitig habe ich ein paar bekannte jüdische Namen genannt: Marx, Sverdlow, Heine, Spinoza und andere. Am nächsten Tag kommt der Schul-Leiter rein und fragt:“ Wer hat das Marx-Bild von der Wand weggenommen. Marx ist verschwunden!
    An der Wand hängt nur noch ein Porträt von Lenin, das stört die Symmetrie“. Schon seit ein paar Tagen fehlt das Porträt von Marx. So lebendig ist in der Ukraine die pogromähnliche Stimmung.

    (Musik: Efrim Jourist „Russian Rhapsody“ Nr. 4 ‘Rote Sarafan’, von Beginn an)

    13. Januar1958
    In der letzten Zeit habe ich Glück. Es gibt Liebe von überall, angefangen von den Schülerinnen bis zu geschiedenen Frauen. Aber die für mich Begehrenswerteste ist nicht hier.

    O-Ton: Enkel Wowa
    Jetzt kommt meine Großmutter: Bella Jefimowna Schulman. Sie hatte in den 50er Jahren ihr Lehrerstudium abgeschlossen und unterrichtet bereits die oberen Klassen. Als beide sich kennen gelernt haben, war sie zehn Jahre jünger als Großvater.

    (Musik ausblenden)

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Und ich war mal am Samstag und Sonntag bei den Eltern. Sie hatten ein kleines Haus... ein Zimmer und eine Küche, das ist schon ein Haus. Das war 1958, schwere Zeiten, alle haben sehr arm gelebt. Und die Mutter sagte, es kommt Besuch und ich wusste nicht, dass es Wladimir Gelfand war. Nun, wir saßen am großen Tisch, tranken Tee und aßen Süßigkeiten und er saß zwischen den Bekannten. Wir haben gesprochen... er war ein sehr gebildeter Mensch, sehr. Er hatte viel gesehen, weil er Soldat war, hat dann an der Universität russische Sprache und Literatur gelernt. Wir haben den ganzen Abend geredet. Und ich guckte den jungen Mann an, er hatte ein sehr schönes Gesicht und ich war 22 Jahre und wir redeten, redeten, redeten. Und am nächsten Tag fuhr er schon zurück nach Dnjepropetrowsk zu seiner Mutter. 

    Tagebuch: (Zitatsprecher)
    Dnjepropetrowsk: den 13. Januar 1958
    Alles hängt von ‚ihr’ ab. Wird sie lieb zu mir sein, wird sie einen Schritt auf mich zu machen? Oder... Aber jetzt möchte ich Bella einen Brief schreiben, meine Begehrteste, die sehr weit entfernt ist, auf der Krim.
    „Guten Tag, Bella, Sie haben mir eine Ethik-Stunde erteilt, ich nehme das an, ohne beleidigt zu sein. Ich habe das verdient. Natürlich durfte ich Sie nicht gleich im ersten Brief hierher einladen. Aber ich habe mich an Ihre Ferien erinnert und habe sofort an die Möglichkeit gedacht, falls Sie nach Moskau oder Kiew fahren würden, durch Dnjepropetrowsk zu kommen. Würden Sie beleidigt sein, wenn ich Sie bei solch einer Gelegenheit treffen könnte?
    Und als ich keine Antwort bekam, hat mein Selbstbewusstsein gelitten. Jetzt sage ich ehrlich – Ihr Brief hat mir Flügel verliehen. Ich möchte so schnell wie möglich einen Schlüssel zu einem guten, freundlichen Gespräch mit Ihnen finden. Wie Sie sehen, bin ich ungeduldig. Ich habe mich in meinen Gefühlen Ihnen gegenüber geöffnet. Das ist tödlich für eine gute Beziehung, sagt man allgemein. Aber ich möchte diesen Konventionen nicht folgen. Ich will nicht mein ganzes Leben nach
    logischen Gedanken leben. Das Herz ist genauso wie das Leben unlogisch und ich möchte meine Gefühle nicht verstecken. Bleiben Sie gesund und glücklich. Wowa. Antworten Sie bitte schnell.“

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Und er schreibt mir, dass er mich treffen möchte und dass ich ihm sehr gefalle. Und jeden Tag bekomme ich von ihm einen Brief, jeden Tag. Er schreibt und schreibt. Und ich antworte und antworte.

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Dann waren Schul-Ferien. Und ich sitze im Lehrerzimmer, ein großer Tisch, großes Fenster und ein langer Weg... und plötzlich kommt... wer ist das... ein junger Mann... es ist Wladimir. Er hat nicht gesagt, dass er kommt. Wir sprachen und haben gegessen und gingen spazieren und er sagte, bald sind Ferien, dann besuch mich in Dnjepropetrowsk. Wir Mädchen waren anders als die heutigen, wir wollten keine Schande... nein... schlafen... nein, nein. Und ich sah aber diesen klugen Mann, den sehr schönen Mann und ich sagte, wenn Ferien sind, werde ich kommen.

    (Musik: „Russian Rhapsodie“ wieder Nr. 4 ab 1.39 min. das gleiche Anfangs-Motiv nur mit Bass)

    O-Ton: Enkel Wowa
    Meine Großmutter Bella Jefimowna Schulman und mein Großvater Wladimir Gelfand blieben zusammen. Sie lebten dann in Dnjepropetrowsk bei Großvaters Eltern. Die waren wieder zusammen gezogen. 

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Bei Wladimir gab es ein Zimmer, wie meine Küche hier. Und Vater, Mutter, ich und Wladimir lebten alle in einem Zimmer. Wladimir hat in Dnjepropetrowsk gearbeitet als Lehrer, aber dann wurde er arbeitslos. In dieser Zeit war es für Juden sehr schwer, Arbeit zu finden. Er war ein guter Mensch, ein guter Lehrer. In keiner Schule kam er an. Als ich gekommen bin, hatte er keine Arbeit. Da habe ich gesagt, ich werde arbeiten. Bin in die Schule gegangen und sagte, dass ich Lehrerin bin, zeigte mein Diplom und der Direktor sagte, warum bist du gekommen. Ich sagte, ich habe geheiratet und will arbeiten. Nein, keine Arbeit.
    Wir bekamen keine Arbeit, weil wir Juden waren. Meine Familie hieß Schulmann, ich zeige mein Diplom... Schulmann, Bella... dann guckt er... nein, keine Arbeit...geh! Und ich sage, ich nehme auch die erste Klasse, oder vielleicht gibt es Arbeit in der Bibliothek... nein, keine Arbeit.
    Ich bin böse auf die Ukraine, denn in der Ukraine gab es für mich kein gutes Wort und ich liebe sie nicht, nur, dass ich Gelfand dort getroffen habe, das war gut.
    Neben dem Haus war ein kleines Stückchen Erde. Alle haben geholfen, auch der Bruder und die Schwester und haben in einem Monat ein kleines Zimmer gebaut, 11 Quadratmeter. Wir waren glücklich... ein Zimmer.... ooooh. Wir haben dort vielleicht zehn Jahr gelebt. Und dann hatte ich schon einen Sohn. 

