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Was bisher geschah. Kriegsende 1945.
Hitlers letzte Offensive

 
22. April 2025      [01:16:20]
 
 

Was bisher geschah. Kriegsende 1945. Hitlers letzte Offensive

https://www.ffh.de/podcast

 

Kurz vor Weihnachten 1944, der Zweite Weltkrieg scheint für Deutschland eigentlich schon verloren. Doch Hitler hat andere Pläne: In den verschneiten Wäldern der Ardennen startet er seine letzte große Offensive. Während amerikanische GIs im Westen überrascht werden und erbitterten Widerstand leisten, bricht im Osten die gigantische Winteroffensive der Roten Armee los. Wir tauchen ein in die Schicksale von Männern, die an verschiedenen Fronten für das gleiche Ziel kämpfen – das Ende der Nazidiktatur. Wie ergeht es den einfachen Soldaten in diesen entscheidenden Kriegswochen? Warum ist Hitlers Ardennenoffensive von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Und wie bestimmt der Vormarsch der Roten Armee im Januar 1945 den weiteren Verlauf des Krieges?

 

Quellen:

Tagebuch von Lee Otts
Tagebuch von Wladimir Gelfand
1945 Victory in the West von Peter Caddick-Adams
Guns at Last Light · The War in Western Europe, 1944-1945 von Rick Atkinson
The Second World War von Antony Beevor
The Third Reich at War von Richard J. Evans



Transkribiert von TurboScribe.ai

 

___________________

   

        

Es ist Weihnachten, in den ersten Stunden des 25. Dezember 1944. Wir befinden uns im östlichen Teil der Ardennen im luxemburgischen Grenzgebiet.

Und Lieutenant Lee Odds aus Alabama liegt auf dem Bauch im Schnee. Sein Körper, den presst er in einen flachen Graben, weil alle paar Minuten deutsche Maschinengewehrkugeln über ihn und seine Kameraden hinwegpfeifen. Dann folgt ein kurzer Moment der Stille, und dann heulen die nächsten Salven durch die eisige Luft.

Lieutenant Odds, der ist gerade mal 22 Jahre alt, aber er trägt die Verantwortung für 40 Männer. Und diese 40 Männer, die kauern in dieser heiligen Nacht in ihren Stellungen und warten auf den Befehl, endlich vorzurücken. Odds, der kriecht immer wieder durch diesen flachen Schützengraben, schaut nach seinen Leuten, gibt ihnen Ratschläge: bewegt eure Beine, bewegt eure Hände.

Weil wenn sie das nicht tun, dann drohen ihnen Erfrierungen an den Händen, an den Füßen, im Gesicht. Und so kommt es auch tatsächlich. Ich zoome mal raus jetzt aus dieser Szene.

Zu diesem Zeitpunkt tobt der Zweite Weltkrieg seit fast fünfeinhalb Jahren in Europa. Die Alliierten stehen mittlerweile an den Grenzen des Deutschen Reiches. Doch hier in den verschneiten Ardennen hat Adolf Hitler wenige Tage zuvor eine gewaltige Offensive gestartet.

Er hat über 200.000 Mann und hunderte Panzer zusammengezogen, versteckt in diesem dichten Waldgebiet. Dann haben die Deutschen losgeschlagen und die Amerikaner völlig überrascht. Also ganze Einheiten sind eingekesselt worden.

Lieutenant Odds und seine Kompanie sollen jetzt Gegenangriffe starten, um die Deutschen zurückzudrängen. Aber die Wehrmacht stößt immer weiter vor, und mittlerweile wölbt sich die Front nach außen wie eine große Beule. Und genau das hat dieser Schlacht ihren englischen Namen eingebracht: Battle of the Bulge.

Wir kennen sie unter einem anderen Namen: wir nennen sie die Ardennen-Offensive.

Um 6.30 Uhr kommt dann der erwartete Befehl. Odds führt seine Männer aus dem Graben heraus, und jeder Schritt im knirschenden Schnee könnte ihr letzter sein, denn sie sind leichte Ziele.

Also die Soldaten tragen braune Wintermäntel, verschneite Waldlandschaft – sie heben sich gut davon ab. Und das sehen natürlich auch die deutschen Maschinengewehrschützen. Odds zum Beispiel sieht einen seiner Soldaten getroffen zusammensacken, der versucht sich dann nochmal blutend aufzurichten, schreit in seiner Verzweiflung und seinem Schmerz nach seiner Mutter, und dann peitscht eine neue Salve durch den Wald und der Mann verstummt für immer.

Nils, es ist jetzt genau 80 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen ist – der grausamste und schlimmste Krieg, den die Welt bis dahin gekannt hat. Mindestens 60 Millionen Menschen sind ihm zum Opfer gefallen.

Wir nehmen dieses Jubiläum, diesen Jahrestag, zum Anlass, etwas ganz Besonderes zu machen. Wir werden die Geschichte des Kriegsendes in sieben Folgen erzählen. Keine Angst, das wird nicht sieben Wochen dauern, sondern wir werden zwei Folgen pro Woche releasen.

Und wir machen das, weil wir finden, dass man an die letzten Wochen, Monate des Krieges und an diesen Neubeginn, die man sich dann nach dem Krieg erinnern muss, erinnern sollte, weil man da eine ganze Menge daraus lernen kann, oder?

Ja, auf jeden Fall. Es stellt sich ja immer die Frage, wie vergangen ist die Vergangenheit wirklich? Und beim Zweiten Weltkrieg ist das ja wirklich eine Frage des Alltags. So heißt es ja: Jeden Tag, irgendwo in Deutschland, werden irgendwelche Fliegerbomben entdeckt und ausgebuddelt und die Leute müssen ihre Häuser verlassen.

Und das Entschärfer-Team muss kommen. Das ist immer noch unser Alltag. Und das ist ein gutes Symbol dafür, dass sich diese Welt, diese Fragen, die sich am Ende des Krieges gestellt haben, bis heute stellen.

Also diese Weltaufteilung zwischen den Mächten. Unser Verhältnis zu den USA müssen wir jetzt ja wieder diskutieren. Verhältnis zur Sowjetunion und zu Russland.

