Dr. Elke Scherstjanoi "Ein Rotarmist in Deutschland"

                                                                                                            








Dr. Elke Scherstjanoi
 

Ein Rotarmist in Deutschland

 

Wladimir Natanowitsch Gelfand wurde am 1. März 1923 in Nowo-Archangelsk, einem kleinen Ort im Gebiet Kirowograd in der Ostukraine, geboren. Die jüdische Familie lebte sehr bescheiden. Wladimirs Mutter Nadeschda Wladimirowna Gorodynskaja (1902–1982) kam aus ärmlichen Verhältnissen, sie war eines von acht Kindern. Als junge Frau verdiente sie mit Privatunterricht etwas Geld. Der Vater Natan Solomonowitsch Gelfand (1894–1974) hatte zunächst in einer Zementfabrik in Dneprodserschinsk gearbeitet und nach der Revolution berufsbildende Kurse besucht. Wladimir bezeichnete in Fragebögen seine soziale Stellung mit Arbeiter und Glaser. Während der Vater parteilos blieb, gehörte die Mutter seit 1917, also schon in sehr jungen Jahren, zu den Bolschewiki. Parteifunktionen übte sie offenbar nicht aus, doch Wladimir hielt es in einem Lebenslauf für erwähnenswert, daß sie am Bürgerkrieg teilgenommen hatte. Allem Anschein nach erlosch ihre Parteimitgliedschaft im Zuge einer Neuregistrierung in den fünfziger Jahren, denn er nannte die Mutter in einer Kurzbiographie aus dieser Zeit „parteilos“. 

Wladimirs Eltern lebten also in einem ganz typischen Milieu des in den dreißiger Jahren zunehmend industrialisierten Südens der Sowjetunion: in dem der proletarisierten jüdischen Minderheit, die Anschluß an die kommunistische Bewegung gefunden hatte. Letzterem lag eher ein politisch-weltanschaulicher Konsens zugrunde, weniger eine politisch-organisatorisch Bindung; zum „Kaderreservoir“ gehörten Wladimirs Eltern nicht.

Auf der Suche nach einträglicher Arbeit und familiärer Unterstützung gelangte die junge Familie in die Region um Kislowodsk im Kaukasus. 1926 wohnte sie in Jessentuki, wo die Eltern des Vaters lebten, kehrte aber schon 1928 wieder ins ukrainische Industriegebiet zurück. Hier arbeitete der Vater in einem Metallbetrieb als Brigadier und wurde – den Angaben des Sohnes zufolge – als „Stoßarbeiter“ ausgezeichnet. Die Mutter war als Erzieherin in einem Betriebskindergarten beschäftigt, in dem auch Wladimir betreut wurde. Nach seiner Einschulung im Jahr 1932 übernahm sie eine Stelle in der Personalverwaltung eines großen Industriebetriebes. 1933 zog die Familie in die nahegelegene Industriemetropole Dnepropetrowsk.

Die Eltern trennten sich, als Wladimir noch zur Schule ging. Der Vater blieb aber mit ihm in Verbindung. Wladimirs Aufzeichnungen bieten keine hinreichende Erklärung für die Trennung. Er blickte ungern auf seine Kindheit zurück. Verhalten deutete er an, daß es oft Streit gegeben hatte. Seiner Erinnerung nach schenkte die Mutter ihm nur wenig Zärtlichkeit. Indes, die Briefe der Eltern an den Soldaten Wladimir Gelfand sprechen eine andere Sprache. Vater wie Mutter müssen ihren einzigen Sohn abgöttisch geliebt haben, und auch die Tanten und Onkel mütterlicherseits brachten dem Jungen viel Zuneigung entgegen. Wie er später, als Student, von einer früheren Mitschülerin erfuhr, hielten die Mädchen seiner Altersgruppe den zarten Knaben für ein Muttersöhnchen.

An Kleidung und Nahrung konnten die Eltern nichts Besonderes bieten, doch sie förderten Wladimirs Bildung nach Kräften. In den oberen Klassen war er ein belesener Schüler, der sich für Philosophie, Geschichte, Politik und vor allem für Poesie interessierte. Wladimir teilte diese geistigen Vorlieben mit vielen. Er war ein typischer Vertreter der „sowjetischen Oberprima“ der dreißiger Jahre: überzeugter Komsomolze, Wandzeitungsredakteur, glühender Agitator und Organisator von künstlerischen Rezitationswettbewerben. In einer Zeit, da der Wortkunst eine außerordentliche Bedeutung beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft und der Entwicklung des „neuen Menschen“ zugesprochen wurde, meinte auch er, den geistig anspruchvollen, zugleich politischen „Beruf“ eines Schriftstellers ergreifen zu müssen.[i] Daß das Land vom Stalinistischen Terror erschüttert wurde, registrierte der Schüler Gelfand kaum, denn es tangierte ihn und seine Familie nicht, und Schule wie Presse schienen die richtige Erklärung für den Kampf gegen „Verräter“ und „Klassenfeinde“ zu liefern.

Wladimir war von seinem dichterischen Talent überzeugt, er war zielstrebig und ausdauernd und hatte Freude am Formulieren. Warum er 1940 oder 1941 von der Mittelschule in die Abiturklasse der Dnepropetrowsker „Arbeiterfakultät für Industrie“ überwechselte, ist nicht ganz klar. An der neuen Ausbildungsstätte mit zusätzlicher Berufsausbildung absolvierte er „drei Kurse“.

Der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion verhinderte Wladimirs Schulabschluß. Als im August 1941 Betriebe und öffentliche Einrichtungen der Heimatstadt evakuiert wurden, schlugen seine Mutter und er sich nach Jessentuki durch. Wladimir fand Unterkunft bei einer Tante, die Mutter konnte nicht in seiner Nähe bleiben. Auch der Vater verließ die Ukraine. Er zog zu einem Bruder nach Derbent, einer Kleinstadt am westlichen Ufer des Kaspischen Meeres. Dort verbrachte er, eingespannt in die harte Produktionsmaschinerie des sowjetischen Hinterlandes, die ersten Kriegsjahre, bis er schließlich für die „Arbeitsarmee“ in Schachty im Donbaß dienstverpflichtet wurde.

Wladimir Gelfand wurde in Jessentuki und dessen Umgebung zunächst bei einfachen Reparaturarbeiten eingesetzt. Im April 1942 meldete er sich an die Front, am 6. Mai 1942 wurde er einberufen. Die Grundausbildung erhielt der Neunzehnjährige in einer kleinen Artillerie-Einheit in der Nähe von Majkop im westlichen Kaukasus. Wladimir wurde der Rang eines Sergeanten zuerkannt, er übernahm das Kommando über eine Granatwerferbesatzung. Als die Ölfelder bei Majkop im August 1942 direktes Ziel deutscher Angriffe wurden und die Wehrmacht in den Kaukasus vordrang, war Wladimir bereits nicht mehr dort. Er kämpfte seit Juni an der südlichen Flanke der Charkower Front, die den mächtigen Attacken des Gegners allerdings nicht gewachsen war.

Gelfand erlebte einen chaotischen Rückzug im Raum Rostow. Mitte Juli 1942 wurde seine Einheit umzingelt und teilweise aufgerieben. Mit einer kleinen Gruppe gelang es Wladimir, aus dem Kessel auszubrechen und erneut Anschluß an die Truppe zu finden. Anfang August wies man ihn einer Eliteeinheit zu, der 15. Garde-Schützendivision, die nahe Stalingrad kämpfte. In seinem Zug wurde Garde-Sergeant Gelfand zum Stellvertreter des Zugführers für politische Arbeit ernannt. Er stellte den Antrag, in die Kommunistische Partei aufgenommen zu werden, und erhielt ein Kandidaten-Parteibuch. „Ich will als Kommunist in den Kampf ziehen“, hatte er sich schon im Mai 1942 vorgenommen.

Die Rote Armee führte opferreiche Verteidigungs- und Rückzugskämpfe. Zum Jahresende konzentrierten sich die Kampfhandlungen bei Stalingrad. Eine Verwundung rettete Wladimir vor dem schlimmsten Gemetzel, er kam im Dezember 1942 in ein Lazarett in der Nähe von Saratow, östlich der Wolga. Seine frühere Einheit kämpfte bald danach im nördlichen Kaukasus und befreite seine „zweite Heimat“. Im Januar 1943 nahm die Rote Armee Jessentuki wieder ein.

Die Verletzung an der Hand heilte schwer. Erst im Februar 1943 wurde Wladimir gesundgeschrieben und in ein Reserve-Schützen-Regiment bei Rostow eingewiesen. Sein Weg dorthin führte durch das zerstörte Stalingrad. Vom Schicksal seiner Mutter wußte er lange nichts. Im Sommer 1943 erreichte ihn die Nachricht, daß sie in Mittelasien lebte, und Wladimir nahm den Briefkontakt zu ihr wieder auf. Er erfuhr, daß fast alle Verwandten väterlicherseits im besetzten Jessentuki bei Judenvernichtungsaktionen umgekommen waren. Überlebt hatten nur der Vater und dessen Bruder im nicht besetzten Derbent.

Eine dreimonatige Schulung in Offizierskursen beendete Wladimir als Unterleutnant. Ende August 1943 wurde er in die 248. Schützendivision versetzt, wo er nach kurzem Aufenthalt in der Reserve das Kommando über einen Granatwerferzug übernahm. So kam er nach acht Monaten Hinterland wieder ins unmittelbare Kampfgeschehen.