    (Klaviermusik einblenden: Sergej Prokofiev „Gavotte“)

    Wladimir hatte ein bisschen Geld verdient und ich sagte, was sollen wir kaufen, Anzug oder Tisch. Denn dort hatten wir keinen Tisch, es gab nur ein Bett und ein kleines Bett für das Kind. Und Wladimir sagte, das erste, was wir kaufen, ist ein Piano. Ich sagte, warum? Ich liebe sehr Musik. Ich habe als kleines Kind Klavierspielen gelernt und ich sollte das weitermachen. Und die Kinder sollten auch Klavierspielen lernen. Das ist besser als alles andere.
    Und das erste Möbel, was wir gekauft haben... kein Stuhl, kein Anzug oder... nein, ein Piano. Aber wir hatten keinen Platz, wir haben es dann bei der Mutter aufgestellt. Und ich ging immer dorthin und habe gespielt. 

    (Klaviermusik ausblenden)

    Wladimir war ein guter Vater, er hat die Kinder sehr geliebt. Aber er hatte immer Herz- und Kopfschmerzen durch den Krieg und auch Rückenschmerzen. Wir hatten keinen Kinderwagen und er hat die Kinder immer auf dem Arm getragen. Ich sagte, gib sie mir, du hast Schmerzen.
    Und die Mutter sagte, du darfst sie nicht tragen. Er antwortete dann, das ist meins und das ist mir nicht zu schwer.

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    An alles, was mit Vater verbunden ist, an alles kann ich mich erinnern. Es sind unglaublich viele Erinnerungen. Fängt man mit einer an, kommen die anderen gleich hinterher. Bis ich etwa 13 Jahre alt war, hat er mir viele wunderbare Märchen erzählt. Es war so: Er liegt neben mir und erzählt. Erzählt und schläft ein. Ich wecke ihn, und er erzählt weiter. 

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Wladimir arbeitete dann an einer Berufs-Schule. Sie bauten Häuser und ich sagte, du musst nach einer größeren Wohnung fragen. Aber Wladimir konnte schlecht gehen und sagen: bitte, bitte gib mir... Er konnte das nicht.
    Und da sagte ich, nun, dann gehe ich. Ich ging zu seinem Chef und habe gesagt, wir können so nicht leben, sie müssen uns helfen. Wir leben mit einem Kind in einem Zimmer. Und dann kam das zweite Kind. Und er sagte, nun gut... und nach einiger Zeit bekamen wir drei Zimmer. Das war für mich wie im Kosmos laufen... drei Zimmer mit Balkon ... oooh, drei Zimmer... ich rief zu den Kindern „Wo bist du, wo bist du“... habe sie gesucht. 

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Ich war damals sechs. Gena - mein Bruder - vier Jahre älter – er schleppte mich am Arm durch die ganze Wohnung und schrie im Laufen: "Schau! Ein Zimmer! Schau! Noch ein Zimmer! Schau! Ein Badezimmer! Wasser aus der Dusche! Eine Toilette! Noch ein Zimmer!!!" Es war wirklich im Schock: so viele Zimmer, ein Badezimmer mit einer echten Dusche, eine Toilette, eine Küche... 

    (Klaviermusik einblenden: Dimitry Shostakovich „Sonata Nr. 2“)

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Dann haben wir das Piano dort aufgestellt und hatten auch ein paar Möbel. Wir haben viele Freunde gehabt. Ich liebe Gäste, auch an den Feiertagen, März, Frauentag, 1. Mai.... Wir gingen nicht in Restaurants, das war viel zu teuer. Wir waren immer zu Hause. Drei Zimmer, großer Tisch.... kommt alle zu mir. Wir haben gesessen, getrunken und gegessen und gesprochen. Und dann haben wir gesungen und ich spielte ein bisschen Piano.

    O-Ton russisch: SohnVitaly (Overvoice)
    Mutter bereitete Teigtaschen mit Kartoffeln zu - schon immer, solange ich mich zurückerinnern kann, war dies das Hauptgericht. Alle aßen, unterhielten sich und sangen. Mutter spielte Klavier. Wir und die Kinder der Gäste, es kamen fast immer die gleichen Leute, bauten aus Stühlen kleine Häuser und die Freude war riesengroß.

    (Piano-Musik ausblenden)

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Wladimir hat viel gearbeitet. Er ging früh und kam sehr spät, sieben, acht auch zehn Uhr kam er nach Hause. Er hat als Berufsschul-Lehrer mit den Kindern gearbeitet und nach dem Unterricht hat er ein Kriegsmuseum eingerichtet. Er mobilisierte alle Kinder und hat gefragt: was habt ihr zu Hause, was haben die Eltern. Die Kinder kamen ja auch aus der Umgebung, von den Dörfern. Und die Kinder haben deutsche und russische Sachen gebracht: Mappen und Jacke und Stiefel und Anzug und Pistole und Gewehr, aber die waren schon kaputt. Sie brachten viele Sachen und er sagte dem Direktor, ich mache ein Museum. Und der sagte, nun gut, machen Sie. Das ist gut. In einen Klassenraum stellte er Tische auf und hat alle Sachen aufgestellt und bezeichnet. Und die Leute aus dem Stadt-Museum kamen gucken und sagten: sehr gut.
    Die Kinder in der Schule haben ihn sehr geliebt, weil er nicht streng war, sondern er war sehr verständnisvoll und freundlich. Er hat den Kindern viel erzählt vom Krieg und von der Zeit nach dem Krieg in Berlin. Nur von den Geschichten der Russen, was er gesehen hat, was sie mit den deutschen Soldaten und mit deutschen Frauen gemacht haben, das hat er nicht erzählt, weil er Angst hatte, dafür ins Gefängnis zu kommen. Aber er hat es in sein Tagebuch geschrieben. Und mir hat er viel davon erzählt. 