Der Staat, in dem wir leben. Wir leben immer noch in der Bundesrepublik Deutschland. Die Bundesrepublik Deutschland.

Das ist diese machtpolitische Dimension, aber auch diese idealistische Dimension. Also das Grundgesetz.

Ja, genau.

Die Gründung der Bundesrepublik, das Grundgesetz. Die Gründung der Vereinten Nationen. Dieses ganze Idealistische, dieser Aufbruch.

Diese wertgesteuerte Politik. Das alles, das werden wir in diesen Folgen sehen, woher das kommt. Warum die Leute gesagt haben, wir wollen jetzt mal hier uns moralisch auf eine höhere Stufe zu entwickeln versuchen.

Und diese beiden Pole, die bis heute die Diskussion, Stichwort Ukraine-Krieg, prägen. Wir wollen nie wieder Krieg und wir wollen nie wieder Auschwitz. Als Symbol für all die Menschenrechtsverletzungen und Grausamkeiten, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die man 1945 entdeckt hat.

Diese beiden Pole prägen uns immer noch.

Das hast du sehr schön zusammengefasst. Wir leben in einer Welt, die in dieser Zeit sozusagen entstanden ist.

Die in gewissem Sinne auch die Lehren zieht aus diesen schrecklichen Ereignissen. Es sind sehr, sehr schreckliche Ereignisse. Das ist eine Binse, aber ich betone das an dieser Stelle nochmal, weil die sieben Folgen, die wir über das Kriegsende machen werden, die werden dementsprechend grausam.

Und das ist eben eine Geschichte, die man erzählen muss, die aber schwer zu ertragen ist. Also wer das nicht möchte, die Folgen überspringen. Aber wir finden eben, dass man auch das Leid, auch den Schrecken erzählen muss, um zu verstehen, welche Schlüsse die späteren Generationen daraus gezogen haben.

Wir beginnen im Winter 1944/45. Und zu diesem Zeitpunkt haben sich die Alliierten bereits bis zu den Grenzen des Deutschen Reiches vorgekämpft. Und die Niederlage des NS-Regimes, das diesen Krieg ja 1939 begonnen hat – darf man nicht vergessen –, die scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Doch Adolf Hitler, der versucht noch einmal, das Blatt zu wenden.

Ich bin Joachim Telgenbüscher.

Ich bin Nils Hinkmer.

Und das ist Was bisher geschah von Wondery. In der ersten Folge unserer siebenteiligen Serie zum Ende des Zweiten Weltkriegs, da geht es mitten hinein in den Alltag zweier Männer, die in unterschiedlichen Armeen für das gleiche Ziel kämpfen: das Ende der Nazi-Diktatur.

Wir erzählen, was die Wehrmacht im Dezember 1944 zu ihrer letzten großen Offensive treibt, wie einfache Soldaten die letzten Monate dieses Weltkriegs erleben und warum sich ausgerechnet in den verschneiten Ardennen Hitlers Schicksal endgültig entscheidet.

Achtung, überraschender Einstieg, lieber Nils. Ich würde gerne mal eine Folge über die Geschichte des Humors machen.

Ich habe allerdings so meine Zweifel, ob das bei dir und bei euch da draußen so gut ankommt, ob euch das so interessiert wie mich.

Ich bin dabei, doch, doch.

Sehr schön, du bist nochmal auf meiner Seite.

Humor im 16. Jahrhundert, ja. Ja, darüber lachten die alten Römer.

Ich habe schon einen ernsten Gedanken dabei, weil ich wirklich finde, dass die Witze, die sich Menschen früher erzählt haben, uns sehr viel über sie und auch über ihre Zeit verraten können. Manchmal auch komplett unverständlich. Also wenn es lange genug her ist, weiß man überhaupt nicht mehr, wo der Witz hat.

Ja, das kommt noch dazu. Also kann man diese Witze überhaupt verstehen oder gibt es vielleicht sozusagen Witzmodelle, die schon Jahrtausende alt sind? Also finde ich, wie gesagt, sehr faszinierend. Und das gilt auch für die letzten Kriegsmonate.

Das ist ja unser Thema in dieser Miniserie. Jetzt könnte man natürlich einwenden, die Leute damals hatten doch nun wirklich gar nichts zu lachen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Gerade in finsteren Zeiten, da sehen wir uns nach dem, was die Briten Comic Relief nennen, also die erleichternde Komik, ein bisschen ja irgendwie lachen, um den Schrecken zu ertragen.

Und im Sommer 1944, da kursiert zum Beispiel dieser Witz in Deutschland: Ein kleiner Junge, der schaut sich mit seinem Vater einen Globus an.

Der Vater erklärt: Schau hier, diese riesige Fläche hier, das ist die Sowjetunion, mit der wir im Krieg sind.

Und was ist das, fragt dann der Junge und zeigt auf eine andere große Fläche.

Das ist das britische Empire, mein Sohn, erklärt der Vater, mit dem wir auch im Krieg sind.

Und diese gewaltige Fläche hier drüben, das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Mit denen wir ebenfalls Krieg führen. Und dann denkt der Junge kurz nach und fragt dann: Und wo ist Deutschland? Und dann zeigt der Vater auf einen kleinen Fleck in Mitteleuropa.

Der Junge denkt noch mal kurz nach und fragt dann: Sag mal Papa, weiß der Führer, wie klein das ist?

Ich habe auch noch einen. Wann ist der Krieg vorbei, fragte man sich in Berlin 1944. Keine Ahnung.

Wenn der Göring in die Uniform von Goebbels passt.

Erzählte Josef Goebbels selbst gerne. Da muss man dazusagen, Göring eher ein beleibter Mensch.

Ein Mann, der allen Gelüsten, glaube ich, nicht abgeneigt war. Und Goebbels eher klein. Wir kommen später noch dazu.

Aber Göring verliert dann auch sehr viel Gewicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieser Witz, den ich da gerade erzählt habe, das ist eigentlich so ein Beispiel für Galgenhumor.