Die 248. Schützendivision hatte bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Zweimal völlig aufgerieben und wieder neu formiert, erhielt sie mit der dritten Aufstellung 1942 gut ausgebildete Kräfte aus verschiedenen Infanterie-Unteroffiziersschulen und Frontlazaretten. Die hochmotivierte Truppe machte sich innerhalb der Verbände der Südfront sehr verdient. Gelfand stieß zu ihr, als die Südukraine befreit wurde. Die Rote Armee schnitt die noch von den Deutschen besetzte Krim ab und attackierte die restlichen deutschen Verteidigungslinien. Gelfands Granatwerferzug wurde südlich von Melitopol eingesetzt. – 150 Kilometer entfernt lag zur selben Zeit auf einem Sonnenblumenfeld in einem „sehr engen und feuchten Loch in der schwarzen russischen Erde“ ein Soldat namens Heinrich Böll und schrieb seiner Mutter einen Brief „aus dem traurigen Entsetzen des Krieges“.[ii]

Als die 248. Schützendivision im Herbst 1943 in eine Garde-Armee der 3. Ukrainischen Front eingegliedert wurde, erwartete Wladimir voller Stolz, daß sie Garde-Division würde. Die Anerkennung als Elitetruppe bedeutete neben hohem Ansehen auch eine vergleichsweise strenge Auswahl  des Personals bei Auffüllungen der Mannschaften und Offiziersreihen, bedeutete gute Ausbildung, anständige Ausstattung und vorbildliche Disziplin. Dem jungen Unterleutnant war die Aussicht auf gebildetere Kameraden und auf einen etwas zivilisierteren Umgang sehr willkommen. Allein, die Hoffnung erfüllte sich nicht, die Einheit kämpfte als reguläre Division weiter. Ende Januar 1944 erhielt Wladimir Gelfand den Rang eines Leutnants. Seit November 1943 war er Vollmitglied der KPdSU(B).

Während all der Monate an der Front, im Lazarett und in der Ausbildung führte er sein Tagebuch weiter. In den Ruhepausen zwischen den Attacken und den Bombardements des Gegners, auf Märschen, bei Befestigungsarbeiten und Angriffsvorbereitungen suchte er geistige Beschäftigung. In Ortschaften, die seine Einheit passierte, durchstöberte er Bibliotheken und fragte in Wohnungen nach Büchern. Er schrieb Gedichte und bot sie diversen Frontzeitungen an. Er studierte, soweit das möglich war, zentrale Zeitungen, er fertigte Wandzeitungen an und verfaßte Front-Flugblätter. Wladimir trat in Komsomol- und Parteiversammlungen auf, referierte im Parteilehrjahr, debattierte mit anderen über Stalin-Reden und Direktiven des Oberkommandos. Er wollte sich in politischen Funktionen nützlich machen. Kritisch hielt er in seinem Tagebuch fest, wie trocken und langweilig viele Front-Lektoren in den Versammlungen und Bildungsveranstaltungen referierten. In seinem Wirken als stellvertretender Komsomolsekretär und Mitglied des Komsomol-, später auch des Parteibüros im Bataillon, schließlich als Parteigruppenorganisator einer Kompanie erfuhr der Zwanzigjährige eine starke innere Befriedigung.

Anfang 1944 war Gelfands Einheit in Kämpfe am südlichen Dnepr verwickelt. Wladimir durchlebte sie abwechselnd an der Kampflinie und in der Reserve. Vielleicht waren Gesundheitsgründe ausschlaggebend (die alte Verwundung an der Hand machte ihm zu schaffen und mußte behandelt werden), vielleicht blieb er aus technischen Gründen mehrmals zurück.[iii] In die vordere Linie zurückgekehrt, übernahm er kurzzeitig einen Schützenzug. Anfang Mai 1944 überschritt seine Einheit den Dnestr nahe Grigoriopol. Eine neue Offensive am Südabschnitt der Front führte Wladimir im August 1944 nach Bessarabien. Immer häufiger waren Kolonnen von Kriegsgefangenen zu beobachten, von „verhaßten Fritzen“ und Verrätern aus den eigenen Reihen, Kollaborateuren. In seinem Tagebuch schilderte er Haßausbrüche der Rotarmisten den Gefangenen gegenüber. Von Tiraspol aus ging es in nordwestlicher Richtung weiter.

Nach zweieinhalb Jahren Soldatsein, von denen er weniger als die Hälfte im aktiven Kampfeinsatz verbracht hatte, ließ Wladimir Gelfands Pflichtbewußtsein merklich nach. Er hatte, wie die meisten, kein Verlangen nach der vordersten Linie. Da er häufig ohne Verantwortung für ein Kampfkommando war, oblagen ihm Aufgaben der allgemeinen Sicherheit, der Verbindung und des Nachschubs. Bei Verlegungen gelang es ihm, wie vielen anderen „Etappisten“, außerhalb des Trosses bequemere Wege, Transportmittel und Zwischenquartiere zu finden. Er pendelte zwischen Einheit, Stab und Versorgungsstützpunkt, wich Patrouillen aus und sah sich um. Im Herbst 1944 befand sich seine Division im Raum östlich von Warschau. Sein Tagebuch füllte sich mit Notizen über Begegnungen mit der polnischen Zivilbevölkerung. Ende November 1944 war er bereits über zwei Monate außerhalb der Kampfhandlungen.

Seine Bummeleien erregten bei Vorgesetzten wiederholt Mißfallen. Sogar dem Divisionskommandeur Nikolai Sacharowitsch Galai fiel er auf. Als Wladimir auch noch dessen Frontgeliebte anzuhimmeln begann und sie – auf freundschaftlichen Rat nichts gebend – in Briefen und Gedichten bedrängte, zog er Galais persönlichen Grimm auf sich. Im Dezember 1944 mußte er dem Militärstaatsanwalt sein unerlaubtes Entfernen von der Truppe erklären. Das alles ging zu seinem Glück glimpflich aus, und noch vor Jahresende kehrte Wladimir Gelfand zu den Granatwerfern der 248. Division zurück. 

Anfang 1945 bereitete sich die Rote Armee auf zwei gewaltige Angriffsoperationen vor, die Weichsel-Oder-Offensive und die Ostpreußen-Offensive. Einheiten mit insgesamt mehr als drei Millionen sowjetischer Soldaten wurden zu diesem Zweck neu formiert, ausgerüstet und in Stellung gebracht. Den erfolgreichen Offensiven sollte die Schlacht um Berlin folgen. Der Roten Armee stand ein noch immer mächtiger Feind entgegen, der an den Grenzen des eigenen Siedlungsraumes zu hartnäckigem Widerstand bereit war. Am 12. und 13. Januar begannen die sowjetischen Angriffe. Sie führten zu einem dynamischen Kampfgeschehen.

Wladimir Gelfand wurde Anfang Januar 1945 in das 1052. Schützenregiment der 301. Schützendivision eingewiesen, das in Vorbereitung der Offensive Übungen absolvierte. Die 301. Division gehörte seit Oktober 1944 zur 5. Stoßarmee von Generaloberst Nikolai Erastowitsch Bersarin innerhalb der 1. Belorussischen Front unter Armeegeneral Georgi Konstantinowitsch Shukow. Wladimir Gelfand bekam im 3. Schützenbataillon wieder das Kommando über einen Granatwerferzug, und diesmal ging es wirklich an die vorderste Kampflinie. Vielleicht war es für ihn eine Art Strafversetzung zum Zweck der Bewährung, denn Gelfands alte Division (ebenfalls in der 5. Stoßarmee) besetzte den Aufmarschraum hinter der 301.

Am Morgen des 14. Januar 1945 kam südlich von Warschau am Fluß Pilica nach 25minütiger Artillerievorbereitung der Befehl zum Angriff in nordwestlicher Richtung. Das 1052. Schützenregiment stieß auf deutsche Infanterie und Panzer, dennoch kamen die sowjetischen Truppen in diesem Abschnitt nach einigen Tagen Stellungskampf unerwartet schnell voran. Binnen zwei Wochen erreichten sie die 1939 von der Wehrmacht überrollte Reichsgrenze.

Gelfands Tagebucheinträge zeugen von Erschöpfung, aber auch von Stolz und Siegeserwartung. Hatte er Ende 1944 bereits bekannt, daß es für ihn und andere erstrebenswert sei, bei der Einnahme Berlins dabei zu sein, so rückte dieses Ziel nun rasch näher. Anfang Februar 1945 besetzte seine Einheit von Norden kommend bei Neuendorf einen Brückenkopf am westlichen Ufer der Oder. In den Erinnerungen des Divisionskommandeurs Oberst Wladimir Semjonowitsch Antonow heißt es, das 3. Bataillon im 1052. Schützenregiment hatte besonders harte Gegenangriffe abzuwehren.[iv] Die Verluste waren um vieles höher als in den Wochen des Kampfes zwischen Pilica und Oder.

Noch mehr als die körperliche Belastung trübten Reibereien mit anderen Offizieren Gelfands Siegerstimmung. Er stieß in dem eingespielten Offiziers-Ensemble auf vierschrötige Männer, die seinem Naturell so ganz und gar nicht entsprachen. Auch mit einigen der ihm unterstellten Soldaten am Granatwerfer war er unzufrieden. Er spürte Mißachtung, sah sich Protzerei und derben Späßen ausgesetzt. Gelfand meinte, den Anfeindungen mit einem antiquierten Ehrenkodex begegnen zu können, und erkannte zu spät, wie lächerlich er sich machte. Schwierigkeiten, die der Schöngeist Gelfand mit Frontkameraden auch zuvor schon hatte, wurden jetzt dadurch verschärft, daß der siegreiche Vormarsch der Truppe auch kriminelle Energie freisetzte. Immer öfter wurde er zur Zielscheibe von Anfeindungen bis hin zu Handgreiflichkeiten. Schließlich unternahm er mehrere Versuche, das despektierliche Benehmen einzelner Offiziere und den allgemein rohen Umgangston in dieser Truppe als Disziplinverstöße, die die Kampfmoral beeinträchtigten, ahnden zu lassen. Er reichte Beschwerde ein.

Für Gelfand war die Situation auch deshalb so deprimierend, weil er bei Auszeichnungen für die erfolgreichen Vorstöße an der Oder übergangen wurde. Im Tagebuch finden sich schon für die Jahre zuvor zahlreiche Hinweise auf Niedertracht und Arroganz von Seiten einiger Vorgesetzter ihm persönlich und anderen gegenüber. Wladimir hatte wiederholt empfunden, daß er als Jude nicht gemocht wurde. Dünkel und Feindseligkeit führte er aber nicht nur auf „Judophobie“, wie er sich ausdrückte, zurück, sondern auch auf Rohheit, Dummheit, Ehrlosigkeit und Intellektuellenfeindlichkeit bis hinein in die Offiziersreihen. Nach den Erlebnissen vom Februar 1945 ließ ihn der Gedanke, absichtlich zurückgesetzt zu werden, fast schon verzweifeln. Er sah in seinen Widersachern „Raufbolde und anderes anarchistisches Gesocks“ (Notiz vom 9. August 1945), die in der Abschlußphase des Krieges bei ausschweifenden Gelagen an Einfluß gewannen und sich mit den heimlichen Machthabern, den Bürokraten in den Stäben, über die Ordensverleihungen verständigten.