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    (Lärm in einer Schulklasse)
    Vater hat mich oft in die Berufsschule mitgenommen. Er ließ mich in der letzten Reihe sitzen und unterrichtete. In der Klasse gab es sehr freche Jugendliche: sie lachten, haben sich und den Vater mit Papier beworfen, schossen aus Strohhalmen, nannten ihn: Wladimiritsch. Mein Herz zog sich zusammen, als ich das sah. Aber er erzählte weiter, tat so, als wäre das alles normal, als passiere nichts Besonderes. Ermahnte sie nur. Das Schlimmste war, dass ich bemerkte, wie unangenehm es ihm war, dass ich das alles mit
    ansah.

    (Schulklasse ausblenden)

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Er saß immer und hat geschrieben, geschrieben, geschrieben. Ich sagte, geh doch mal spazieren! Nein, ich will schreiben, immer das Tagebuch. Er sagte, wenn ich Rentner bin, schreibe ich ein Buch.

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Vater hat Bücher sehr geliebt und sie gesammelt. Wenn er jemandem eins auslieh und es nicht zurückbekam, war das eine Tragödie für ihn. Als ich 15 war, habe ich angefangen diese Bücher zu verkaufen, habe sie in die Antiquariate gegeben. Ein Buch - 3 Rubel. Ein anderes – ein Rubel. 5 Bücher - 10 Rubel. Es gab viele Bücher mit Widmungen - die habe ich nicht angerührt. Und ich weiß nicht, wie mir solch ein Fehler unterlaufen konnte: ich habe ein Buch von Ilja Ehrenburg verkauft mit einer Widmung
    für den Vater.

    Autorin:
    Wladimir Gelfand war ein leidenschaftlicher Verehrer von Ilja Ehrenburg. Aus diesem Grund hatte er als Literatur-Student eine Arbeit über Ehrenburg geschrieben und war nach Moskau gefahren, um sie seinem großen Vorbild persönlich in seiner Wohnung zu überreichen. Es war nicht einfach, zu Ehrenburg vorzudringen, aber Gelfand hatte es geschafft. Bei diesem Besuch schenkte ihm Ehrenburg sein Buch „Der Sturm“ mit der persönlichen Widmung.

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Was dann kam – ich erinnere mich nur ungern daran. Reden, Reden, Reden... Besonders wegen des Buchs von Ehrenburg - darüber trauerte er am meisten. Und ich trauerte nicht weniger. Aber was konnte man noch tun?
    Vieles ist passiert, aber er hat uns niemals angeschrien oder geschlagen. Er redete bloß, erklärte...
    Er hat uns Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein beigebracht. Solange wie ich mich an ihn erinnere: Er und der Tisch im Wohnzimmer, überfüllt mit Zeitungen und Schriften, und er schreibt, schreibt, schreibt und schreibt... Tagsüber, wenn er zu Hause ist, nachtsüber... die ganze Zeit. Er hat sich nur durch politische Sendungen und Nachrichten im Fernsehen ablenken lassen.
    Wir spielten manchmal Schach mit Vater. Schach hat mir Großmutter - die Mutter meiner Mutter - beigebracht. Ich glaube ich habe kein einziges Mal gegen ihn gewonnen. Großmutter, im Gegensatz zu Vater, hat immer nachgegeben. Und sie machte es sehr geschickt, so dass ich es nicht bemerkte. Vater hat niemals nachgegeben.
    Er hat mir auch gezeigt, wie man Fotos entwickelt. Im Badezimmer: rote Lampe, Entwickler, Fixierbad, sauberes Wasser... . Das alles hat mir sehr gefallen. 

    (Musik einblenden: Efim Jourist „Russisches Roulette“ Nr.2 (Anfangsmotiv) ab 0.44 min. Musik geht über in Schreibmaschinengeklapper.) 

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Nach seinem Tod hinterließ Vater nicht weniger als 10 Koffer mit Papieren, Zeitungen und Ausschnitten. Darunter fand ich die Tagebücher. Vater wollte damals die Tagebücher in einen Verlag bringen und zur Publikation anbieten. Aber das hätte nur eins bedeutet: sein eigenes Urteil zu unterzeichnen - entweder Gefängnis oder Irrenhaus. Die Tagebücher verunglimpften ja durch ihren ganzen Inhalt die Sowjetunion, die Rote Armee, die sowjetische Wirklichkeit, den Großen Vaterländischen Krieg - alles. Die Tagebücher habe ich dann sortiert und habe angefangen, sie abzuschreiben. Am Anfang mit der Hand. Dann reparierte ich Vaters deutsche Trophäe – die Schreibmaschine "Mercedes" und schrieb auf ihr. Ich habe angefangen, mit einem Finger zu schreiben: Ich saß und suchte jeweils eine halbe Minute einen Buchstaben.
    Ich glaube, das alles begann 1985.
    Ich beschloss: ein Buch herauszugeben. Ich hatte nicht die geringsten Zweifel, dass ein Buch daraus wird. Auf Russisch, natürlich. Ich beschloss, es auf jeden Fall zu veröffentlichen – wenn es sein muss, sogar schwarz. So wie die Bücher von Solschenizyn. Denn es gab keine Meinungsfreiheit, es war die UdSSR. 

    (Schreibmaschine ausblenden)

    O-Ton: Enkel Wowa
    Doch dann kamen Gorbatschow, die Perestroika und die ganzen politischen Veränderungen... und meine Familie überlegte auszuwandern. Sie haben sich gefragt, ob es Israel oder Deutschland wird. Aber ich bekam von all dem nichts mit, ich war ja erst drei Jahre alt.

    (Langsam einsetzendes Zuggerattern)

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Ich und Mutter gingen zu verschiedenen jüdischen Veranstaltungen. Und immer liefen alle Gespräche auf eins hinaus: Man muss fahren.
    Wir hatten Pläne mit Israel. Dann, vier Jahre vor uns, sind unsere Bekannten nach Deutschland gefahren. Ich habe sie besucht.

    O-Ton: Enkel Wowa
    Als mein Vater zurück kam, haben wir die Datscha, die Wohnung und überhaupt alles verkauft, nahmen das Geld und stiegen in den Zug. Wir fuhren erst über Kiew und dann über die deutsche Grenze. Mir wurde nicht gesagt, wohin wir fahren. Ich habe auch nicht gefragt, ich wusste einfach, dass das, was meine Eltern tun, richtig ist. Am Ende waren wir einfach in Deutschland. 