So ein bisschen die deutsche Übersetzung von Comic Relief, nicht ganz. Aber sozusagen das Lachen, wenn man eigentlich nichts mehr zu lachen hat. Und das stimmt sogar im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn für so einen Witz, wenn man den erzählte damals in Deutschland und das jemand gehört hat und man denunziert wurde, dann konnte man wegen Wehrkraftzersetzung, so hieß das damals, auch schnell den Kopf verlieren.

Aber er bringt eben die Lage Deutschlands zum Jahreswechsel 1944/1945 sehr gut auf den Punkt. Weil das Deutsche Reich ist extrem in die Enge getrieben.

Es war ja mal sehr viel größer, also der Machtbereich der Nationalsozialisten.

Ja, aber es hält sich natürlich noch eine ganze Weile. Wir denken immer, dass mit der Anlandung der alliierten Truppen in der Normandie die Sache im Grunde gelaufen ist.

Und nach dem Verlust der Schlacht von Stalingrad im Osten. Aber es zieht sich.

Ja, auch weil NS-Deutschland ein gewaltiges Gebiet unterworfen hat.

Also zeitweise reicht Hitlers Macht vom Atlantik bis zur Wolga.

Du hast die Schlacht von Stalingrad erwähnt.

Vom Polarkreis bis nach Nordafrika.

Aber das ist arg zusammengeschrumpft. Und jetzt 1944, 1945, in diesem Winter, da ist eigentlich nicht mehr so viel davon übrig. Also die Alliierten rücken im Westen wie im Osten vor.

Im Rheinland und in Ostpreußen haben sie sogar schon kleine Landstriche erobert. Was Hitler noch kontrolliert, das ist Dänemark und Norwegen im Norden. Norditalien im Süden.

Außerdem Gebiete in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Österreich. Es ist für ihn ein Albtraum, weil er kämpft an mehreren Fronten. Das wollte er eigentlich so, glaube ich, am Anfang nicht.

Und dementsprechend schlecht läuft die ganze Sache für die Nationalsozialisten. Mittlerweile hat Deutschland das letzte Aufgebot mobilisiert. Im September 1944, da wurde die Wehrpflicht auf alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren ausgeweitet.

Das hieß ja, auch wir beide hätten da noch irgendwie in den Krieg ziehen müssen.

Und dafür haben sich die Nazis den martialischen Namen Volkssturm ausgedacht. Das klingt ja sehr machtvoll.

Ist in Wahrheit natürlich ein schlecht ausgerüstetes und auch schlecht ausgebildetes letztes Aufgebot, dass sie da in den Tod schicken, glaube ich.

Das kann man so sagen. Und dann kommt noch die materielle Seite dazu.

Also Deutschland kann auch die Verluste an Panzern, Flugzeugen und so gar nicht mehr wirklich ersetzen, weil die USA kämpfen ja auch mit. Und die USA sind eine gewaltige Industrienation, die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt. Und sie steigern sich dahin.

Sie steigern die Rüstungsposition. Sie stellen das völlig um auf industrielle Produktion von Kriegsgeräten.

Ja, die Fabriken, die man so kennt.

Also die Ford-Fabriken in Detroit sind die, glaube ich.

Die stellen Panzer her oder Flugzeuge und so weiter.

Ja, auch Frauen arbeiten zunehmend.

Die Deutschen steigern die Produktion auch, aber das reicht nicht mehr aus. Denn das ist ja ein moderner Krieg und in einem modernen Krieg ist das, was in den Fabriken passiert, mindestens genauso wichtig wie das, was auf dem Schlachtfeld geschieht.

So, das haben wir jetzt geklärt.

Jetzt schauen wir einmal auf die Westfront. Mitte Dezember, also am Vorabend dieser deutschen Adennen-Offensive, die ich eben schon angesprochen habe. Da stehen die Westalliierten an der deutschen Westgrenze.

Das sind US-Amerikaner, aber auch Briten, Kanadier und Franzosen, was dich ganz besonders freuen wird.

Charles de Gaulle hat es geschafft. Über den haben wir auch schon eine Folge gemacht.

Er ist dabei. Es sind auch französische Piloten über Aachen bei dieser Aktion beteiligt.

Und einer davon mein Großvater.

Als Aufklärer.

Sehr gut.

Die Telgenbüschers waren meines Wissens nicht beteiligt.

Aber das ist toll. Ich würde jetzt mal sagen, auf der richtigen Seite. Er hat das nie so betont, komischerweise.

Aber das werden wir vielleicht nochmal anders diskutieren. Das ist aber ein guter Punkt, weil wir werden in dieser siebenteiligen Serie natürlich immer auch wieder auf die eigenen Familiengeschichten zurückkommen. Weil es ist zwar 80 Jahre her, aber das ist noch nicht so lange her, dass all diese Geschichten sozusagen vergessen sind.

Es prägt immer noch vielleicht auch ein bisschen die Erinnerungen in der Familie. Zurück zu den Alliierten. Die haben eine deutsche Großstadt schon erobert.

Das ist Aachen. Da stellt sich natürlich die Frage, wie sind die Alliierten überhaupt hergekommen? Warum kämpft ein Mann wie Lee Odds aus dem fernen Alabama jetzt in den Ardennen und muss sich da in diesem eisigen Winter mit Wehrmachtssoldaten auseinandersetzen? Das liegt daran, dass Adolf Hitler auch den USA den Krieg erklärt hat. Am 11. Dezember 1941 war das, kurz nachdem sein Verbündeter Japan den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbor in Hawaii angegriffen hat.

Warum er das getan hat, warum er sich dafür entschieden hat, auch noch die größte Wirtschaftsmacht der Welt anzugreifen, das ist nicht so ganz geklärt. Ich würde sagen, es war ein Fehler, auf jeden Fall.

Bis dahin sind sie ja daran gewohnt, immer die Alliierten, und dann die Amerikaner als Erste zu nennen. Aber es hat ganz schön lange gedauert, bis sich die Amerikaner entschieden haben. Wir haben ja begonnen die Szene mit dem jungen Mann aus Alabama.

