• Wallstein "Demokratie im Schatten der Gewalt: Geschichten des Privaten im deutschen Nachkrieg"
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    Produktinformation




          
        
     
     
     
     

    Stefan-Ludwig HOFFMANN (Bochum) ging es darum, mittels der Lektüre privater Aufzeichnungen von Deutschen und Besatzern aus den Jahren 1945/46 die „Schwellenerfahrung“ der unmittelbaren Nachkriegszeit zu historisieren. Auf Seiten der Deutschen entstand so das Bild einer komplexen Gemengelage von Ängsten und Hoffnungen. Die Besatzer auf der anderen Seite setzten hier wie dort Deutsche mit Nazis gleich und waren zugleich überrascht, wie selbstverständlich die Deutschen die Niederlage akzeptierten. Später differenzierten die westlichen Alliierten ihre Sicht der Deutschen sehr viel stärker als die russische Seite. Hoffmann setzte das aus der Erinnerungskultur bekannte Prinzip der Pluralisierung der Perspektiven indes nicht nur ein, um einen Erfahrungsraum zu beleuchten, der oft vernachlässigt wird, sondern auch und vor allem um besser zu verstehen, woraus und wie die kurz darauf aufkommenden und schließlich ideologisch überformten Interpretationen der Nachkriegszeit entstanden.

    Svenja GOLTERMANNs (Bremen) Vortrag behandelte zwar auch die Erfahrung(en) des Krieges und der Nachkriegszeit, setzte aber buchstäblich nicht am Anfang sondern am Ende der Kommunikation darüber an. Die aus den späten vierziger Jahre stammenden psychiatrischen Krankenakten von Kriegsheimkehrern, auf denen der Beitrag basierte, sind nämlich gerade aufgrund der Unfähigkeit der Betroffenen entstanden, die Kriegserfahrung überhaupt in – eine für andere verständliche – Sprache umzusetzen. Ähnlich wie die Tagebuchverfasser versuchten auch die Soldaten, den Bruch von 1945 in ihr Welt- und Selbstbild zu integrieren, gerieten dabei jedoch permanent an Grenzen, welche über die oft – und zum Teil noch immer – beschworene Belastungsfähigkeit der Familien in der Nachkriegszeit hinausgingen.

    Der Abendvortrag von Michael GEYER (Chicago) „Die Niederlage 1945 als Erlebnis, Erfahrung und Erinnerung“ kreiste um einen Aspekt, der auch in der Diskussion von Hoffmann und Goltermann aufgetaucht war, nämlich das lange Nachwirken des Krieges in der Nachkriegszeit. Den Wunsch, die „Totalität“ des Redens über den Krieg von 1945 bis heute zu verstehen, nahm Geyer zum Anlass für zwei Ausgangsfragen: "Woher kommt der Zwang zum Reden?" und "Hat dieses Reden die Gesellschaft demokratisiert?" Seine zentrale These war, dass die „unheimliche Präsenz“ des Krieges in den Köpfen und Körpern ihr Pendant in einer Erinnerungskultur gefunden hat, die sich oftmals als „Praxis des Wegredens“ des Krieges aus der individuellen Persönlichkeit und aus der kollektiven Identität manifestiere. Diese fast paradox anmutende Überlegung, führte Geyer anhand der Beobachtung aus, dass eine wesentliche Erfahrungsdimension der Niederlage im Reden über den Krieg durchgängig marginalisiert gewesen sei. Gemeint sind die kollektiven „Taktiken des Überlebens“ nach dem „Gewaltschock“ von 1945, mit denen die Deutschen den vom Nationalsozialismus propagierten und umgesetzten Willen zur Selbstzerstörung unterwandert hätten. Bei diesen Taktiken seien allerdings zugleich bestimmte Gruppen (wiederum die Juden und auch die Deutschen im Exil) aus der so entstandenen neuen Überlebensgemeinschaft ausgeschlossen worden.

    Dirk MOSES (Sydney) lieferte einen pointierten Abschluss dieser erinnerungskulturell orientierten Sektion. Um zu erklären, warum die Debatten westdeuscher Intellektueller über die Nazi-Vergangenheit lange extrem polarisierend wirkten, schlug er vor, dieses Phänomen aus anthropologischer und psychologischer Perspektive zu betrachten. Danach bestehe ein Identitätsproblem aufgrund des Verlustes des „basic trust“ in einer stigmatisierten sozialen Gemeinschaft (was nebenbei einen überraschenden Anschluss an Eichenberg bot). Seine Hauptthese lautete, dass die Intellektuellen in der Regel mit dieser Situation umgingen, indem sie sich entweder als „Nicht-deutsche Deutsche“ (Non-German Germans) oder als „deutsche Deutsche“ verstanden. Erstere spalteten das durch die Nazis ‚beschmutzte’ kollektive Selbstbild ab und projizierten es auf die „deutschen Deutschen“. Für diese wiederum blieb die Nazi-Vergangenheit konsequenterweise immer ein eigentlich unerträglicher Bestandteil ihrer nationalen Identität. Zugleich machte Moses aber deutlich, dass diese prägende Struktur sich mit einer neuen Generation ändere, deren grundlegendes Vertrauen in das nationale Kollektiv innerhalb einer stabilen Demokratie aufgebaut wurde.