Es ist schwer zu sagen, ob Gelfand die Streitereien heil überstanden hätte. Nicht nur einmal wurde ihm von eigenen Leuten angedroht: Dich erschieß ich bei der nächsten Gelegenheit! So gesehen war es ein Glück, daß er Ende März 1945 in den Stab der 301. Division gerufen wurde, um das „Tagebuch der Kampfhandlungen“ [Shurnal bojewych dejstwii] zu führen.

Traditionsgemäß wurden in allen größeren Einheiten bedeutsame Schlachten sofort „protokollarisch“ festgehalten. Kurzmeldungen von den Frontabschnitten und diversen Stellungen wurden zusammengetragen, ausgewertet und in einer Art Dokumentation zusammengefaßt. Im Vorfeld der Berliner Operation hatte man sich in Antonows Divisionsstab dafür einen neuen Schreiber ausgesucht – Wladimir Gelfand. So saß er also, während die 301. Schützendivision Mitte April bei Küstrin zum Angriff auf Berlin überging, zuerst in Küstrin, dann westlich der Stadt und schließlich in einem östlichen Vorort von Berlin und verfaßte das offizielle Divisionstagebuch.

Die eingehenden Meldungen waren dürftig und „trocken“. Wladimir musste sich, wie er zugab, „einiges dazudenken“. Eigentlich lag ihm die Arbeit, und er bekam einen guten Überblick über die Ereignisse. Aber die unter anderen Umständen begehrte Auftrags-Schreiberei befriedigte ihn nicht, denn die letzte Schlacht in Berlin als „richtiger Etappenkrieger“ zu erleben, war ihm ganz und gar nicht recht. „Es zieht mich dorthin, wo es donnert, ächzt und lodert“, vertraute er dem Tagebuch am 14. April 1945 an. Zum Glück bot ihm sein Auftrag Freiraum für Erkundungen. Er suchte selbständig Stellungen auf, durchlief gerade erst eroberte Abschnitte. Ende April betrat er endlich Berlin. Am 2. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Hauptstadt.

Für Tagebuchnotizen und Briefe fehlte Gelfand plötzlich die Zeit. Und so erklärt sich wohl, daß die von sowjetischen Kriegsveteranen so intensiv erinnerten Siegesfeiern in seinen Aufzeichnungen fehlen. Die historische Tragweite des Augenblicks hielt der politisch geschulte Offizier erst später fest. – Noch im April erfuhr er, daß „seine“ Granatwerfer-Kameraden, die hartgesottenen Kerle seines Bataillons, in den letzten Kämpfen starke Verluste hatten hinnehmen müssen. Ihm war es vergönnt, zu überleben. Und wie viele andere Soldaten der 5. Stoßarmee empfand er es als höchst angemessen, daß „sein“ Armeekommandeur Bersarin am 24. April 1945 zum Stadtkommandanten von Berlin und Chef der Berliner Garnison ernannt wurde.

Die ersten Friedenswochen erlebte Gelfand als Stabsoffizier in diversen Einsätzen in und bei Berlin: Truppenbewegungen, Neuformierungen, Entlassungen, technische Runderneuerung sowie politische und allgemeine Grundausbildung der Mannschaften bestimmten den Alltag der noch nicht endgültig stationierten Schützendivision, einen Alltag, der den Offizieren immer wieder auch eigenständige Ausflüge erlaubte. Bis Juni 1945 hielt die „unbeständige Lage“ (Notiz vom 3. Juni 1945) für Gelfand an, dann sollte er wieder in die Truppe eingegliedert werden. Doch er übernahm den ihm zugewiesenen Zug nur widerstrebend. Gelfand wollte nach Hause, „völlige Apathie, Gleichgültigkeit“ erfaßten ihn (Notiz vom 12. Juni 1945). Den ganzen Sommer über hoffte er auf Entlassung aus dem Kriegdienst. Jetzt, im Frieden, wurde es ihm noch deutlicher bewußt, und der Mutter gegenüber bekannte er freimütig, daß ihm „das Militärleben [...] überhaupt nicht gefällt – alles quält und bedrückt mich hier“ (Brief vom 23. Juni 1945). Da aber die Entlassungskriterien auf Wladimir Gelfand nicht zutrafen, wurde er weder von der ersten Demobilisierungswelle entsprechend dem Gesetz vom 23. Juni 1945, noch von der zweiten laut Erlaß vom 25. September 1945 erfaßt.

Ohne bestimmte Aufgabe, verbrachte er den Juni in labilen Unterstellungsverhältnissen. Als eine wissenschaftliche Bibliothek geplündert werden sollte, hielt er das für eine „schändliche Barbarei“ (Notiz vom 16. oder 17. Juni.). Gleichwohl (oder eben deshalb) landeten neben einigen russischsprachigen Klassikern mit Stempeln sowjetischer Bibliotheken auch ein, zwei hübsche deutsche Bildbände in Wladimirs privatem Gepäck. Anfang Juli 1945 kam er in ein Reserve-Offiziersregiment nahe Rüdersdorf, wo er sich weiterhin viele Freiheiten nahm. Die rechtfertigte er weniger mit seinem Offiziersstatus als vielmehr mit seiner unbändigen Neugier und Lebenslust. Er war empört, als im August der persönliche Kontakt mit den Deutschen verboten wurde. Auf eigene Faust unternahm er weiterhin Fahrten nach Berlin.

Nachdem Bersarin Mitte Juni 1945 in Berlin bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, wurde die 5. Stoßarmee aus Berlin herausgeführt. Zugleich rüsteten die Truppen um. Auch für Gelfand mußte ein neuer Einsatzort gefunden werden, und er hoffte auf interessante Einsatz- und Qualifizierungsmöglichkeiten. So bemühte er sich um eine Stelle als Politoffizier und malte sich aus, nach Sprachkursen in der Aufklärung eingesetzt zu werden, etwa bei Gefangenenverhören. Mit Aussicht auf eine Politoffiziers-Karriere – und nur so – schien ihm im August 1945 sogar ein Einsatz im fernen Osten vorstellbar, nachdem die UdSSR Japan den Krieg erklärt hatte.

Die Personalbewegungen verliefen jedoch wenig koordiniert, was Ausdruck des unzulänglich vorbereiteten Übergangs der Roten Armee zu ihren Besatzungsaufgaben war. Im August 1945 erfuhren die Offiziere des Rüdersdorfer Regiments, daß sie versetzt würden, Ende September wußte sie noch immer nicht wohin. Aber Gelfands Versetzung hatte noch einen besonders unangenehmen Grund. Die Politoffiziere im Regiment bauschten seine Disziplinverstöße, die unerlaubten Reisen nach Berlin und seine Kontakte zu deutschen Frauen, zu einem „Fall“ auf. Erklärtermaßen zu erzieherischen Zwecken (aber vielleicht auch, um Beflissenheit beweisen zu können), stellten sie Gelfands „Freigänge“ als abschreckendes Beispiel heraus. Das trieb ihn dazu, schnell Abschied von diesem Regiment zu nehmen.

Im Oktober 1945 bewarb er sich erfolglos für den Dienst in einer Einheit südöstlich von Berlin, dann als Schriftführer in Kremmen, schließlich schien irgendwo eine Stelle als Komsomol-Funktionär in Aussicht. Gelfand wurde hin und her geschoben, auch weil seine Personalakte, wie er selbst feststellen konnte, schlechte Zeugnisse enthielt. Einzelheiten vertraute er dem Tagebuch nicht an, vielmehr zitierte er sich selbst mit der Antwort an einen potentiellen neuen Vorgesetzten: Die schlechte Beurteilung hätte wohl mit seiner Weigerung zu tun, die Plünderung der deutschen Bibliothek aus Kräften zu unterstützen. Als sich im Oktober 1945 eine Stelle in einem Materialstützpunkt bot, die mit 700 bis 750 Rubel Grundgehalt hinlänglich attraktiv war, willigte er ein.

Es war ein knapp über dem heimatlichen Durchschnittsgehalt besoldeter Posten in der Besatzungsarmee. 0bgleich er mit allen Zuschlägen gut auf das Doppelte kam, konnte Wladimir zu Hause, wo Ende 1945 auf dem zugelassenen Markt das Kilo Zucker 250 Rubel, das Kilo Roggenbrot im Durchschnitt 24 Rubel kostete, mit seinen Geldüberweisungen gewiß nur ein schwacher Helfer sein. Doch er wußte die Vorteile des neuen Postens zu schätzen: Er hatte wenig mit militärischer Ordnung zu tun, bot Zeit, musischen Neigungen nachzugehen, und Gelegenheit für Fahrten durchs Land. Wladimirs Stützpunk war eine technische Versorgungsbasis [Basa materialow i oborudowanija] bei Kremmen, nordwestlich von Berlin, die der 21. selbständigen Trophäenbrigade unterstellt war. Dort diente er bis zu seiner Demobilisierung im September 1946.

Wie groß diese Versorgungsbasis war, entzieht sich unserer Kenntnis. Ihre Transportabteilung beschäftigte zunächst drei, Anfang 1946 dann sechs Offiziere sowie technisches Personal aus den unteren Rängen. Leutnant Wladimir Gelfand stellte Waren- und Materiallieferungen an sowjetische Einheiten zusammen und begleitete sie, organisierte den Transport von Demontage- und Reparationsgut. Bei seiner Arbeit pendelte er ständig zwischen Nauen, Potsdam, Velten, Kremmen, Hennigsdorf, Schönwalde, Fürstenberg und immer wieder Berlin. Kurzzeitig setzte man ihn Anfang 1946 in einem Kremmener Sägewerk als Produktionsleiter ein, wo ihm sechs Soldaten und zwei Pferdegespanne unterstanden. Im Stützpunkt hatte er stets auch Wachdienste zu übernehmen. Im Frühjahr 1946 wurde Gelfand für drei Monate gänzlich nach Berlin abkommandiert.

Wladimir war, wie es das Tagebuch belegt, auch nach dem Krieg in seiner Parteigruppe aktiv. Er las Zeitungen (auch deutsche), studierte Stalin-Reden und referierte gelegentlich zu tagespolitischen Themen. Mit Hilfe von Soldatinnen einer in Thüringen stationierten Einheit unternahm er von hier aus heimlich einen privaten Ausflug nach Weimar.