    (Zugrattern ausblenden)

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Denn das Leben in der Ukraine war sehr schwer, unmöglich. Das Geld fehlte, woher nehmen. Die Kinder hatten keine Arbeit. Die Rente war klein. Keine Milch, kein Fleisch. Am Abend gehe ich ins Geschäft und die notieren meinen Namen, morgens früh um sechs Uhr gehe ich noch mal hin und die sagen, ah, bist du da, gut. Und dann, um acht Uhr, wird geöffnet und dann bekomme ich Milch. So viele male gehen für ein bisschen Milch. Und dann der Antisemitismus... er ist durch unser ganzes Leben gegangen.
    Juden, das ist schlecht, du bist schlecht. Es gab keine Arbeit. Die sahen am Gesicht bei meinem Mann und den Kindern, dass sie Juden sind. Der Direktor des metallurgischen Instituts Kablukow hat gesagt: bei mir lernt kein Jude. Viele Leute haben einfach Geld gegeben, sie haben bestochen und konnten im Institut lernen. Ich habe jetzt keine Angst, das zu sagen.
    Wir waren Menschen wie alle anderen. Nicht schlecht, was konnten wir schlecht machen? Wir haben gelebt wie alle anderen. Aber jetzt leben wir hier und das ist gut, keiner macht mich schlecht. Ich habe schon die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich fühle mich gut in Berlin.

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Wir fuhren weg und die Heimat flüsterte uns nach: die Juden fahren weg. Die Heimat hasste uns: Im Bürgeramt, wo ich Dokumente besorgt habe, in der Sparkasse, wo ich mein Konto auflöste, in der Hausverwaltung, wo ich die Dokumente für die Visa-Abteilung geholt habe, in der Schlange in der deutschen Botschaft in Kiew, im Haus, wo wir wohnten...
    Jetzt bin ich hier zu Hause. Jetzt bin ich Berliner.

    O-Ton: Enkel Wowa
    Am Anfang kamen wir in ein Heim in Potsdam. Dort waren die ganzen Flüchtlinge untergebracht, die meisten waren Russen. Ich ging dort gleich in die erste Klasse. Später zogen wir dann nach Berlin und ich ging dort in die Grundschule. bIch hatte sehr viele ausländische Freunde und... naja, daher auch mein Akzent.

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Als wir nach Deutschland fuhren, hatte ich große Angst, dass uns der Zoll alles wegnimmt. Die Tagebücher lagen auf dem Boden von 4 Koffern. Obendrauf irgendwelche anderen Dinge... Natürlich hätten Sie sie wegnehmen können, kein Geld der Welt hätte sie davon abgehalten. Aber ich kam durch. Sie haben die Dachen nicht durchsucht. Ihre psychologischen Methoden sind direkt. Man wird angestarrt und gefragt: "Gold, Drogen, Waffen, Antiquitäten, Geld!?".
    Wenn man in Panik gerät, den Blick abwendet oder irgendetwas brummelt, beginnen sie sofort zu suchen.
    Wir kamen 1995. 1997 kaufte ich mir irgendwo einen Computer und schrieb die Tagebücher weiter ab. 2002 war ich fertig damit. Insgesamt
    eine Arbeit von rund 15 Jahren.

    O-Ton: Enkel Wowa
    Mein Vater, Vitaly Gelfand, hat endlich sein Ziel erreicht: das „Deutschland-Tagebuch“ meines Großvaters wurde 2005 ins Deutsche übersetzt und in Berlin veröffentlicht.

    Autorin:
    Das war ein Erfolg, den kaum jemand für möglich gehalten hatte. Der hartnäckige Vitaly versuchte natürlich auch, das Buch in Russland herauszubringen, aber das war vollkommen aussichtslos. 

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Der Redakteur hat zu mir gesagt: Du verstehst doch, wir haben heute Putin... Ich will nicht, dass die ganze Auflage erst gedruckt und dann kurz vor dem Verkauf beschlagnahmt wird. Das kann ich nicht riskieren... Es zog sich ein halbes Jahr hin: in langen Gesprächen, Briefen und Telefonanrufen habe ich es nicht geschafft. Die Bedingung des Verlages war: Wir schneiden aus den Tagebüchern alle jüdischen Momente heraus, alle konflikthaltigen Episoden und alle Passagen, wo Negatives über die Rote Armee vorkommt und lassen nur Vaters Weg durch den Krieg stehen.
    Sie brauchen die wirkliche Geschichte nicht. Alles ist verdreht und von Anfang bis zu Ende verfälscht. Heute wird in Russland nach den im letzten Jahr neu aufgelegten Geschichtsbüchern unterrichtet, dass Stalin ein Genie und die Repressionen seiner Zeit eine geschichtliche Notwendigkeit waren.
    Der Name Putin wurde in die Lehrbücher geschrieben und er wird dort als Nachfolger der großen Sache Stalins bezeichnet. Das Land wurde über viele lange Jahre ruiniert: Lenin, Stalin, Jelzin. Als Putin an die Macht kam, musste er nicht mehr viel tun: das Volk ist auf eine Generation im Voraus verdorben.

    (Musik bis Ende unterlegen: Efim Jourist „Russian Rhapsody“‚Russische Rhapsodie’)

    O-Ton: Enkel Wowa
    Wir leben jetzt schon 15 Jahre in Berlin, aber der Kontakt zu den Deutschen ist irgendwie schwierig. Ich weiß auch nicht warum. Ich selbst habe viele ausländische Freunde, türkische und assyrische. Aber meine Familie bleibt irgendwie unter sich. Die wohnen auch alle in der Nähe... die ganzen Bekannten aus Dnjepropetrowsk und aus dem Heim und die besuchen sich auch ständig untereinander. 

    O-Ton: Mutter Bella (eventuell Overvoice)
    Ich habe Kontakt mit Deutschen, ich gehe und spreche schlecht, aber es geht. Ich spreche mit deutschen Leuten, nicht so viel, aber ich spreche. Man versteht mich.

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Deutsche Freunde haben wir nicht. Ich würde gern mit Deutschen befreundet sein, aber die Mentalität ist so anders. Verschiedene Interessen. Alles ist so verschieden. Ich weiß nicht, wer von unseren russischen Freunden überhaupt deutsche Freunde hat. Wahrscheinlich niemand. Alle pflegen Kontakte mit Deutschen auf der alltäglichen Ebene: Im Treppenhaus mit den Nachbarn, im Supermarkt, beim Arzt, in Institutionen. Wenn jemand zu mir ins Haus kommt, freundschaftlich, setzt sich hin, schaut mit uns Fernsehen und hört Musik, isst mit uns, raucht, unterhält sich - nehme ich die Freundschaft gerne an. Aber man kommt nicht zu uns und wir gehen nicht zu ihnen. 

    O-Ton: Enkel Wowa
    Ich habe zwar Kontakt zu Deutschen, aber die meisten meiner Freunde sind Ausländer. Auch auf meiner Schule sehe ich, wie die einzelnen Ausländergruppen unter sich bleiben. Es ist eine Berufsfachschule und ich möchte meine Fachhochschulreife erreichen. Später möchte ich Kommunikationswissenschaften studieren und vielleicht Journalist werden.