     
     
     

    Die deutsche Gesellschaft auf dem Weg vom Nationalsozialismus in eine demokratische Kultur. Geschichts- und literaturwissenschaftliche Perspektiven.
     
    Die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert bewegt sich zwischen zwei Extremen: auf der einen Seite der Absturz in Krieg und Völkermord, auf der anderen die Rückkehr zu Frieden und Demokratie. Die Forschung hat sich bislang vorwiegend mit dem Weg der Deutschen in den Nationalsozialismus hinein beschäftigt und nur wenig damit, wie sie aus dieser Gewaltgeschichte wieder herausgefunden haben. Wie verlief im Schatten der Teilhabe an Vernichtungskrieg und Völkermord die private Suche der Deutschen nach Demokratie?
     
     
     
     
    Inhaltsverzeichnis:

    Daniel Fulda, Dagmar Herzog, Stefan-Ludwig Hoffmann, Till van Rahden
     
     
     
     
     
    SPRACHEN DER NIEDERLAGE

    Stefan-Ludwig Hoffmann
    Besiegte, Besatzer, Beobachter: Das Kriegsende im Tagebuch

    Sabine Kyora
    Die Gegenwartsliteratur und das Jahr 1945: Walter Kempowskis Texte zur »Stunde Null«

    Michael Geyer
    Die eingebildete Heimkehr: Im Schatten der Niederlage

     
     
     
     
     

    Dagmar Herzog, geboren 1961, ist Professorin für Geschichte am Graduate Center der City University of New York. Sie zählt zu den führenden Expertinnen auf dem Gebiet der Geschichte der Sexualität und der Holocaust-Forschung. Für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen wurde sie unter anderem mit dem Distinguished Achievement Award in Holocaust Studies der Holocaust Educational Foundation ausgezeichnet. Herzog beschäftigt sich intensiv mit der Verbindung von kulturellen, sozialen und politischen Dynamiken in der modernen Geschichte. Zu ihren wichtigsten Publikationen zählen Cold War Freud: Psychoanalysis in an Age of Catastrophe (2016), in dem sie die Entwicklung der Psychoanalyse im Kontext politischer und gesellschaftlicher Umbrüche im 20. Jahrhundert analysiert. In Sexuality in Europe: A Twentieth-Century History (2011) bietet sie eine umfassende Darstellung der Veränderungen von Sexualität und Geschlechterverhältnissen in Europa, wobei sie insbesondere die Wechselwirkungen zwischen individuellen Lebensformen und gesellschaftlichen Normen beleuchtet. Darüber hinaus hat Herzog mit Die Politisierung der Lust: Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts (2005) maßgeblich dazu beigetragen, die politische Dimension von Sexualität in der deutschen Geschichte herauszuarbeiten und somit ein differenziertes Verständnis von Macht, Körper und Gesellschaft zu fördern.

    Stefan-Ludwig Hoffmann leitet den Forschungsbereich »Wandel des Politischen im 20. Jahrhundert« am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der politischen Kultur, sozialen Bewegungen und den Transformationsprozessen in Deutschland und Europa im 20. Jahrhundert. Hoffmann hat sich insbesondere mit den Mechanismen politischer Partizipation und der Entwicklung bürgerlicher Gesellschaften auseinandergesetzt. Seine bedeutende Monographie The Politics of Sociability: Freemasonry and German Civil Society 1840-1918 (2007) untersucht die Rolle der Freimaurerei als zivilgesellschaftliche Organisation und ihre Einflüsse auf das politische und gesellschaftliche Leben im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Hoffmanns Arbeiten zeichnen sich durch eine interdisziplinäre Herangehensweise aus, die politische Geschichte mit sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven verbindet, wodurch ein vertieftes Verständnis der politischen Transformationen im modernen Europa ermöglicht wird.

    Till van Rahden, geboren 1967, ist Professor für Deutsche und Europäische Studien an der Université de Montréal. Er ist spezialisiert auf die soziale und religiöse Geschichte Deutschlands im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit besonderem Fokus auf interkonfessionelle und interethnische Beziehungen. Van Rahdens Forschungsarbeit widmet sich der Untersuchung der jüdischen Gemeinden und deren Interaktionen mit protestantischen und katholischen Bevölkerungsgruppen in urbanen Zentren, wobei er die komplexen Dynamiken von Identität, Integration und Ausgrenzung beleuchtet. Sein Hauptwerk Juden und andere Breslauer: Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Großstadt, 1860-1925 (2000) bietet eine tiefgründige Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Stadt Breslau und zeigt die facettenreichen sozialen und kulturellen Wechselbeziehungen in einem multikonfessionellen Umfeld auf. Van Rahdens Forschung trägt wesentlich zum Verständnis von Konflikt, Kooperation und sozialer Differenzierung in der deutschen und mitteleuropäischen Stadtgeschichte bei.

     
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