Auf den Dienstreisen war Wladimir Gelfand meist allein unterwegs, mit Stadt- und Eisenbahn, mit Fahrrad oder per Anhalter. Erstaunlich weite Strecken bewältigte er zu Fuß – und er verlief sich auch. Er wohnte in Hotels, fand  - nicht nur in vorhergesehenen Situationen - private Nachtlager, besuchte Kinos, Theater, Bierstuben und Cafés. Er ging zum Friseur, bestellte beim Schneider, kaufte und verkaufte auf dem Schwarzmarkt. Zu seinen wichtigsten Errungenschaften gehörte ein Fotoapparat. Bei Deutschen lernte er ihn handhaben, und Fotografieren wurde zu einem spannenden neuen Hobby. Er knipste Erinnerungsfotos zum Verschenken und ließ sich selbst in verschiedenen Kostümen und Posen draußen und im Atelier ablichten. Unkonventionelles privates Fotografieren – eine Entdeckung in Deutschland! Zahlreiche Aufnahmen hielten die schönen und witzigen Momente seiner Dienstzeit, Straßen, Gebäude und Sehenswürdigkeiten fest.

Gelfand kam mit vielen Leuten ins Gespräch und schloß zahlreiche Bekanntschaften. Vor allem aber war der Kontakt zu den Deutschen auch erotischer Natur und höchst abwechslungsreich, was Wladimir Gelfand eine der meist gefürchteten Krankheiten der Besatzer einbrachte, eine Gonorrhöe. Körperlich und seelisch mitgenommen, heilte er die Krankheit im Juli 1946 in einem Krankenhaus in Neustrelitz aus.

An Gelfands Begegnungen mit Frauen fällt besonders auf, daß offenkundig keine Gewalt im Spiel war. Der Leser mag vielleicht geneigt sein, die Aufzeichnungen für unvollständig zu halten, oder Zugeständnisse an eine äußere oder innere Zensur vermuten. Doch dafür besteht kein Anlaß, die Bekenntnisse sind offen genug.

Gewiß wurde die Beziehung des jungen Schöngeists zum weiblichen Geschlecht auch durch seine jüdische Herkunft geprägt. In jüdischen Familien galt und gilt ein respektvolles Miteinander der Geschlechter als erstrebenswert. Die Frau soll dem Mann Gefährtin sein, nicht Untergebene. Auch in Familien ohne religiöses Selbstverständnis, in denen das Kulturell-Ethnische, nicht das Glaubensbekenntnis, im bewußten Anderssein der Minderheit in den Vordergrund rückt, hat sich das hohe Ansehen der Frau, auch der geschiedenen, erhalten. Zur Kindheitswelt Wladimirs gehörten zupackende Frauen. Poesie und Belletristik mögen sein Frauenbild zusätzlich verschönt haben. Bereits an seinen Schulkameradinnen schätzte er vor allem Sanftheit und Klugheit.

Als Soldat hatte Wladimir mit vielen Mädchen brieflich in Kontakt gestanden. Daß der Krieg sie ihm zahlreich über den Weg führte, gefiel ihm. Unablässig schrieb er Liebesgedichte. Aus seinem Tagebuch spricht der Drang nach romantischen Mädchenbekanntschaften und harmonischen Bindungen. Dabei machte er zum Verdruß des Vaters, der die jüdischen Bindungen erhalten wollte (wir erfahren aus Briefen davon), keinerlei Unterschied zwischen den Mädchen verschiedener Nationalitäten. Schließlich war er Komsomolze, „Internationalist“! Und so reizten sie ihn zunächst einmal alle, was natürlich auch Folge einer undefinierbaren Anziehungskraft war, solange noch keine intimen Bekanntschaften gemacht worden waren.

Schließlich bot sich – bald nach Kriegsende – die Gelegenheit, mit einer deutschen Straßenbekanntschaft das erste Mal zu „sündigen“. Dieses erste intime Zusammensein verlief und endete für Wladimir so wie für Millionen Gleichaltrige. Es ließ ihn weiterhin die Nähe deutscher wie russischer Mädchen und Frauen suchen. Anfangs sollten sie noch klug, hübsch und reinlich sein und – dies vor allem – ihn „treu lieben“ (Notiz vom 3. Juni 1945). Schon bald war Wladimir nicht mehr ganz so wählerisch. Für den liebeshungrigen Leutnant waren die gegebenen Umstände nicht deshalb günstig, weil er sich als Sieger in der Fremde erlauben konnte, seinen Sexualtrieb hinter Rachebedürfnissen versteckt auszuleben, sondern schlicht, weil die elterliche und die gesellschaftliche Kontrolle fehlte. Im übrigen wirft sein Tagebuch ein bezeichnendes Licht auch auf die deutsche Gesellschaft, in der sich infolge von Militarisierung und Krieg schon vor 1945 Promiskuität auffallend ausgebreitet hatte und die überkommene „Sittsamkeit der deutschen Frau“ am Kriegsende vollends in Frage gestellt wurde.

Wladimir wurde zu Hause sehr vermißt. Die Mutter erkundigte sich bei seinen Vorgesetzten nach ihm, als einmal lange Zeit Post ausblieb. Im Juli 1946 beantragte er Urlaub, bekam ihn aber nicht. Gemeinsam mit den Eltern griff er trotz aller moralischer Bedenken zu einer Finte: Ärztliche Atteste über den schlechten Gesundheitszustand der Mutter wurden besorgt, Notlagen dramatisiert. Die Mutter wandte sich sogar – Wladimir war völlig entsetzt – an Stalin! Doch Urlaub wurde ihm nicht gewährt. Statt dessen kündigte sich eine größere Dienstreise nach Pillau nahe Königsberg an, und Wladimir freute sich darauf, der Heimat um einige hundert Kilometer näher zu sein. Er rechnete sogar damit, den Gütertransport bis weit in die UdSSR hinein begleiten zu dürfen und auf einen Sprung nach Hause zu kommen. Die Fahrt endete schließlich in Swinemünde bzw. Stettin. Doch bei seiner Rückkehr nach Berlin erfuhr Wladimir von der bevorstehenden Entlassung in die Reserve und der Demobilisierung. Der Demobilisierungsbefehl trägt das Datum vom 10. September 1946. Mit Koffern voller teurer Geschenke verließ Wladimir Gelfand Ende September 1946 Deutschland. Er verließ es freudig und mit großartigen Plänen für seine Zukunft.

Wladimir Gelfand kehrte nach Dnepropetrowsk zurück, wo sich seine Mutter mit viel Mühe – und auch mit seiner Unterstützung – ein Zimmer zur Miete erkämpft hatte. In einem Vorbereitungskurs des Instituts für Transportwesen erwarb Wladimir die Hochschulreife. Im September 1947 begann er ein Studium an der Staatlichen Universität Dnepropetrowsk. Er strebte in die große Schriftstellerei, belegte Kurse in russischer Sprache und Literatur. 1949 heiratet er eine junge Frau, die er schon aus der Schulzeit kannte und die während des Krieges mit ihm im Briefwechsel gestanden hatte. Berta Dawidowna, geborene Koifman, war die Tochter eines angesehenen Hochschullehrers und studierte Medizin. Ihre Eltern zogen bald nach Molotow (heute Perm), eine Großstadt im östlichen Uralgebirge. Berta und Wladimir folgten ihnen und lebten mit in der Wohnung der begüterten Schwiegereltern. Beide wechselten sie die Hochschule. Im April 1950 wurde der Sohn Alexander geboren. Indes, die Ehe stand von Anfang an unter einem schlechten Zeichen.

1952 schloß Wladimir Gelfand sein Studium an der Molotower Universität ab. Er schrieb eine Diplomarbeit über Ilja Ehrenburgs Roman „Sturm“ von 1947. Wladimir wurde von Ehrenburg in Moskau zu einem Gespräch empfangen. Doch dann mußte Geld verdient werden. Ab August 1952 arbeitete Wladimir als Lehrer für Geschichte sowie russische Sprache und Literatur an der Eisenbahner-Fachschule Nr. 2 in Molotow. Die Ehe mit Berta geriet bald in eine Krise. 1954 verließ Wladimir Frau und Sohn und kehrte nach Dnepropetrowsk zurück. Er nahm eine Stellung als Lehrer an einer städtischen Technischen Fachschule an.

1957 lernte er die um 10 Jahre jüngere Absolventin des Lehrerbildungsinstituts von Machatschkala, Bella Jefimowna Schulman, kennen. Sie absolvierte nahe Derbent ihre ersten Berufsjahre als Lehrerin der oberen Klassen. Wenig später verschlug es sie auf die Krim, wo Wladimir sie zu finden wußte. Er trug ihr an, mit nach Dnepropetrowsk zu gehen. Bella willigte ein und fand in der Einraumwohnung von Wladimirs Mutter Aufnahme, wo neben Wladimir mittlerweile auch dessen Vater wieder wohnte. Nach einem Jahr wurde an die gemeinsam bewohnte Stube eine weitere für das junge Paar angebaut. Wladimir ließ sich von seiner ersten Frau scheiden.

Aus der glücklichen Ehe mit Bella gingen zwei Söhne hervor. 1959 wurde Gennadi, 1963 Vitali geboren. Die Eltern arbeiteten hart, eine Lehrerstelle in der Zehnklassenschule bekamen beide aber nicht. Bella führt das heute auf latenten, teilweise sogar offenen Antisemitismus zurück. „Solange ich hier Kreisschulrat bin“, soll einer gesagt haben, „wird kein Jude in einer Mittelschule eingestellt.“ So arbeitete Bella mit ihrem Hochschulabschluß in einem Kindergarten, und Wladimir blieb zeitlebens Lehrer in Berufsschulen, zuerst in der 12., ab 1977 in der 21. Technischen Fachschule der Stadt Dnepropetrowsk.

Obgleich das Interesse für Literatur und Geschichte bei Schülern solcher Schulen gering ist, gelang es Gelfand, einigen Appetit auf diese „Seelennahrung“ zu machen. Er gründete einen Geschichtszirkel, lud Zeitzeugen ein und baute mit Schülern ein kleines Museum aus Erinnerungsstücken von Kriegsveteranen der Region auf. Zu seinen Unterrichtsfächern gehörten Ethik und Politökonomie. Für einen Zusatzverdienst übernahm er gelegentlich in den Schulferien Vorlesungen im Auftrag eines Bildungsvereins.