    Autorin:
    Der größere Teil der Familie Gelfand besitzt bereits einen deutschen Pass. Der 22jährige Wladimir wartet noch darauf, dass die Ukraine ihn aus der Staatsangehörigkeit entlässt. Das kann noch dauern. Sein 46 jähriger Vater Vitaly, der ein Rückenleiden hat, muss erst eine feste Stellung nachweisen. Man mag sich nicht vorstellen, dass seine Russland-Kenntnisse ungenutzt bleiben und er vielleicht erst als Rentner seinen deutschen Pass bekommt. Zurück in die Ukraine möchten die Gelfands jedenfalls nicht.

    O-Ton russisch: Sohn Vitaly (Overvoice)
    Heimat ist dort, wo es gut ist. Heimat ist dort, wo man sich sicher und als Mensch aufgehoben fühlt. Wo man durch das Gesetz geschützt ist und wo
    keine Unordnung herrscht. Wo kein Hass ist.
    Hier ist mein Vater gewesen, hier bin ich und hier habe ich das Buch meines Vaters veröffentlicht. Wenn ich kann, werde ich auf jeden Fall etwas für das Land und für Berlin tun, ich weiß bloß noch nicht was. Jetzt erziehe ich erst einmal meine Kinder so gut ich kann, damit sie zu Menschen heranwachsen, das ist die Hauptsache.


     

    ZurZum


             

     