Das ist natürlich weit weg für die, die sich gefragt haben, was sollen wir uns da jetzt im Schnee erschießen lassen für Deutschland. Sollen doch die Europäer selber schauen, was sie da angerichtet haben. Das hat ganz schön lange gedauert.

So eine Figur wie Charles Lindbergh, der Atlantiküberquerer, der große Pilot, einer der berühmtesten Männer seiner Zeit, war strikt dagegen. Er hatte selber solche Nazi-Sympathien. Das heißt, es gab da eine ganz starke Bewegung, die gesagt hat, lasst einfach die Europäer da ihren Kram alleine machen.

Diese Bewegung hatte einen Namen, America First. Ja, hat ein zeitgenössisches Echo. Aktuellen Anklang, aber dann mit Pearl Harbor und der deutschen Kriegserklärung war das dann vorbei.

Dann stiegen die Amerikaner ein, aber das ist natürlich relativ spät. Also es gab ja viele Stimmen, die gesagt haben, auch von Churchill vor allem, Macht, helft uns endlich. Das Arsenal der Demokratie, das Zitat von Roosevelt, das wollten die Amerikaner sein.

Sie haben also schon vorher die Briten mit Kriegsgütern und so weiter unterstützt. Aber sozusagen Dezember 1941, da treten sie wirklich in den Krieg ein. Und danach kämpfen auch Deutsche gegen Amerikaner.

Also Nordafrika zum Beispiel, dann später in Italien, auch im Atlantik, also Seekrieg mit U-Booten. Und dann gibt es natürlich noch die US-Bomber, die Deutschland dann angreifen. War ganz schön knapp übrigens mit dieser U-Boot-Flotte.

Ich stationiert übrigens in Bordeaux, da ist eine Stadt in Frankreich, die ich ganz gut kenne, bis heute zu besichtigen, dieser U-Boot-Bunker, eine riesige Anlage, eine Werft, die auch nicht zu zerstören ist, heute ein Kunstzentrum ist. Ein riesiges Ding, so groß wie ein Stadtviertel. Und diese U-Boote aus Bordeaux hätten beinahe die Versorgungslinien zwischen den USA und Großbritannien gekappt.

Die haben diese Convoys, die ja auch aus Kanada kamen und so weiter, versenkt. Und die Amerikaner haben wirklich im letzten Augenblick, Churchill hatte schon diesen Albtraum, dass eben diese Leute verhungern einfach auf seiner Insel. Die Amerikaner haben es geschafft, diese U-Boote in Schach zu halten durch bestimmte Scheinwerfer.

Weiß ich, von John Keegan, dem Großmeister. Erst als sie diese Scheinwerfer entwickelt haben, mit denen die Flugzeuge diese U-Boote im Wasser orten konnten und abschießen konnten, konnten auch diese Versorgungsschiffsconvoys wieder fahren. Also manchmal hängt es auch an solchen Details.

In dieser Endphase des Zweiten Weltkriegs, es war doch viel knapper, als wir uns heute einreden. Eine ganz wichtige Sache auch noch: Die Briten haben es geschafft, die deutschen Codes zu knacken. Man würde sagen, Kopfarbeiter haben da auch einen ganz, ganz wichtigen Beitrag geleistet.

Die Codeknacker von Bletchley Park, das wäre auch eine tolle Folge. Aber du hast völlig recht, es war sehr knapp. Also da sind sich Deutschen und Amerikaner schon begegnet.

Wo sie sich noch nicht auf dem Schlachtfeld gegenübergestanden haben, war West- oder Mitteleuropa. Das ändert sich dann am 6. Juni 1944 mit dem D-Day. Davon habt ihr bestimmt alle schon mal gehört.

Das ist die große Landung in der Normandie. Und das ist eine absurde Anekdote, aber Adolf Hitler, der ist ja nicht nur Oberbefehlshaber der Wehrmacht, er ist auch ein notorischer Spätaufsteher gewesen, und der verschläft den Beginn dieser Invasion. Und seine Entourage zögert stundenlang, ihn zu wecken.

Er ist ja Oberbefehlshaber, eigentlich müsste er das natürlich sofort erfahren. Und der höchste deutsche General im Westen, Erwin Rommel, der ist zu dieser Zeit gerade auf Heimatbesuch. Seine Frau hat nämlich Geburtstag.

Also das ist von deutscher Seite, würde man heute sagen, ein Epic Fail. Aber aus alliierter Sicht natürlich ein ganz, ganz wichtiger Sieg. Denn es gelingt eben den Alliierten, wirklich eine ganze Armee an Land zu bringen.

Kriegsmaterial, Panzer und so weiter. Und sie setzen sich da fest. Sie erobern so einen Brückenkopf.

Das dauert dann zwei Monate, bis sie aus dieser ersten Basis ausbrechen. Aber danach geht es dann wirklich sehr schnell. Wichtige Rolle hier auch die französische Résistance, auch heldenhaft.

Also zu diesem Zeitpunkt dann etwas besser organisiert als zu Beginn des Krieges. Und natürlich unter großen Opfern von Männern und Frauen, die dann versuchen, die Wehrmachtskräfte und die Deutschen zu verwirren, in die Irre zu schicken, zu schwächen, Sabotageakte zu machen, die Züge auf das falsche Gleis zu locken und so weiter. Ganz harte Repressionen auch gegen die Zivilisten damals.

Ja, was ist der Moment, in dem Frankreich befreit wird? Also Ende August erreichen die Alliierten Paris und dann Nordfrankreich, Brüssel wird befreit. Und dann schließlich fällt auch Antwerpen. Das ist der wichtigste Hafen dann für die Alliierten.

Also vorher sind sie wirklich durch so Behelfshäfen, die sie in der Normandie gebaut haben, versorgt worden. Und dieser Hafen in Antwerpen, der wird in dieser Folge nochmal sehr wichtig werden. Also merkt euch den Namen.

Jetzt sind wir im Herbst 1944 und das ist auch der Moment, an dem Lieutenant Lee Odds, von dem wir ja zu Beginn dieser Folge gehört haben, in Frankreich ankommt. Der ist 22 Jahre alt, also junger Mann aus Alabama, frisch von der Uni, hat, glaube ich, Chemie studiert. Und der gehört zu einem Kontingent von US-Soldaten, die nach Europa geschickt werden, um die Verluste der vergangenen Monate auszugleichen.