Gelfand blieb aktives Parteimitglied, übernahm auch Funktionen in der Parteigruppe der Schule. Dort fanden zeitweise harte Auseinandersetzungen statt. Antisemitische Schmähungen im Lehrerkollektiv und sogar von Seiten der Geschichtslehrer-Kollegen waren keine Seltenheit. Museums- und Zirkelarbeit wurden ihm daher – neben der Ehe mit Bella – zu einem Refugium.

Gelfand las viel. Und er schrieb unentwegt. Gelfand bot der örtlichen Presse nicht nur Berichte über den Schulalltag und die Ergebnisse der Zirkelarbeit an, sondern auch Erinnerungen aus seiner Zeit an der Front an. Die späten siebziger Jahre waren seine produktivsten. Die selbst angelegte Artikelsammlung umfaßt sieben Beiträge aus dem Jahr 1968, 20 aus dem Jahr 1976, 30 aus dem Jahr 1978. Sie erschienen in ukrainischer und russischer Sprache in den lokalen Partei- und Komsomolzeitungen sowie in Zeitungen für Bauarbeiter.

Die Lebensumstände blieben hart, bis eine Erbschaft aus Übersee erstmals eine kleine finanzielle Sicherheit mit sich brachte. Ende der sechziger Jahre erstritt Bella mit Eingaben und Anträgen eine Mietwohnung für die Familie des Kriegsteilnehmers und Lehrers. Nach über zehn Jahren kamen die vier Gelfands endlich aus ihren zehn Quadratmeter Wohnraum heraus. Da der Neubau erhebliche Schäden aufwies, setzten sie Anfang der siebziger Jahre die Einweisung in ein besseres Haus durch. Wladimirs alte Mutter nahmen sie in die Dreiraumwohnung mit, sein Vater lebte damals schon nicht mehr.

Das letzte Lebensjahrzehnt verbrachte Wladimir Gelfand in bescheidenem Wohlstand, von vielen Schülern wegen seines weichen Naturells geliebt, im engen Freundeskreis als Gesprächspartner geschätzt. Die Familie bot seelischen Rückhalt im Alltag. Mit seiner Gesundheit stand es nicht zum Besten, und zu den mit Schuldienst angefüllten Arbeitstagen entwickelte Gelfand kaum einen körperlichen Ausgleich. 1982 starb die Mutter. Wladimir Gelfand überlebte sie nur um ein Jahr.

Im Zuge der deutschen Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg hat die Entdeckung außergewöhnlicher persönlicher Zeugnisse schon mehrmals für Aufsehen gesorgt. Aus dem großen, mittlerweile gut erschlossenen Fundus individueller Hinterlassenschaften wie privater und halböffentlicher Korrespondenzen oder Fotosammlungen fanden einige Äußerungen zu Erlebnissen an der deutschen Ostfront besondere Aufmerksamkeit. So die Gedichte in Briefen von Hermann Kükelhaus[v] und das „Bekenntnis aus dem großen Krieg“ von Willy Peter Reese[vi]. Wladimir Gelfands Aufzeichnungen dokumentieren nun zum ersten Mal eine Haltung auf der anderen Seite der Front.

Als Stefan Schmitz 2003 die überlieferten Texte des Wehrmachtssoldaten Reese vorstellte sowie dessen Erlebnisse an der Ostfront rekonstruierte und kommentierte, kam er zu dem Schluß: „Willy Reese ist nicht der typische ›kleine Mann‹. Er ist hoch gebildet, ein fanatischer Leser. Sich selbst sieht er als Dichter und träumt vom Leben in einem freien Deutschland.“[vii]

In einem gewissen Sinne haben wir es beim Zeitzeugen Gelfand mit einem sowjetischen Willy Reese zu tun. Um zwei Jahre jünger als dieser, war auch Gelfand ein sensibler Junge, kein Muskelprotz und nicht für Kampfspiele zu haben. Er erwarb sich überdurchschnittliches Wissen, er las viel und übte sich in verschiedenen literarischen Ausdrucksformen. Beide Männer sahen im Schreiben an der Front auch ein Mittel, um über das Grauen hinwegzukommen. Die seelischen Schäden, die ein Krieg bewirkt, sah Gelfand weniger deutlich, er war und blieb als Soldat naiver als sein deutscher Leidensgefährte. In der Wiedergabe der Geschehnisse war Gelfand weniger analytisch als Reese, weniger lebensklug, weniger gedankengründlich. Reese löste sich deutlicher vom bloßen Beobachten, und das, so Schmitz, bereits in seinen Tagebuchnotizen. Gelfand führte nur für sich allein das Tagebuch und unternahm nicht einmal den Versuch, seine Erfahrungen zusammenzufassen. Die literarisch ambitionierten unter seinen Tagebucheintragungen dienten eher der Übung. Gelfands Blick war trotz großen Interesses für Politik kaum für gesellschaftliche Zusammenhänge geschärft, er war vor allem mit sich selbst beschäftigt. Die Friedenszeit ließ ihn reifer und erwachsen werden. Seine Deutschland-Notizen aus dem Jahr 1946 zeugen schon von verarbeiteter Erfahrung und größerem Weitblick.

Über diese mehr oder weniger formelle Gegenüberstellung hinaus lassen sich die Haltungen dieser beiden Kriegsteilnehmer aber nur punktuell miteinander vergleichen. Reese und Gelfand führten verschiedene Kriege, und eine Bewertung ihrer Sichten auf das Soldatsein, auf das Töten und das Sterben an der Front müßte die unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhänge berücksichtigen, in denen sie aufwuchsen und als Soldaten agierten. Außerdem sind im Unterschied zu den Haltungen in der Wehrmacht die in der Roten Armee bislang so gut wie gar nicht untersucht. Der Leser des Gelfand-Tagebuches kann also nur ahnen, nicht aber wissen, worin genau sich dieser Rotarmist von anderen unterschied.

Am Ende des Krieges war Gelfand das, was die gefallenen Reese und Kükelhaus gar nicht mehr hatten sein wollen: Sieger. Seine Aufzeichnungen belegen, daß zumindest er diese Rolle nicht auslebte. Er sprach nicht herablassend von und mit den Besiegten. Das Tagebuch läßt sein wachsendes Interesse an dem fremden Land erkennen: an Landschaft, Sitten und Gebräuchen. Der gebildete Gelfand befasste sich mit  Zeugnissen klassischer deutscher Kultur. Für die aktuellen sozialen und politischen Probleme der Deutschen interessierte er sich hingegen nicht. Gelfand entwickelte kein Gespür für ihre Nachkriegssorgen. Das ist um so erstaunlicher, als er die internationalen Geschehnisse doch recht aufmerksam verfolgte und als Parteimitglied bewußt bewertete. Zur politischen Entwicklung im Besatzungsgebiet nahm er kein einziges Mal Stellung. Man kann das als ein Indiz dafür ansehen, daß die Besatzungssoldaten und selbst Offiziere 1945/46 kaum mit politischer Bildung behelligt wurden, wie sie einem Auftrag zur „Sowjetisierung“ der Besatzungszone entsprochen hätte.

Für einen Besatzer mit intensivem Kontakt zu den Deutschen zeigte Gelfand andererseits wenig Mitgefühl. Er dürfte gewußt haben, wie stark zum Beispiel das durch Demontagen dezimierte Schienennetz, der Waggonpark und der gesamte Eisenbahnverkehr von Reparationsleistungen beansprucht wurden. Dennoch konstatierte er kühl amüsiert, daß sich die Deutschen wie Heringe in den Zügen drängten, sich um Plätze schlugen und die leeren, für Angehörige der Besatzungsmächte reservierten Abteile gierig beäugten. Aus der Perspektive des gut versorgten Besatzungsoffiziers, der für ein kleines Geburtstagsbankett bedenkenlos einen Betrag in Höhe von zwei, drei Monatsgehältern eines deutschen Metallfacharbeiters ausgeben konnte, waren die ständig kauenden, aufs Essen versessenen Deutschen unkultiviert. „Anständig gekleidete, seriös wirkende Menschen wickeln langsam sorgfältig in Zeitung eingeschlagene Brote aus und genieren sich nicht, sie vor aller Augen zum Mund zu führen“, hielt er fest (Notiz vom 18. September 1945). Schnell war er mit dem Pauschalurteil bei der Hand: „Ein Deutscher läßt niemals einen Pfennig (weniger als eine Kopeke, in Rubeln gerechnet) fallen, ohne ihn dann wieder aufzuheben, schenkt niemals etwas, nicht einmal geringste und nichtigste Kleinigkeiten, ohne einen doppelten Nutzen für sich selbst. Niemals gibt er einem Bettler mehr als zehn Pfennig und verläßt nie den Ladentisch, ohne auf den Heller genau nachzuzählen.“ (Notiz vom 10. August 1946)

Die Lebensverhältnisse seiner deutschen Geliebten scheinen Wladimir Gelfand nicht sonderlich interessiert zu haben. Ihre politischen Ansichten brachten ihn nur ein einziges Mal kurz zum Nachdenken. Er stellte erstaunt fest, daß ein deutsches Mädchen, das er begehrte, rassistischen Vorstellungen anhing. Aber dies war weder Anlaß für tiefere Überlegungen noch ein Grund, von ihr abzulassen.

Wladimir reflektierte auch die alltägliche Not der „Besetzten“ mit den Besatzern nicht. Gewalt anderer sowjetischer Armeeangehöriger gegenüber deutschen Frauen kommt in seinem Tagebuch kaum vor. Er nahm entsetzt einen solchen Fall noch während der Kämpfe in Berlin zur Kenntnis und bekundete starkes Mitleid. Aber es scheint, daß er derlei – wie die Gemeinheiten im Umgang zwischen Kampfgefährten – als verabscheuungswürdig einordnete, ohne nach Dimensionen, Ursachen und Folgen zu fragen. Seine Sicht auf die Dinge war 1945 doch recht einfach. Gelfands Zurückhaltung bezeugt zugleich, daß Vergewaltigungen damals auf Seiten der Siegermacht kein Thema von Analysen waren, in der alltäglichen Kommunikation verharmlost und strafrechtlich kaum beurteilt wurden. Andernfalls hätte der politisch aktive Gelfand dieses Thema gewiß aufgegriffen. Wir erfahren aber, daß ihm – umgekehrt – seine gewaltfreien Kontakte beinahe zum Verhängnis geworden wären. Als im September 1945 an ihm ein disziplinarisches Exempel statuiert werden sollte, warf man ihm vor, daß er sich mit deutschen Frauen eingelassen hatte. „Gelfand, dem die Deutschen die eigene Familie umgebracht haben, läßt sich jetzt mit deutschen Mädchen photographieren, bewahrt ihre Photos bei sich auf und amüsiert sich mit ihnen“, hieß es (Notiz vom 6. Oktober 1945).