  •     Dr. Elke Scherstjanoi "Ein Rotarmist in Deutschland"
  •     Stern  "Von Siegern und Besiegten"
  •     Märkische Allgemeine  "Hinter den Kulissen"
  •     Das Erste /TV/  "Kulturreport"
  •     Berliner Zeitung  "Besatzer, Schöngeist, Nervensäge, Liebhaber"
  •     SR 2 KulturRadio  "Deutschland-Tagebuch 1945-1946. Aufzeichnungen eines Rotarmisten"
  •     Die Zeit  "Wodka, Schlendrian, Gewalt"
  •     Jüdische Allgemeine  "Aufzeichnungen im Feindesland"
  •     Mitteldeutsche Zeitung  "Ein rotes Herz in Uniform"
  •     Unveröffentlichte Kritik  "Aufzeichnungen eines Rotarmisten vom Umgang mit den Deutschen"
  •     Bild  "Auf Berlin, das Besiegte, spucke ich!"
  •     Das Buch von Gregor Thum "Traumland Osten. Deutsche Bilder vom östlichen Europa im 20. Jahrhundert"
  •     Flensborg Avis  "Set med en russisk officers øjne"
  •     Ostsee Zeitung  "Das Tagebuch des Rotarmisten"
  •     Leipziger Volkszeitung  "Das Glück lächelt uns also zu!"
  •     Passauer Neue Presse "Erinnerungspolitischer Gezeitenwechsel"
  •     Lübecker Nachrichten  "Das Kriegsende aus Sicht eines Rotarmisten"
  •     Lausitzer Rundschau  "Ich werde es erzählen"
  •     Leipzigs-Neue  "Rotarmisten und Deutsche"
  •     SWR2 Radio ART: Hörspiel
  •     Kulturation  "Tagebuchaufzeichnungen eines jungen Sowjetleutnants"
  •     Der Tagesspiegel  "Hier gibt es Mädchen"
  •     NDR  "Bücher Journal"
  •     Kulturportal  "Chronik"
  •     Sächsische Zeitung  "Bitterer Beigeschmack"
  •     Deutschlandradio Kultur  "Krieg und Kriegsende aus russischer Sicht"
  •     Berliner Zeitung  "Die Deutschen tragen alle weisse Armbinden"
  •     MDR  "Deutschland-Tagebuch eines Rotarmisten"
  •     Jüdisches Berlin  "Das Unvergessliche ist geschehen" / "Личные воспоминания"
  •     Süddeutsche Zeitung  "So dachten die Sieger"
  •     Financial Times Deutschland  "Aufzeichnungen aus den Kellerlöchern"
  •     Badisches Tagblatt  "Ehrliches Interesse oder narzisstische Selbstschau?"
  •     Freie Presse  "Ein Rotarmist in Berlin"
  •     Nordkurier/Usedom Kurier  "Aufzeichnungen eines Rotarmisten ungefiltert"
  •     Nordkurier  "Tagebuch, Briefe und Erinnerungen"
  •     Ostthüringer Zeitung  "An den Rand geschrieben"
  •     Potsdamer Neueste Nachrichten  "Hier gibt es Mädchen"
  •     NDR Info. Forum Zeitgeschichte "Features und Hintergründe"
  •     Deutschlandradio Kultur  "Politische Literatur. Lasse mir eine Dauerwelle machen"
  •     Konkret "Watching the krauts. Emigranten und internationale Beobachter schildern ihre Eindrücke aus Nachkriegsdeutschland"
  •     Dagens Nyheter  "Det oaendliga kriget"
  •     Utopie-kreativ  "Des jungen Leutnants Deutschland - Tagebuch"
  •     Neues Deutschland  "Berlin, Stunde Null"
  •     Webwecker-bielefeld  "Aufzeichnungen eines Rotarmisten"
  •     Südkurier  "Späte Entschädigung"
  •     Online Rezension  "Das kriegsende aus der Sicht eines Soldaten der Roten Armee"
  •     Saarbrücker Zeitung  "Erstmals: Das Tagebuch eines Rotarmisten"
  •     Neue Osnabrücker Zeitung  "Weder Brutalbesatzer noch ein Held"
  •     Thüringische Landeszeitung  "Vom Alltag im Land der Besiegten"
  •     Das Argument  "Wladimir Gelfand: Deutschland-Tagebuch 1945-1946. Aufzeichnungen eines Rotarmisten"
  •     Deutschland Archiv: Zeitschrift für das vereinigte Deutschland "Betrachtungen eines Aussenseiters"
  •     Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte  "Von Siegern und Besiegten"
  •     Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst. Rezensionen
  •     Online Rezensionen. Die Literaturdatenbank
  •     Literaturkritik  "Ein siegreicher Rotarmist"
  •     RBB Kulturradio  "Ein Rotarmist in Berlin"
  •     Українська правда  "Нульовий варiант" для ветеранiв вiйни / Комсомольская правда "Нулевой вариант" для ветеранов войны"
  •     Dagens Nyheter.  "Vladimir Gelfand. Tysk dagbok 1945-46"
  •     Ersatz  "Tysk dagbok 1945-46 av Vladimir Gelfand"
  •     Borås Tidning  "Vittnesmåil från krigets inferno"
  •     Sundsvall (ST)  "Solkig skildring av sovjetisk soldat frеn det besegrade Berlin"
  •     Helsingborgs Dagblad  "Krigsdagbok av privat natur"
  •     2006 Bradfor  "Conference on Contemporary German Literature"
  •     Spring-2005/2006 Foreign Rights, German Diary 1945-1946
  •     Flamman  "Dagbok kastar tvivel över våldtäktsmyten"
  •     Expressen  "Kamratliga kramar"
  •     Expressen Kultur  "Under våldets täckmantel"
  •     Lo Tidningen  "Krigets vardag i röda armén"
  •     Tuffnet Radio  "Är krigets våldtäkter en myt?"
  •     Norrköpings Tidningar  "En blick från andra sidan"
  •     Expressen Kultur  "Den enda vägens historia"
  •     Expressen Kultur  "Det totalitära arvet"
  •     Allehanda  "Rysk soldatdagbok om den grymma slutstriden"
  •     Ryska Posten  "Till försvar för fakta och anständighet"
  •     Hugin & Munin  "En rödarmist i Tyskland"
  •     Theater "Das deutsch-russische Soldatenwörtebuch" / Театр  "Русско-немецкий солдатский разговорник"
  •     SWR2 Radio "Journal am Mittag"
  •     Berliner Zeitung  "Dem Krieg den Krieg erklären"
  •     Die Tageszeitung  "Mach's noch einmal, Iwan!"
  •     The book of Paul Steege: "Black Market, Cold War: Everyday Life in Berlin, 1946-1949"
  •     Телеканал РТР "Культура"  "Русско-немецкий солдатский разговорник"
  •     Аргументы и факты  "Есть ли правда у войны?"
  •     RT "Russian-German soldier's phrase-book on stage in Moscow"
  •     Утро.ru  "Контурная карта великой войны"
  •     Телеканал РТР "Культура":  "Широкий формат с Ириной Лесовой"
  •     Museum Berlin-Karlshorst  "Das Haus in Karlshorst. Geschichte am Ort der Kapitulation"
  •     Das Buch von Roland Thimme: "Rote Fahnen über Potsdam 1933 - 1989: Lebenswege und Tagebücher"
  •     Das Buch von Bernd Vogenbeck, Juliane Tomann, Magda Abraham-Diefenbach: "Terra Transoderana: Zwischen Neumark und Ziemia Lubuska"
  •     Das Buch von Sven Reichardt & Malte Zierenberg: "Damals nach dem Krieg Eine Geschichte Deutschlands - 1945 bis 1949" 
  •     Lothar Gall & Barbara Blessing: "Historische Zeitschrift Register zu Band 276 (2003) bis 285 (2007)"
  •     Kollektives Gedächtnis "Erinnerungen an meine Cousine Dora aus Königsberg"
  •     Das Buch von Ingeborg Jacobs: "Freiwild: Das Schicksal deutscher Frauen 1945"
  •     Закон i Бiзнес "Двічі по двісті - суд честі"
  •     Радио Свобода "Красная армия. Встреча с Европой"
  •     DEP "Stupri sovietici in Germania (1944-45)"
  •     Explorations in Russian and Eurasian History "The Intelligentsia Meets the Enemy: Educated Soviet Officers in Defeated Germany, 1945"
  •     DAMALS "Deutschland-Tagebuch 1945-1946"