Warum sprechen wir ausgerechnet über Lee Odds? Weil er Tagebuch geführt hat. Und dieses Tagebuch, das gibt uns einen seltenen, direkten Einblick in den Alltag eines ganz normalen Soldaten. Wir wollen uns nämlich in dieser Miniserie nicht nur den großen Schlachten widmen, den Konferenzen der politischen Führer, den Verhandlungen, all das, was dazugehört, sondern wir wollen auch schauen, wie ganz einfache, normale Leute den Krieg erlebt haben, also Soldaten auf beiden Seiten, deutsche Zivilisten, aber auch die Opfer des NS-Regimes, zum Beispiel Häftlinge in den Konzentrationslagern.

Also all das erwartet euch in dieser Miniserie. Tagebuch führen ist immer eine gute Idee. Also wenn ihr Tagebuch schreibt, dann zukünftige Historiker und Historikerinnen werden sich sehr darüber freuen.

Dieser Lee Odds, der hat sein Tagebuch später überarbeitet, das muss man dazu sagen. Also er hat es nicht so aufgeschrieben, wie er das im Moment erlebt hat. Also vielleicht hat er da redigiert, Dinge weggelassen, Dinge hinzugefügt, aber wie dem auch sei, das ist wirklich eine wichtige Quelle.

Was ich bemerkenswert finde, ist, wie jung diese Männer sind, die da kämpfen. 22 Jahre. Ich weiß nicht, was du mit 22 Jahren gemacht hast.

Warst du an der Uni da wahrscheinlich gerade frisch?

Im AStA.

Im AStA, siehst du? Studentenpolitik. Ich war auch an der Uni und da ist man in diesem Alter schon eine Führungskraft.

Er ist ja Lieutenant, also er kommandiert 40 Mann. Er hat so ein bisschen, Kampferfahrung will ich nicht sagen, aber er weiß, wie man mit einem Gewehr umgeht. Er ist natürlich ausgebildet worden, ist aber auch schon früher in seiner Heimat regelmäßig zur Jagd gegangen.

Und am 18. November 1944, da stößt Lee Odds zu seiner neuen Einheit. Diese Einheit, die gehört zur Armee eines legendären amerikanischen Generals, nämlich George Patton.

Ja, einer der vielen, wie soll man sagen, natürlich Männer, wie es sie heute nicht mehr gibt.

Absolut ruchlos und dabei auch erfolgreich. Darum haben die Leute auch so eine Abneigung vor dem Krieg.

Egal auf welcher Seite, weil eben auch gerade solche Figuren nötig sind, damit man da Erfolge erzielt.

Schwierig, da so ein Label für ihn zu finden. Er ist ein harter Typ, er ist kompromisslos und er hat auch schon für Schlagzeilen, also für Unruhe in der US-Armee gesorgt.

Er hat nämlich 1943 während des Sizilien-Feldzugs zwei Soldaten im Lazarett geohrfeigt. Die sogenannten Slapping Incidents. Diese Männer, die waren im Lazarett, weil sie unter, wir würden heute sagen, PTSD leiden.

Post Traumatic Stress Disorder, also die Nachwirkung von extremem Stress und einer Traumatisierung.

Genau, Patton lässt das nicht gelten, der hält die für Feiglinge und traumatisiert, das ist für ihn eine Ausrede. Er gibt denen dann Ohrfeigen und das löst wirklich einen nationalen Skandal in den USA aus.

Aber Patton behält seinen Job, der wird gebraucht und im Herbst 1944 steht dann Pattons Armee in Lothringen, also kurz vor der deutschen Grenze. Auftrag ist, die deutschen Linien durchbrechen und dann bis ins Saarland vorzustoßen.

Wenn wir uns jetzt mal anschauen, was Lee Odds in dieser Zeit so in sein Tagebuch schreibt, also dazu zählen zum Beispiel Überlebenstipps, die ihm ein anderer Lieutenant mit auf den Weg gibt:

Regel Nummer 1, du darfst auf keinen Fall so aussehen auf dem Schlachtfeld wie ein Offizier, also das heißt, keine sichtbaren Insignien an der Uniform tragen, auch keine Offiziersmäntel, weil darauf achten die deutschen Scharfschützen als erstes, sie wollen sozusagen gezielt die Anführer ausschalten.

Die Amerikaner erzählen, dass die Deutschen angeblich für jeden erschossenen Offizier dann drei Tage Sonderurlaub bekommen.

Und der Tätigende wurde Beginn des Krieges einmal abgeschossen und hat dann zu seinem Missvergnügen feststellen müssen, dass in der Tat die Flugzeuge versucht haben, ihn und seine Kameraden zu erschießen, weil in der Tat die Überlegung war, dass man eben für die Pilotenausbildung, was mein Großvater war, viel länger braucht, als für die Herstellung eines Flugzeugs.

Deswegen, es war irgendwie rationaler, die Männer abzuschießen, hat mein Großvater dann instinktiv verstanden.

Naja, hat sich dann noch gerettet, also wenn man ihn dann erschossen hätte, als Gefangene, aber nicht als Gefangene.

Nee, er war am Boden und die haben ihn alle angeschossen, aber gut, darauf kam es damals schon auch nicht mehr.

Ein anderer Ratschlag, den Lee Odds bekommt: immer in Bewegung bleiben, wenn man angreift, denn, Zitat: "Wenn du anhältst und den Hainis Zeit gibst, ihre Mörser und Artillerie auf dich einzuschießen, bist du erledigt."

Hainis, auch Jerrys oder Krauts, die Mörser müssen tatsächlich, das hatte mir mal einer erzählt, der ausgebildet wurde, ein alter Verwandter, du schießt dann immer dreimal, um dein Ziel zu erreichen: einmal zu weit, also du näherst dich — die hatten ja damals nicht so gute Satellitenbilder —, sondern mussten sich tatsächlich so geometrisch, quasi mit dem Geodreieck so nähern, und dann schießen sie ein paar Mal, und das dritte Mal denkst du, die schießen ja immer daneben, und dann bist du aber dran beim letzten Mal. Und dann bist du dran bei den letzten Lebenstipps.