Wladimir Gelfand war mit seinen 23 Jahren nicht reif für Beobachtungen und Stellungnahmen, wie wir sie heute von ihm gern lesen würden. Er hatte bislang nur gelernt, die politische Welt durch das Raster sowjetischer Zeitungsartikel zu betrachten. So gesehen war er der Masse seiner Kameraden doch wieder näher als Reese den seinen.

Gelfands literarisches Talent zu bewerten, dürfte schwerfallen. Auch Lew Kopelew benötigte ja zeitliche Distanz, um die Fronterlebnisse in einer Dokumentation mit künstlerischem Wert auswerten zu können. Daß die Frontzeitungen seine Gedichte nicht veröffentlicht hatten, erklärte sich Gelfand vor allem mit den widrigen Umständen. Zugleich gestand er sich selbst mangelnde Übung ein. Während des Studiums wurde er immer häufiger dessen gewahr, daß seinen literarischen Versuchen die erwartete Anerkennung versagt blieb. Eine Mitstudentin bemerkte, er wäre ein sehr guter Kritiker, kein guter Schreiber. Doch das focht ihn nicht an. Gelfands Willen, die handwerklichen Grundlagen der Dichtkunst zu erlernen, war übergroß. Wenn schon nicht als Lyriker, dann wollte er als Prosaist unbedingt erfolgreich sein. Er bemühte sich um ein kundiges Forum und besuchte einen literarischen Studentenzirkel. Und er fand immer wieder auch Bestätigung, sogar bei namhaften Leuten. Wenn er schreiben wolle, so hatte Ehrenburg ihn ermuntert, dann solle er das auch unbedingt tun.

Gelfands Literaturinteresse war von den schriftstellerischen Größen der Sowjetunion der dreißiger Jahre geprägt. Er liebte noch aus Schulzeiten Demjan Bedni, Janka Kupala, Jossif Utkin, Alexej Tolstoi und Weressajew. Er schätzte Maxim Gorki, Nikolaj Tichonow und Wsewolod Wischnewski. Das waren keinesfalls Vertreter einer hurra-patriotischen Massenkultur. Gelfand weist sich mit seiner Lektüre vielmehr als Liebhaber traditioneller romantischer Stoffe und als Humanist aus, der zugleich für gekonnte Satire und Agitpropkultur zu haben war. Im Krieg las er in Frontzeitungen viel von Ilja Ehrenburg, bei Gelegenheit griff er sich – laut Tagebuch – Romane von Lion Feuchtwanger und Mark Twain. Während des Studiums interessierte er sich für Wera Inber, die seit langem verehrte Leningrader Poetin. Selbstbewußt stellte er fest, daß die um dreißig Jahre Ältere fast zur gleichen Zeit in die kommunistische Partei eingetreten war wie er. „Ich habe viel mehr im Krieg erlebt als sie“, schrieb er 1947 nach der Lektüre von Inbers Blockade-Aufzeichnungen in sein Tagebuch. „Ich müßte schon deshalb viel ergreifender schreiben können als sie...“ – An vielen Darstellungen über den Krieg störten ihn Ende der fünfziger Jahre vor allem die verzerrte Sicht auf die Ursachen des Rückzugs und die beschönigende Beschreibung der „inneren Verbundenheit“ an der Front. Aus eigener Erfahrung wollte er gegen die Verklärung des „rauhen Kerns“ in der russischen Soldatenseele anschreiben, so wie sie Michail Scholochow betrieb.

Doch die Zeit arbeitete gegen ihn, und das gesellschaftliche Umfeld bot immer weniger Raum für kritische Rückschau. Als er in den siebziger Jahren endlich Gelegenheit bekam, Fragmente seiner Kriegserinnerungen zu veröffentlichen, konnte sich Gelfand zudem der Schere im eigenen Kopf nicht erwehren. So zitierte er die Verse, die er 1945 am Reichstag und 1946 an der Siegessäule hinterließ (Notizen vom 24. August und 18. Oktober 1945, Brief vom 6. August 1945 an die Mutter), nie wieder im Original. Statt ihrer findet sich in seinem ganzseitigen Artikel „Der Sieg in Berlin“ im „Sowetskij Stroitel’“ vom 25. April 1975 ein angeblich in Berlin hinterlassener Vers, in welchem die ursprünglichen Zeilen „Und schaue und spucke auf Germanien – Auf Berlin, das besiegte, spucke ich“ ersetzt waren durch die harmlosen „Schaut her, hier bin ich, Sieger über Deutschland – In Berlin habe ich gesiegt.“

Dies wird man als künstlerische Bearbeitung eines eigenen Gedichtes akzeptieren müssen. Auch daß Gelfand in dem Artikel den Eindruck erweckte, im April 1945 als Angehöriger des 1052. Schützenregiment kämpfend in Berlin eingezogen zu sein (er beschrieb Kampfszenen, die er allenfalls als Schreiber des Fronttagebuches miterlebt haben konnte, als er auf eigene Faust die Stellungen aufsuchte), kann man ihm nicht übelnehmen. In der Sowjetunion der fünfziger bis siebziger Jahre hielt sich, unterschiedlich stark artikuliert, das Gerücht, die Juden des Landes hätten – analog zu den Sowjetbürgern deutscher Nationalität – an der Front nicht gekämpft. In seinem eigenem Lehrerkollegium war Gelfand wiederholt mit verleumderischen Andeutungen dieser Art konfrontiert.

Die Geschichte um das deutsche Frauenbataillon ist indes ein besonderes Beispiel von Selbstzensur durch den späteren Gelfand. Die Begebenheit soll sich im Februar 1945 östlich der Oder zugetragen haben. Wladimir Gelfand kannte sie nur aus zweiter Hand. Schon 1945 beschäftigte sie ihn so sehr, daß er innerhalb eines Monats zweimal im Tagebuch auf sie einging (siehe Notizen vom 21. Februar und 20. März 1945). Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß irgendwann einmal im Krieg ein deutsches „Frauenbataillon“ zum Einsatz kam, es gibt – umgekehrt – Grund für erhebliche Zweifel daran. Die im Tagebuch referierte Erzählung eines anderen Rotarmisten deutet eher auf männliche Sexualphantasien hin. Nicht aus zweiter, sondern aus erster Hand erfahren wir aus Gelfands Tagebuch allerdings, zu welchen Racheakten die Rotarmisten in seiner Einheit und er selbst in der Lage gewesen wären, hätten sie diese Frauen erwischt. Die grausigsten Erlebnisberichte geschändeter weiblicher Zivilisten und Gefangener scheinen auf.

Die Frauenbataillons-Geschichte, die Gelfand Ende der siebziger Jahre für einen Sammelband von Kriegsteilnehmer-Erinnerungen anbot,[viii] enthielt keine Hinweise auf Rache und sexuelle Gewalt mehr. Die Experimente an den gefangenen Frauen, „die auf Papier nicht wiederzugeben sind“, und die Erschießung der meisten (Notiz vom 20. März 1945), ließ Gelfand weg. Im Zuge künstlerischer Verarbeitung, die ihn selbst zum Augenzeugen machte, ordnete er das Ereignis in der Phase der Abschlußkämpfe um Berlin ein, und die noch weniger skrupulöse Redaktion verlegte die Szene schließlich in den Treptower Park. Gelfand bereicherte die Geschichte zudem um weitere Details. Die konnten ihm seinerzeit durchaus erzählt worden sein (im Tagebuch fehlen sie), doch die Ergänzungen vertragen sich schlecht mit der Schilderung im Tagebuch. Gelfand erfand vermutlich auch die SS-Leute im Hintergrund. Er ließ die Frauen am Ende seines Berichtes alle unversehrt in Gefangenschaft kommen, und die Redakteure machten daraus das kurze Fazit: „Das Bataillon überlebte.“

Für diesen Umgang mit der eigenen Geschichte eine Erklärung zu finden, fällt schwer. Keiner hatte Gelfand genötigt, ausgerechnet diese Geschichte aufzugreifen und auszuschmücken und damit von schriftstellerischer Freiheit in einer Weise Gebrauch zu machen, die seiner Verantwortung als Zeitzeuge entgegenstand. Denn solche Texte gingen als wahrhaftige Erinnerungen in den sowjetischen Geschichtsdiskurs ein. Gelfand veröffentlichte auch andere Fragmente seiner Kriegserinnerungen, die in Kenntnis des angeführten Beispiels kritisch zu betrachten wären. Von der distanzierten Haltung, die Gelfand gegenüber schöngefärbter Kriegsliteratur noch Ende der fünfziger Jahre eingenommen hatte, lassen diese Texte nichts mehr erkennen. Seine späten Reflexionen, die, wie erwähnt, nun auffällig oft veröffentlicht wurden, sind als Teil der öffentlichen Kultur der Breschnew-Ära zu bewerten, in der der gesellschaftliche Diskurs die relative Offenheit der sechziger Jahre eingebüßt hatte und Erinnerungen manipuliert wurden. Der Lehrer und Kommunist Gelfand muß sich mit den patriotisch-didaktischen, letzten Endes politischen Zwecksetzungen einer solchen Erinnerung derart identifiziert haben, daß das schriftstellerische Gewissen seiner jungen Jahre verstummte. Das Tagebuch des Rotarmisten Gelfand gewinnt vor diesem Hintergrund in seiner Authentizität noch größeren Wert, die hinzugefügten Briefe spiegeln die Situationsgebundenheit seiner Wahrnehmungen wider. Es sind sehr private, unzensierte Zeugnisse der Erlebnisse und Stimmungen eines Rotarmisten und Besatzers in Deutschland.