  •     Das Buch von Pauline de Bok: "Blankow oder Das Verlangen nach Heimat"  
  •     Das Buch von Ingo von Münch: "Frau, komm!": die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45"
  •     Das Buch von Roland Thimme: "Schwarzmondnacht: Authentische Tagebücher berichten (1933-1953). Nazidiktatur - Sowjetische Besatzerwillkür
  •     История государства "Миф о миллионах изнасилованных немок"
  •     Das Buch Alexander Häusser, Gordian Maugg: "Hungerwinter: Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/47"
  •     Heinz Schilling: "Jahresberichte für deutsche Geschichte: Neue Folge. 60. Jahrgang 2008"
  •     Jan M. Piskorski "WYGNAŃCY: Migracje przymusowe i uchodźcy w dwudziestowiecznej Europie"
  •     Deutschlandradio "Heimat ist dort, wo kein Hass ist"
  •     Journal of Cold War Studies "Wladimir Gelfand, Deutschland-Tagebuch 1945–1946: Aufzeichnungen eines Rotarmisten"
  •     ЛЕХАИМ "Евреи на войне. Солдатские дневники"
  •     Частный Корреспондент "Победа благодаря и вопреки"
  •     Перспективы "Сексуальное насилие в годы Второй мировой войны: память, дискурс, орудие политики"
  •     Радиостанция Эхо Москвы & RTVi "Не так" с Олегом Будницким: Великая Отечественная - солдатские дневники"
  •     Books Llc "Person im Zweiten Weltkrieg /Sowjetunion/ Georgi Konstantinowitsch Schukow, Wladimir Gelfand, Pawel Alexejewitsch Rotmistrow"
  •     Das Buch von Jan Musekamp: "Zwischen Stettin und Szczecin - Metamorphosen einer Stadt von 1945 bis 2005"
  •     Encyclopedia of safety "Ladies liberated Europe in the eyes of Russian soldiers and officers (1944-1945 gg.)"
  •     Азовские греки "Павел Тасиц"
  •     Вестник РГГУ "Болезненная тема второй мировой войны: сексуальное насилие по обе стороны фронта"
  •     Das Buch von Jürgen W. Schmidt: "Als die Heimat zur Fremde wurde"
  •     ЛЕХАИМ "Евреи на войне: от советского к еврейскому?"
  •     Gedenkstätte/ Museum Seelower Höhen "Die Schlacht"
  •     The book of Frederick Taylor "Exorcising Hitler: The Occupation and Denazification of Germany"
  •     Огонёк "10 дневников одной войны"
  •     The book of Michael Jones "Total War: From Stalingrad to Berlin"
  •     Das Buch von Frederick Taylor "Zwischen Krieg und Frieden: Die Besetzung und Entnazifizierung Deutschlands 1944-1946"
  •     WordPress.com "Wie sind wir Westler alt und überklug - und sind jetzt doch Schmutz unter ihren Stiefeln"
  •     Олег Будницкий: "Архив еврейской истории" Том 6. "Дневники"
  •     Åke Sandin "Är krigets våldtäkter en myt?"
  •     Michael Jones: "El trasfondo humano de la guerra: con el ejército soviético de Stalingrado a Berlín"
  •     Das Buch von Jörg Baberowski: "Verbrannte Erde: Stalins Herrschaft der Gewalt"
  •     Zeitschrift fur Geschichtswissenschaft "Gewalt im Militar. Die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg"
  •     Ersatz-[E-bok] "Tysk dagbok 1945-46"
  •     The book of Michael David-Fox, Peter Holquist, Alexander M. Martin: "Fascination and Enmity: Russia and Germany as Entangled Histories, 1914-1945"
  •     Елена Сенявская "Женщины освобождённой Европы глазами советских солдат и офицеров (1944-1945 гг.)"
  •     The book of Raphaelle Branche, Fabrice Virgili: "Rape in Wartime (Genders and Sexualities in History)"
  •     БезФорматаРу "Хоть бы скорей газетку прочесть"
  •     Все лечится "10 миллионов изнасилованных немок"
  •     Симха "Еврейский Марк Твен. Так называли Шолома Рабиновича, известного как Шолом-Алейхем"
  •     Annales: Nathalie Moine "La perte, le don, le butin. Civilisation stalinienne, aide étrangère et biens trophées dans l’Union soviétique des années 1940"
  •     Das Buch von Beata Halicka "Polens Wilder Westen. Erzwungene Migration und die kulturelle Aneignung des Oderraums 1945 - 1948"
  •     Das Buch von Jan M. Piskorski "Die Verjagten: Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhundert"
  •     Уроки истории. ХХ век. Гефтер. "Антисемитизм в СССР во время Второй мировой войны в контексте холокоста"
  •     Ella Janatovsky "The Crystallization of National Identity in Times of War: The Experience of a Soviet Jewish Soldier"
  •     Всеукраинский еженедельник Украина-Центр "Рукописи не горят"
  •     Bücher / CD-s / E-Book von Niclas Sennerteg "Nionde arméns undergång: Kampen om Berlin 1945"
  •     Das Buch von Michaela Kipp: "Großreinemachen im Osten: Feindbilder in deutschen Feldpostbriefen im Zweiten Weltkrieg"
  •     Петербургская газета "Женщины на службе в Третьем Рейхе"
  •     Володимир Поліщук "Зроблено в Єлисаветграді"
  •     Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst. Katalog zur Dauerausstellung / Каталог постоянной экспозиции
  •     Clarissa Schnabel "The life and times of Marta Dietschy-Hillers"
  •     Еврейский музей и центр толерантности. Группа по работе с архивными документами 
  •     Эхо Москвы "ЦЕНА ПОБЕДЫ: Военный дневник лейтенанта Владимира Гельфанда"
  •     Bok / eBok: Anders Bergman & Emelie Perland "365 dagar: Utdrag ur kända och okända dagböcker"
  •     РИА Новости "Освободители Германии"
  •     Das Buch von Jan M. Piskorski  "Die Verjagten: Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhundert"
  •     Das Buch von Miriam Gebhardt "Als die Soldaten kamen: Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs"
  •     Petra Tabarelli "Vladimir Gelfand"
  •     Das Buch von Martin Stein "Die sowjetische Kriegspropaganda 1941 - 1945 in Ego-Dokumenten"
  •     The German Quarterly "Philomela’s Legacy: Rape, the Second World War, and the Ethics of Reading"
  •     Deutsches Historisches Museum "1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang. Zwölf Länder Europas nach dem Zweiten Weltkrieg"
  •     День за днем "Дневник лейтенанта Гельфанда"
  •     BBC News "The rape of Berlin" / BBC Mundo / BBC O`zbek  / BBC Brasil / BBC فارْسِى "تجاوز در برلین"
  •     Echo24.cz "Z deníku rudoarmějce: Probodneme je skrz genitálie"
  •     The Telegraph "The truth behind The Rape of Berlin"
  •     BBC World Service "The Rape of Berlin"
  •     ParlamentniListy.cz "Mrzačení, znásilňování, to všechno jsme dělali. Český server připomíná drsné paměti sovětského vojáka"
  •     WordPress.com "Termina a Batalha de Berlim"
  •     Dnevnik.hr "Podignula je suknju i kazala mi: 'Spavaj sa mnom. Čini što želiš! Ali samo ti"                  
  •     ilPOST "Gli stupri in Germania, 70 anni fa"
  •     上 海东方报业有限公司 70年前苏军强奸了十万柏林妇女?很多人仍在寻找真相
  •     연합뉴스 "BBC: 러시아군, 2차대전때 독일에서 대규모 강간"
  •     Telegraf "SPOMENIK RUSKOM SILOVATELJU: Nemci bi da preimenuju istorijsko zdanje u Berlinu?"
  •    Múlt-kor "A berlini asszonyok küzdelme a szovjet erőszaktevők ellen"