Was auch noch dazu zählt: Lieutenant Odds, der lernt auch, Geschosse der Deutschen am Klang zu erkennen, also noch bevor die einschlagen. Zum Beispiel erfährt er, dass die Granate eines 88-Millimeter-Geschützes ein besonderes Heulen macht, das klingt wie, Zitat: "das Schreien einer wahnsinnig gewordenen Frau." Also das sind so die Dinge, die er da on the job dann noch lernt und die wahrscheinlich sehr nützlich sind.

Wenn wir jetzt einmal noch die Vogelperspektive einnehmen und auf das Kriegsgeschehen schauen, kann man sich ja fragen, warum die Amerikaner im November 1944 überhaupt noch gegen die Deutschen kämpfen, weil damit haben sie ja nicht gerechnet. Weil der Vormarsch so gut lief, nachdem sie da in der Normandie aus dem Brückenkopf ausgebrochen sind. Wie gesagt, Paris befreit, und einige haben gedacht, also im Oktober spätestens ist dieser Krieg vorbei.

Das haben wir auch in unserer Folge über das Tagebuch der Anne Frank gesehen, dass auch die Familie Frank natürlich daran denkt und hofft, dass die Alliierten so schnell vorrücken, dass sie auch bald befreit werden.

Ja, dann stoßen sie allerdings auf ein großes Hindernis: den Westwall. Das ist so eine 600 Kilometer lange Verteidigungsanlage an der Westgrenze des Deutschen Reiches. Die hat Hitler schon ab 1936 errichten lassen.

Sie versuchen im September 1944 den Westwall nördlich zu umgehen, so einer gewaltigen Luftlandeoperation. Die geht allerdings schief.

Wer wissen will, warum, der sollte sich den Filmklassiker Die Brücke von Arnheim anschauen, da wird das erzählt. Also sie kämpfen sich da fest, da am Westwall. Besonders heftig sind die Kämpfe im Hürtgenwald südöstlich von Aachen.

Der gilt manchen Amerikanern, Zitat: "als der schlimmste Ort von allen." Dicht bewachsen, dunkel, steile Hänge. Also das ist ein albtraumhaftes Gelände, um da anzugreifen.

Und dementsprechend bezahlen die Amerikaner jeden Meter Boden, den sie da gut machen, mit enormen Verlusten.

Die Deutschen, die spielen wiederum auf Zeit. Das ist natürlich für uns Nachgeborene auch immer wieder so eine der Fragen, die sich in dieser Phase des Krieges stellen.

Warum geben die nicht auf? Es ist nicht mehr zu gewinnen. Da sieht man diese Macht von einerseits der Nazi-Ideologie und dann dem, was die Armee macht. Es gibt da keinen freien Willen.

Die rationale Entscheidung wäre zu sagen: "Okay, ich gebe auf, die Amerikaner werden mich schon gut behandeln." Aber du bist kein Individuum mehr, du bist so im Griff dieser Maschinen, dass du halt kämpfst, als ginge es um alles. Das ist der Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.

Wenn man die deutsche Führung betrachtet: Die Führung im Ersten Weltkrieg kämpft zwar auch sehr lange, aber dann, als es wirklich auf die deutschen Grenzen zugeht, schießen sie einfach im Stillstand. Und im Zweiten Weltkrieg die Nationalsozialisten, Adolf Hitler und so weiter, die machen weiter bis zum bitteren Ende und zwingen natürlich all diejenigen, die vielleicht aufgeben wollen.

Ja, das war ja die Lehre, die politische Lehre von Adolf Hitler im Ersten Weltkrieg, der gesagt hat: "Okay, wir haben tapfer gekämpft, wir sind verraten worden, und beim nächsten Mal passiert mir das nicht." Das heißt, ich suche da Rache. Und die Franzosen haben den Kettenschluss gezogen.

Ja, das wird also jetzt durchexerziert: der Kampf bis zum bitteren Ende.

Hitler denkt aber: "Okay," plant er eine neue Offensive, und diese Offensive soll dann endgültig das Kriegsglück im Westen nochmal zu seinen Gunsten wenden.

Ein Gedanke, den ich hier noch anbringen will, weil ich ihn für sehr wichtig halte: Für uns Nachgeborene ist es sehr leicht, diese Kämpfe vom Ende her zu betrachten. Wir wissen heute, die Alliierten, die werden gewinnen, und wir kennen das Ende. Aber für die Soldaten, die da mittendrin stecken, also auch für Männer wie Lee Odds, sieht das ganz anders aus.

Die kennen das Ende noch nicht. In Todesangst. Sie wissen: Jeder falsche Schritt, der kann ihr Ende bedeuten.

Lee Odds, der empfindet den Krieg teilweise aber wie so ein großes Abenteuer. Den scheint das jetzt nicht so mitzunehmen, aber er beobachtet bei Kameraden schon so etwas, was er Battle Fatigue nennt, also eine Schlachtenmüdigkeit.

Die Nerven machen nicht mehr mit. Ein GI, der verliert zum Beispiel sofort die Fassung, wenn er ein deutsches Maschinengewehr hört. Ein anderer, der kauert in seinem Graben und weint.

Ja, auch die Überlebenden haben diese Erfahrung auf deutscher Seite nie mehr losgelassen. Ich kann mich irgendwie erinnern, als ich ein Kind war, dass wir viele Erwachsene hatten, Frauen wie Männer, die solche Marotten hatten.

Wir haben als Kinder darüber gelacht. Einer hat immer gesagt: "Ich kann kein Brot wegwerfen." Das haben alte Leute damals oft gesagt. "So ein Brot muss ich," — das war natürlich eine Folge dieser Hungererlebnisse.

Oder an Silvester: "Ich kann dieses Gebölle überhaupt nicht ertragen. Da geht es mir total schlecht." Da haben wir als Kinder gelacht: "Was sind das für Geschichten aus alter Zeit?" Aber das sind natürlich Begleiterscheinungen des Krieges.