Gewiß, Gelfands Verhalten, seine Empfindungen und Wertungen können nicht verallgemeinert werden. Und so sind auch die Aussagen des Wladimir Gelfand über die Deutschen und Deutschland zunächst einmal als seine ganz persönlichen zu verstehen. Gleichwohl ist es aufschlußreich, wie der junge Rotarmist das Kriegsende und die deutsche Zusammenbruchsgesellschaft sah. Wir bekommen gänzlich neuartige Einblicke in die Kampfgemeinschaft der Roten Armee und ihre moralische Verfaßtheit, die in sowjetischen Darstellungen allzu oft glorifiziert worden ist. Die Gelfand-Tagebücher (insbesondere die aus den hier nicht behandelten ersten Kriegsjahren) stehen zudem der häufig vertretenen These entgegen, die militärischen Erfolge der Roten Armee seien vorrangig auf systemische Repression zurückzuführen. Des weiteren wird anschaulich, was unter dem gewachsenen Selbstbewußtsein der Frontkämpfer-Generation zu verstehen ist, das Stalin so fürchtete. Gelfand steht für eine bestimmte Gruppe unter den Siegern, für junge Offiziere, die aus ihrer Bewährung an der Front das Recht ableiteten, einen langweiligen Referenten lächerlich zu machen, Denunziationen abzuwehren, einem hochgestellten Parteifunktionär ohne Umschweife zu widersprechen und – im besetzten Deutschland auch „eigene Wege“ zu gehen. An den Frauenerlebnissen Gelfands ist zu erkennen, daß es 1945/46 auch liebevolle Beziehungen zwischen männlichen Siegern und weiblichen Besiegten geben konnte. Der Leser bekommt glaubwürdig vorgeführt, daß auch deutsche Frauen den Kontakt zu Sowjetsoldaten suchten, - und dies nicht etwa nur aus materiellen Gründen oder aus einem Schutzbedürfnis heraus.

Über das Verhältnis „der Russen“ zu „den Deutschen“ am Ende des Zweiten Weltkrieges wird also weiter nachzudenken sein.

  






 

[i] Ähnliche Pläne hatte beispielsweise Stepan Podlubnyj (Jahrgang 1914), dessen Tagebuch bekannt wurde: Tagebuch aus Moskau 1931-1939, aus dem Russischen übersetzt und herausgegeben von Jochen Hellbeck, München 1996

[ii] Heinrich Böll. Briefe aus dem Krieg 1939 – 1945, herausgegeben und kommentiert von Jochen Schubert, 2 Bände, Köln 2001, hier Bd. 2, S. 950, Brief vom 19. 11. 1943.

[iii] Gelfands Tagebuch und andere echte Tagebücher belegen, daß es in allen Phasen des Krieges auf sowjetischer Seite eine Unmenge von Soldaten und Offizieren gab, die zeitweise von ihrem Truppenteil getrennt waren und sich hinter der Front selbständig bewegten. Dienstaufträge wurden unter Hinweis auf angebliche und tatsächliche Transportprobleme von den Betreffenden räumlich und zeitlich sehr freizügig ausgelegt, Disziplinverstöße oft nachsichtig behandelt.

[iv] Siehe V. S. Antonov, Put’ k Berlinu, Moskau 1975, S. 239.

[v] Hermann Kükelhaus, „...ein Narr der Held“. Gedichte in Briefen, herausgegeben und mit einem Vorwort von Elizabeth Gilbert. Zürich 1964 (1985 u.a.). Die Erstausgabe erschien 1947 im Potsdamer Verlag Eduard Stichnote.

[vi] Willy Peter Reese, Mir selber seltsam fremd. Die Unmenschlichkeit des Krieges, Russland 1941-44. Hrsg. von Stefan Schmitz. München 2003.

[vii] Ebenda, Vorwort von Stefan Schmitz, S. 17.

[viii] Im Nachlaß Gelfands existieren ein Manuskript und ein Typoskript dieser Geschichte. Verkürzt und „redigiert“ erschien sie in: Nam dorogi eti posabyt nelsja. Wospominanija frontowikow Welikoi Otetschestwennoi [Wir dürfen diese Wege nie vergessen. Erinnerungen von Frontkämpfern des Großen Vaterländischen Krieges], Verlag Politisdat Ukraine, Kiew 1980, S. 365–366.

 

   
 
 
 
 
 