  •     Noticiasbit.com "El drama oculto de las violaciones masivas durante la caída de Berlín"
  •     Museumsportal Berlin "Landsberger Allee 563, 21. April 1945"
  •     Caldeirão Político "70 anos após fim da guerra, estupro coletivo de alemãs ainda é episódio pouco conhecido"
  •     Nuestras Charlas Nocturnas "70 aniversario del fin de la II Guerra Mundial: del horror nazi al terror rojo en Alemania"
  •     W Radio "El drama oculto de las violaciones masivas durante la caída de Berlín"
  •     La Tercera "BBC: El drama oculto de las violaciones masivas durante la caída de Berlín"
  •     Noticias de Paraguay "El drama de las alemanas violadas por tropas soviéticas hacia el final de la Segunda Guerra Mundial"
  •     Cnn Hit New "The drama hidden mass rape during the fall of Berlin"
  •     Dân Luận "Trần Lê - Hồng quân, nỗi kinh hoàng của phụ nữ Berlin 1945"
  •     Český rozhlas "Temná stránka sovětského vítězství: znásilňování Němek"
  •     Historia "Cerita Kelam Perempuan Jerman Setelah Nazi Kalah Perang"
  •     G'Le Monde "Nỗi kinh hoàng của phụ nữ Berlin năm 1945 mang tên Hồng Quân"
  •     Эхо Москвы "Дилетанты. Красная армия в Европе"
  •     Der Freitag "Eine Schnappschussidee"
  •     باز آفريني واقعيت ها  "تجاوز در برلین"
  •     Quadriculado "O Fim da Guerra e o início do Pesadelo. Duas narrativas sobre o inferno"    
  •     Majano Gossip "PER NON DIMENTICARE…….. LE PORCHERIE COMUNISTE !!!!!"
  •     Русская Германия "Я прижал бедную маму к своему сердцу и долго утешал"
  •     The book of Nicholas Stargardt "The German War: A Nation Under Arms, 1939–45"
  •     Das Buch "Владимир Гельфанд. Дневник 1941 - 1946"
  •     BBC Русская служба "Изнасилование Берлина: неизвестная история войны" / BBC Україна "Зґвалтування Берліна: невідома історія війни"
  •     Гефтер. "Олег Будницкий: «Дневник, приятель дорогой!» Военный дневник Владимира Гельфанда"
  •     Гефтер "Владимир Гельфанд. Дневник 1942 года"
  •     BBC Tiếng Việt "Lính Liên Xô 'hãm hiếp phụ nữ Đức'"
  •     Эхо Москвы "ЦЕНА ПОБЕДЫ: Дневники лейтенанта Гельфанда"
  •     Renato Furtado "Soviéticos estupraram 2 milhões de mulheres alemãs, durante a Guerra Mundial"
  •     Вера Дубина "«Обыкновенная история» Второй мировой войны: дискурсы сексуального насилия над женщинами оккупированных территорий"
  •     Еврейский музей и центр толерантности "Презентация книги Владимира Гельфанда «Дневник 1941-1946»"
  •     Еврейский музей и центр толерантности "Евреи в Великой Отечественной войне"
  •     Сидякин & Би-Би-Си. Драма в трех действиях. "Атака"
  •     Сидякин & Би-Би-Си. Драма в трех действиях. "Бой"
  •     
  •     Сидякин & Би-Би-Си. Драма в трех действиях. "Победа"
  •     Сидякин & Би-Би-Си. Драма в трех действиях. Эпилог
  •     Труд "Покорность и отвага: кто кого?"
  •     Издательский Дом «Новый Взгляд» "Выставка подвига"
  •     Katalog NT "Выставка "Евреи в Великой Отечественной войне " - собрание уникальных документов"
  •     Вести "Выставка "Евреи в Великой Отечественной войне" - собрание уникальных документов"
  •     Радио Свобода "Бесценный графоман"
  •     Вечерняя Москва "Еще раз о войне"
  •     РИА Новости "Выставка про евреев во время ВОВ открывается в Еврейском музее"
  •     Телеканал «Культура» "Евреи в Великой Отечественной войне" проходит в Москве"
  •     Россия HD "Вести в 20.00"
  •     GORSKIE "В Москве открылась выставка "Евреи в Великой Отечественной войне"
  •     Aгентство еврейских новостей "Евреи – герои войны"
  •     STMEGI TV "Открытие выставки "Евреи в Великой Отечественной войне"
  •     Национальный исследовательский университет Высшая школа экономики "Открытие выставки "Евреи в Великой Отечественной войне"
  •     Независимая газета "Война Абрама"
  •     Revista de Historia "El lado oscuro de la victoria aliada en la Segunda Guerra Mundial"
  •     Лехаим "Война Абрама"
  •     Libertad USA "El drama de las alemanas: violadas por tropas soviéticas en 1945 y violadas por inmigrantes musulmanes en 2016"
  •     НГ Ex Libris "Пять книг недели"
  •     Брестский Курьер "Фамильное древо Бреста. На перекрестках тех дорог…"
  •     Полит.Ру "ProScience: Олег Будницкий о народной истории войны"
  •     Олена Проскура "Запiзнiла сповiдь"
  •     Полит.Ру "ProScience: Возможна ли научная история Великой Отечественной войны?"
  •     Das Buch "Владимир Гельфанд. Дневник 1941 - 1946"
  •     Ahlul Bait Nabi Saw "Kisah Kelam Perempuan Jerman Setelah Nazi Kalah Perang"
  •     北京北晚新视觉传媒有限公司 "70年前苏军强奸了十万柏林妇女?"
  •     Преподавание истории в школе "«О том, что происходило…» Дневник Владимира Гельфанда"
  •     Вестник НГПУ "О «НЕУБЕДИТЕЛЬНЕЙШЕЙ» ИЗ ПОМЕТ: (Высокая лексика в толковых словарях русского языка XX-XXI вв.)"
  •     Archäologisches Landesmuseum Brandenburg "Zwischen Krieg und Frieden" / "Между войной и миром"
  •     Российская газета "Там, где кончается война"
  •     Народный Корреспондент "Женщины освобождённой Европы глазами советских солдат: правда про "2 миллиона изнасилованых немок"
  •     Fiona "Военные изнасилования — преступления против жизни и личности"
  •     军情观察室 "苏军攻克柏林后暴行妇女遭殃,战争中的强奸现象为什么频发?"
  •     Независимая газета "Дневник минометчика"
  •     Независимая газета "ИСПОДЛОБЬЯ: Кризис концепции"
  •     Olhar Atual "A Esquerda a história e o estupro"
  •     The book of Stefan-Ludwig Hoffmann, Sandrine Kott, Peter Romijn, Olivier Wieviorka "Seeking Peace in the Wake of War: Europe, 1943-1947"
  •     Steemit "Berlin Rape: The Hidden History of War"
  •     Estudo Prático "Crimes de estupro na Segunda Guerra Mundial e dentro do exército americano"
  •     Громадське радіо "Насильство над жінками під час бойових дій — табу для України"
  •     InfoRadio RBB "Geschichte in den Wäldern Brandenburgs"
  •     Hans-Jürgen Beier gewidmet "Lehren – Sammeln – Publizieren"
  •     Русский вестник "Искажение истории: «Изнасилованная Германия»"
  •     Vix "Estupro de guerra: o que acontece com mulheres em zonas de conflito, como Aleppo?"
  •     El Nuevo Accion "QUE LE PREGUNTEN A LAS ALEMANAS VIOLADAS POR RUSOS, NORTEAMERICANOS, INGLESES Y FRANCESES"
  •     Periodismo Libre "QUE LE PREGUNTEN A LAS ALEMANAS VIOLADAS POR RUSOS, NORTEAMERICANOS, INGLESES Y FRANCESES"
  •     DE Y.OBIDIN "Какими видели европейских женщин советские солдаты и офицеры (1944-1945 годы)?"
  •     NewConcepts Society "Можно ли ставить знак равенства между зверствами гитлеровцев и зверствами советских солдат?"
  •     搜狐 "二战时期欧洲,战胜国对战败国的妇女是怎么处理的"
  •     Эхо Москвы "Дилетанты. Начало войны. Личные источники"
  •     Журнал "Огонёк" "Эго прошедшей войны"
  •     Уроки истории. XX век "Книжный дайджест «Уроков истории»: советский антисемитизм"
  •