Und auch das Männerbild: Viele in ihrer Familie haben gesagt: "Mein Vater, mein Großvater, der war so: Indianer kennen keinen Schmerz und reiß dich zusammen" und so was.

Das sind alles Überlieferungen, das sind Erbe aus dieser Kriegszeit, das bis in die Familien reicht. Es hat auch lange gedauert, bis man wirklich gelernt hat, was der Krieg mit Menschen macht.

Also PTSD, Post Traumatic Stress Disorder, ist erst 1980 offiziell als psychische Erkrankung anerkannt worden. Da spielt dann auch die Erfahrung des Vietnamkriegs eine wichtige Rolle.

Was ich in Odds' Bericht nicht finde, das ist Hass auf die Gegner. Und auch keine heroischen Reden über den Kampf gegen Hitler. Bei meinem Großvater auch nie, komischerweise.

Ich frage mich, ob das damals damit zu tun hat, dass diese ganze Tragweite der nationalsozialistischen Verbrechen, insbesondere die Konzentrationslager im Osten, auf die wir ja noch zu sprechen kommen, dass das erst so in die Öffentlichkeit kam, dass diese Soldaten jetzt gar nicht gekämpft haben, um diese Seite der Nazi-Herrschaft zu beenden, sondern im Wesentlichen einen klassischen Krieg geführt haben und gar nicht diese Menschenrechtsverbrechen.

Diese moralische Überlegenheit, die ja objektiv bestand, war für diese Handelssoldaten ganz selten nur ein Thema.

Man könnte auch sagen: "Na ja, er hatte anderes zu tun. Er befindet sich in einer Extremsituation."

Stimmt. Und er beschreibt dementsprechend auch so das Leben, das Überleben an der Front, einfach dieses tägliche Aushalten. Und vielleicht hat er gar nicht die Zeit, gar nicht die mentale Kapazität, sich noch Gedanken über die Deutschen zu machen.

Außerdem erlebt ja jeder Soldat nur einen winzigen Ausschnitt des Krieges. Und dazu gehören wahrscheinlich auch die deutschen Verbrechen. Und das große Ganze, das überblicken die Frontsoldaten eben kaum.

Das tun dann eventuell die Generäle oder halt sehr viel später die Historikerinnen und Historiker.

Mitte Dezember ist Lieutenant Odds dann immer noch in Lothringen stationiert. Weiter nördlich, also quasi zwischen Aachen und Lothringen im Süden, da liegt ein Frontsektor, der seit Monaten ruhig geblieben ist.

Das sind die Ardennen. Und die haben wir ja schon zu Beginn der Folge erwähnt. Dieser Sektor ist sogar so ruhig, dass die GIs ihn die Ghost Front nennen, also die Geisterfront.

Die Amerikaner rechnen überhaupt nicht, dass die Deutschen noch mal einen Großangriff starten können. Und erst recht nicht da in diesem schwierigen Gelände der Ardennen. Also, das ist so ein bisschen ihr blinder Fleck auf der Karte.

War schon 1940 so, als die Wehrmacht nach Frankreich angegriffen hat, sind sie ja auch über die Ardennen gekommen. Das war damals genau das Gleiche bei einem französischen Generalstab. Man hielt es für unmöglich, dass die die Ardennen überwinden.

Auch hier wieder Teil meiner Familiengeschichte und Folklore: Großvater war Aufklärungspilot gewesen. Einer seiner Kollegen war eben der Flieger, der gesagt hat: "Die Deutschen kommen aber gerade über die Ardennen."

Ich hab's gesehen, er landete gerade von so einem Flug. Die waren dabei in Metz stationiert, glaub ich, zu der Zeit. Und der Mann wurde beurlaubt, weil seine Vorgesetzten gesagt haben, es ist unmöglich.

Was du uns hier berichtest, offenbar brauchst du mal hier ein paar Tage frei. Er wurde dann straff versetzt und in den einstweiligen Ruhestand für einige Tage versetzt. Weil er eben diese angebliche Fehlmeldung gemacht hat.

Dauerte es nicht mehr lang. Genau auf diesen Überraschungseffekt setzt Hitler dann jetzt auch im Dezember 1944. Am 16. Dezember geht's dann wirklich los. Da starten drei deutsche Armeen ihren Angriff in den Ardennen. In dichtem Nebel und Schneetreiben.

Das ist wichtig, weil sie sozusagen gerade in der Luft unterlegen sind. Und wenn schlechtes Wetter herrscht, können die Alliierten ihre Flieger nicht in die Luft schicken. Wie groß diese deutsche Streitmacht ist, da variieren die Angaben in den Quellen etwas.

Aber es sind sicherlich um die 200.000 Soldaten und Hunderte Panzer. Denen gegenüber sind die US-Linien ziemlich dünn besetzt. Also, die Ausgangslage ist ziemlich gut.

Hitler hat über Monate im Geheimen an diesem letzten großen Schlag gearbeitet. Angeblich ist ihm die Idee dazu gekommen, als er mit Gelbsucht im Bett lag und irgendwie über einer Karte brütete. Und der Gedanke, diesen Sieg aus dem Mai 1940 noch mal zu wiederholen, das war wahrscheinlich sehr verführerisch für ihn.

Das Ziel dieser Offensive: schnell die Front durchstoßen, über die Maas setzen, so wie 1940. Und als Hitler in einer Besprechung mit hohen Generälen nach dem Endziel dieser Offensive gefragt wird, da platzt er nur mit einem einzigen Wort heraus: „Antwerpen.“

Unterschied ist halt zum Mai 1940, dass die französische Armee damals praktisch nicht mehr existiert, gar nicht die Möglichkeit hat, einen Gegenangriff zu starten. Und das ist natürlich da ganz anders, weil eine gewaltige amerikanische Militärmacht dahinter ... Etwas weiter halt, aber sie werden kommen.