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  •     Lothar Gall & Barbara Blessing: "Historische Zeitschrift Register zu Band 276 (2003) bis 285 (2007)"
  •     Kollektives Gedächtnis "Erinnerungen an meine Cousine Dora aus Königsberg"
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  •     DAMALS "Deutschland-Tagebuch 1945-1946"
  •     Das Buch von Pauline de Bok: "Blankow oder Das Verlangen nach Heimat"  
  •     Das Buch von Ingo von Münch: "Frau, komm!": die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45"
  •     Das Buch von Roland Thimme: "Schwarzmondnacht: Authentische Tagebücher berichten (1933-1953). Nazidiktatur - Sowjetische Besatzerwillkür
  •     История государства "Миф о миллионах изнасилованных немок"
  •     Das Buch Alexander Häusser, Gordian Maugg: "Hungerwinter: Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/47"
  •     Heinz Schilling: "Jahresberichte für deutsche Geschichte: Neue Folge. 60. Jahrgang 2008"
  •     Jan M. Piskorski "WYGNAŃCY: Migracje przymusowe i uchodźcy w dwudziestowiecznej Europie"
  •     Deutschlandradio "Heimat ist dort, wo kein Hass ist"
  •     Journal of Cold War Studies "Wladimir Gelfand, Deutschland-Tagebuch 1945–1946: Aufzeichnungen eines Rotarmisten"
  •     ЛЕХАИМ "Евреи на войне. Солдатские дневники"
  •     Частный Корреспондент "Победа благодаря и вопреки"
  •     Перспективы "Сексуальное насилие в годы Второй мировой войны: память, дискурс, орудие политики"
  •     Радиостанция Эхо Москвы & RTVi "Не так" с Олегом Будницким: Великая Отечественная - солдатские дневники"
  •     Books Llc "Person im Zweiten Weltkrieg /Sowjetunion/ Georgi Konstantinowitsch Schukow, Wladimir Gelfand, Pawel Alexejewitsch Rotmistrow"
  •     Das Buch von Jan Musekamp: "Zwischen Stettin und Szczecin - Metamorphosen einer Stadt von 1945 bis 2005"
  •     Encyclopedia of safety "Ladies liberated Europe in the eyes of Russian soldiers and officers (1944-1945 gg.)"
  •     Азовские греки "Павел Тасиц"
  •     Вестник РГГУ "Болезненная тема второй мировой войны: сексуальное насилие по обе стороны фронта"
  •     Das Buch von Jürgen W. Schmidt: "Als die Heimat zur Fremde wurde"
  •     ЛЕХАИМ "Евреи на войне: от советского к еврейскому?"
  •     Gedenkstätte/ Museum Seelower Höhen "Die Schlacht"
  •     The book of Frederick Taylor "Exorcising Hitler: The Occupation and Denazification of Germany"
  •     Огонёк "10 дневников одной войны"
  •     The book of Michael Jones "Total War: From Stalingrad to Berlin"
  •     Das Buch von Frederick Taylor "Zwischen Krieg und Frieden: Die Besetzung und Entnazifizierung Deutschlands 1944-1946"
  •     WordPress.com "Wie sind wir Westler alt und überklug - und sind jetzt doch Schmutz unter ihren Stiefeln"
  •     Олег Будницкий: "Архив еврейской истории" Том 6. "Дневники"
  •     Åke Sandin "Är krigets våldtäkter en myt?"
  •     Michael Jones: "El trasfondo humano de la guerra: con el ejército soviético de Stalingrado a Berlín"
  •     Das Buch von Jörg Baberowski: "Verbrannte Erde: Stalins Herrschaft der Gewalt"
  •     Zeitschrift fur Geschichtswissenschaft "Gewalt im Militar. Die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg"
  •     Ersatz-[E-bok] "Tysk dagbok 1945-46"
  •     The book of Michael David-Fox, Peter Holquist, Alexander M. Martin: "Fascination and Enmity: Russia and Germany as Entangled Histories, 1914-1945"
  •     Елена Сенявская "Женщины освобождённой Европы глазами советских солдат и офицеров (1944-1945 гг.)"
  •     The book of Raphaelle Branche, Fabrice Virgili: "Rape in Wartime (Genders and Sexualities in History)"
  •     БезФорматаРу "Хоть бы скорей газетку прочесть"
  •     Все лечится "10 миллионов изнасилованных немок"
  •     Симха "Еврейский Марк Твен. Так называли Шолома Рабиновича, известного как Шолом-Алейхем"
  •     Annales: Nathalie Moine "La perte, le don, le butin. Civilisation stalinienne, aide étrangère et biens trophées dans l’Union soviétique des années 1940"
  •     Das Buch von Beata Halicka "Polens Wilder Westen. Erzwungene Migration und die kulturelle Aneignung des Oderraums 1945 - 1948"
  •     Das Buch von Jan M. Piskorski "Die Verjagten: Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhundert"
  •     Уроки истории. ХХ век. Гефтер. "Антисемитизм в СССР во время Второй мировой войны в контексте холокоста"
  •     Ella Janatovsky "The Crystallization of National Identity in Times of War: The Experience of a Soviet Jewish Soldier"
  •     Всеукраинский еженедельник Украина-Центр "Рукописи не горят"
  •     Bücher / CD-s / E-Book von Niclas Sennerteg "Nionde arméns undergång: Kampen om Berlin 1945"
  •     Das Buch von Michaela Kipp: "Großreinemachen im Osten: Feindbilder in deutschen Feldpostbriefen im Zweiten Weltkrieg"
  •     Петербургская газета "Женщины на службе в Третьем Рейхе"
  •     Володимир Поліщук "Зроблено в Єлисаветграді"
  •     Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst. Katalog zur Dauerausstellung / Каталог постоянной экспозиции
  •     Clarissa Schnabel "The life and times of Marta Dietschy-Hillers"
  •     Еврейский музей и центр толерантности. Группа по работе с архивными документами 
  •     Эхо Москвы "ЦЕНА ПОБЕДЫ: Военный дневник лейтенанта Владимира Гельфанда"
  •     Bok / eBok: Anders Bergman & Emelie Perland "365 dagar: Utdrag ur kända och okända dagböcker"
  •     РИА Новости "Освободители Германии"
  •     Das Buch von Jan M. Piskorski  "Die Verjagten: Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhundert"
  •     Das Buch von Miriam Gebhardt "Als die Soldaten kamen: Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs"
  •     Petra Tabarelli "Vladimir Gelfand"
  •     Das Buch von Martin Stein "Die sowjetische Kriegspropaganda 1941 - 1945 in Ego-Dokumenten"
  •     The German Quarterly "Philomela’s Legacy: Rape, the Second World War, and the Ethics of Reading"
  •     Deutsches Historisches Museum "1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang. Zwölf Länder Europas nach dem Zweiten Weltkrieg"
  •     День за днем "Дневник лейтенанта Гельфанда"
  •     BBC News "The rape of Berlin" / BBC Mundo / BBC O`zbek  / BBC Brasil / BBC فارْسِى "تجاوز در برلین"
  •     Echo24.cz "Z deníku rudoarmějce: Probodneme je skrz genitálie"
  •     The Telegraph "The truth behind The Rape of Berlin"
  •     BBC World Service "The Rape of Berlin"
  •     ParlamentniListy.cz "Mrzačení, znásilňování, to všechno jsme dělali. Český server připomíná drsné paměti sovětského vojáka"
  •     WordPress.com "Termina a Batalha de Berlim"
  •     Dnevnik.hr "Podignula je suknju i kazala mi: 'Spavaj sa mnom. Čini što želiš! Ali samo ti"                  
  •     ilPOST "Gli stupri in Germania, 70 anni fa"
  •     上 海东方报业有限公司 70年前苏军强奸了十万柏林妇女?很多人仍在寻找真相
  •     연합뉴스 "BBC: 러시아군, 2차대전때 독일에서 대규모 강간"
  •     Telegraf "SPOMENIK RUSKOM SILOVATELJU: Nemci bi da preimenuju istorijsko zdanje u Berlinu?"
  •    Múlt-kor "A berlini asszonyok küzdelme a szovjet erőszaktevők ellen"
  •     Noticiasbit.com "El drama oculto de las violaciones masivas durante la caída de Berlín"
  •     Museumsportal Berlin "Landsberger Allee 563, 21. April 1945"
  •     Caldeirão Político "70 anos após fim da guerra, estupro coletivo de alemãs ainda é episódio pouco conhecido"
  •     Nuestras Charlas Nocturnas "70 aniversario del fin de la II Guerra Mundial: del horror nazi al terror rojo en Alemania"
  •     W Radio "El drama oculto de las violaciones masivas durante la caída de Berlín"
  •     La Tercera "BBC: El drama oculto de las violaciones masivas durante la caída de Berlín"
  •     Noticias de Paraguay "El drama de las alemanas violadas por tropas soviéticas hacia el final de la Segunda Guerra Mundial"
  •     Cnn Hit New "The drama hidden mass rape during the fall of Berlin"
  •     Dân Luận "Trần Lê - Hồng quân, nỗi kinh hoàng của phụ nữ Berlin 1945"
  •     Český rozhlas "Temná stránka sovětského vítězství: znásilňování Němek"
  •     Historia "Cerita Kelam Perempuan Jerman Setelah Nazi Kalah Perang"
  •     G'Le Monde "Nỗi kinh hoàng của phụ nữ Berlin năm 1945 mang tên Hồng Quân"
  •     Эхо Москвы "Дилетанты. Красная армия в Европе"
  •     Der Freitag "Eine Schnappschussidee"
  •     باز آفريني واقعيت ها  "تجاوز در برلین"
  •     Quadriculado "O Fim da Guerra e o início do Pesadelo. Duas narrativas sobre o inferno"    
  •     Majano Gossip "PER NON DIMENTICARE…….. LE PORCHERIE COMUNISTE !!!!!"
  •     Русская Германия "Я прижал бедную маму к своему сердцу и долго утешал"
  •     The book of Nicholas Stargardt "The German War: A Nation Under Arms, 1939–45"
  •     Das Buch "Владимир Гельфанд. Дневник 1941 - 1946"
  •     BBC Русская служба "Изнасилование Берлина: неизвестная история войны" / BBC Україна "Зґвалтування Берліна: невідома історія війни"
  •     Гефтер. "Олег Будницкий: «Дневник, приятель дорогой!» Военный дневник Владимира Гельфанда"
  •     Гефтер "Владимир Гельфанд. Дневник 1942 года"
  •     BBC Tiếng Việt "Lính Liên Xô 'hãm hiếp phụ nữ Đức'"
  •     Эхо Москвы "ЦЕНА ПОБЕДЫ: Дневники лейтенанта Гельфанда"
  •     Renato Furtado "Soviéticos estupraram 2 milhões de mulheres alemãs, durante a Guerra Mundial"
  •     Вера Дубина "«Обыкновенная история» Второй мировой войны: дискурсы сексуального насилия над женщинами оккупированных территорий"
  •     Еврейский музей и центр толерантности "Презентация книги Владимира Гельфанда «Дневник 1941-1946»"
  •     Еврейский музей и центр толерантности "Евреи в Великой Отечественной войне"
  •     Сидякин & Би-Би-Си. Драма в трех действиях. "Атака"
  •     Сидякин & Би-Би-Си. Драма в трех действиях. "Бой"
  •     
  •     Сидякин & Би-Би-Си. Драма в трех действиях. "Победа"
  •     Сидякин & Би-Би-Си. Драма в трех действиях. Эпилог
  •     Труд "Покорность и отвага: кто кого?"
  •     Издательский Дом «Новый Взгляд» "Выставка подвига"
  •     Katalog NT "Выставка "Евреи в Великой Отечественной войне " - собрание уникальных документов"
  •     Вести "Выставка "Евреи в Великой Отечественной войне" - собрание уникальных документов"
  •     Радио Свобода "Бесценный графоман"
  •     Вечерняя Москва "Еще раз о войне"
  •     РИА Новости "Выставка про евреев во время ВОВ открывается в Еврейском музее"
  •     Телеканал «Культура» "Евреи в Великой Отечественной войне" проходит в Москве"
  •     Россия HD "Вести в 20.00"
  •     GORSKIE "В Москве открылась выставка "Евреи в Великой Отечественной войне"
  •     Aгентство еврейских новостей "Евреи – герои войны"
  •     STMEGI TV "Открытие выставки "Евреи в Великой Отечественной войне"
  •     Национальный исследовательский университет Высшая школа экономики "Открытие выставки "Евреи в Великой Отечественной войне"
  •     Независимая газета "Война Абрама"
  •     Revista de Historia "El lado oscuro de la victoria aliada en la Segunda Guerra Mundial"
  •     Лехаим "Война Абрама"
  •     Libertad USA "El drama de las alemanas: violadas por tropas soviéticas en 1945 y violadas por inmigrantes musulmanes en 2016"
  •     НГ Ex Libris "Пять книг недели"
  •     Брестский Курьер "Фамильное древо Бреста. На перекрестках тех дорог…"
  •     Полит.Ру "ProScience: Олег Будницкий о народной истории войны"
  •     Олена Проскура "Запiзнiла сповiдь"
  •     Полит.Ру "ProScience: Возможна ли научная история Великой Отечественной войны?"
  •     Das Buch "Владимир Гельфанд. Дневник 1941 - 1946"
  •     Ahlul Bait Nabi Saw "Kisah Kelam Perempuan Jerman Setelah Nazi Kalah Perang"
  •     北京北晚新视觉传媒有限公司 "70年前苏军强奸了十万柏林妇女?"
  •     Преподавание истории в школе "«О том, что происходило…» Дневник Владимира Гельфанда"
  •     Вестник НГПУ "О «НЕУБЕДИТЕЛЬНЕЙШЕЙ» ИЗ ПОМЕТ: (Высокая лексика в толковых словарях русского языка XX-XXI вв.)"
  •     Archäologisches Landesmuseum Brandenburg "Zwischen Krieg und Frieden" / "Между войной и миром"
  •     Российская газета "Там, где кончается война"
  •     Народный Корреспондент "Женщины освобождённой Европы глазами советских солдат: правда про "2 миллиона изнасилованых немок"
  •     Fiona "Военные изнасилования — преступления против жизни и личности"
  •     军情观察室 "苏军攻克柏林后暴行妇女遭殃,战争中的强奸现象为什么频发?"
  •     Независимая газета "Дневник минометчика"
  •     Независимая газета "ИСПОДЛОБЬЯ: Кризис концепции"
  •     Olhar Atual "A Esquerda a história e o estupro"
  •     The book of Stefan-Ludwig Hoffmann, Sandrine Kott, Peter Romijn, Olivier Wieviorka "Seeking Peace in the Wake of War: Europe, 1943-1947"
  •     Steemit "Berlin Rape: The Hidden History of War"
  •     Estudo Prático "Crimes de estupro na Segunda Guerra Mundial e dentro do exército americano"
  •     Громадське радіо "Насильство над жінками під час бойових дій — табу для України"
  •     InfoRadio RBB "Geschichte in den Wäldern Brandenburgs"
  •     Hans-Jürgen Beier gewidmet "Lehren – Sammeln – Publizieren"
  •     Русский вестник "Искажение истории: «Изнасилованная Германия»"
  •     Vix "Estupro de guerra: o que acontece com mulheres em zonas de conflito, como Aleppo?"
  •     El Nuevo Accion "QUE LE PREGUNTEN A LAS ALEMANAS VIOLADAS POR RUSOS, NORTEAMERICANOS, INGLESES Y FRANCESES"
  •     Periodismo Libre "QUE LE PREGUNTEN A LAS ALEMANAS VIOLADAS POR RUSOS, NORTEAMERICANOS, INGLESES Y FRANCESES"
  •     DE Y.OBIDIN "Какими видели европейских женщин советские солдаты и офицеры (1944-1945 годы)?"
  •     NewConcepts Society "Можно ли ставить знак равенства между зверствами гитлеровцев и зверствами советских солдат?"
  •     搜狐 "二战时期欧洲,战胜国对战败国的妇女是怎么处理的"
  •     Эхо Москвы "Дилетанты. Начало войны. Личные источники"
  •     Журнал "Огонёк" "Эго прошедшей войны"
  •     Уроки истории. XX век "Книжный дайджест «Уроков истории»: советский антисемитизм"
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