Genau, absolut. Also, die Bedingungen sind überhaupt nicht zu vergleichen. Antwerpen, das ist ja der zentrale Hafen, über den der Nachschub der Alliierten läuft. Davon möchte Hitler also die Alliierten abschneiden.

Im Idealfall hofft er sogar, dass er die Briten, die im Norden kämpfen, und die Amerikaner, die etwas weiter südlich stehen, durch diese Offensive voneinander zu trennen, also die Briten quasi einzuschließen. Das wäre dann wirklich eine Wiederholung vom Mai 1940. Und wenn ihm das gelingt, so glaubt er, dann werden die Westalliierten mit NS-Deutschland einen Separatfrieden schließen.

Und dann können sie alle gemeinsam irgendwie gegen die Rote Armee im Osten kämpfen.

Du lachst. Ja, es ist so ein klassischer Fall von sich auf andere schließen, weil er hat ja auch seinen Pakt mit der Sowjetunion, den Hitler-Stalin-Pakt, gebrochen und die Sowjetunion angegriffen.

Das heißt, er unterstellt halt, dass alle so handeln wie er, dass jede Abmachung brechen, um machtpolitisch kurzfristige Interessen zu realisieren. Aber die Alliierten haben da ganz andere Absprachen getroffen und sind alle zusammen entschlossen, erst mal das Hitler-Regime zu Fall zu bringen. Das ist ja die eine Sache, die sie gemeinsam haben.

Diese sehr unterschiedlichen Verbündeten werden dadurch zusammengeschweißt, dass sie Hitler stürzen wollen. Er verkennt da komplett die Lage, hat auch wirklich eigentlich ein völlig falsches Bild von seinen Gegnern. Und selbst Hitlers eigene Generäle sind skeptisch.

Also, die wissen, Treibstoff und Munition ist viel zu knapp. Also, sie haben gar nicht genug Benzin, um die mehr als 200 Kilometer bis Antwerpen durchzuhalten. Sondern der Plan sieht vor, dass sie unterwegs von den Alliierten Treibstoffvorräte erbeuten und dann weiterfahren.

Also, da sind viele Unwägbarkeiten, viele Dinge, die da glattgehen müssen, damit dieser Plan aufgeht. Das große Problem dahinter, hinter diesem Plan, ist eigentlich, dass Hitler seinen Generälen überhaupt nicht mehr traut. Er hat auch ein bisschen Grund dazu.

Stauffenbergs Attentat vom 20. Juli 1944. Das ist erst ein paar Monate her.

Also, er denkt, die sind eh nicht mehr auf meiner Seite. Und dann kommt noch was dazu. Adolf Hitler ist einer von diesen Menschen, die glauben, dass sie alles am besten wissen.

Dass sie alles selber machen müssen. Typisch Chef halt. Typisch Chef, kommt noch dazu, dass er absolut keine militärische Erfahrung hat.

Und das Ergebnis ist eben diese wirklich sehr dumme Offensive. Meine Theorie, jeder hat ja so sein Bild von Hitler. Und meine Theorie ist, dass Hitler aber auch gewillt ist und diese ganze Clique schon genau wissen, was sie für Verbrechen begangen haben.

Und es sind halt Männer, die im Leben wenig zu erwarten hatten. Hitler hat ja irgendwie einen ganz eigenen Lebenslauf bis dahin. Und er denkt, Wahnsinn, wie weit ich schon gekommen bin.

Und er rettet sich von Woche zu Woche und denkt, dass man mich immer noch nicht aus dem Verkehr zieht. Ich glaube, dass diese Leute, dass sie auch mit Selbstmord enden, das überrascht überhaupt nicht, dass sie zum Schluss in dieser Falle sind. Aber er versucht, auf Zeit zu spielen.

Dieses Attentat war sehr, sehr wichtig am 20. Juli. Auch in den Berichten von seinem letzten Geburtstag, dann 45 am 20. April, wird immer wieder verzeichnet, dass die Leute quasi, um ihn zu trösten oder ihm zu schmeicheln, weil die Generäle machen ja doch jede Schweinerei noch mit bis zum Schluss, sagen: „Mein Führer, Sie haben ja den 20. Juli überlebt. Da hat doch sicher die Vorsehung – man sagt nicht mehr der liebe Gott, aber die Vorsehung – noch Großes mit Ihnen vor.“

Insofern ist er da völlig scheuklappenartig unterwegs und ist von Fakten überhaupt nicht mehr zu beeindrucken. Ja, er ist beratungsresistent und faktenresistent. Das können wir schon mal festhalten.

Immerhin, eins läuft: die Deutschen haben den Überraschungseffekt auf ihrer Seite. Die Alliierten, die werden völlig überrumpelt. Schon am Abend des ersten Tages müssen etwa 7.000 eingekesselte US-Soldaten sich ergeben.

Das ist die größte Massenkapitulation der Amerikaner in Europa während des gesamten Krieges. Also ein erster Erfolg.

Am zweiten Tag der Offensive, da kommt es zu einem der berüchtigsten Verbrechen, das deutsche Truppen an der Westfront begehen. Und zwar am 17. Dezember 1944.

Es ist ein kalter Sonntagmittag in Malmedy, ein verschlafenes Städtchen im Osten Belgiens. Und da ist ein Beobachtungsbataillon der US-Armee unterwegs. 140 Männer, 33 Fahrzeuge, die müssen in Erfahrung bringen, wo die deutsche Artillerie steht, das ist ihre Aufgabe.

Und sie haben gerade ihr Mittagessen beendet. Es gab Hackfleisch, Erbsen und Dosenananas. Du verziehst den Mund, aber das ist gar nicht schlecht.

Die Stimmung bei denen ist angespannt. Klar, sie sind ja in Frontnähe. Aber sie sind jetzt nicht sonderlich alarmiert.

Und sie sind unterwegs in Richtung Südosten. Da sollen sie eingesetzt werden. Und während diese Kolonne durch die winterlichen Straßen Malmedies rollt, da kommen belgische Zivilisten und versuchen, die Amerikaner zu warnen.

Also, die gestikulieren wild in ihre Richtung und rufen Bosch, Bosch. Du weißt, was das heißt. Das ist französische Schimpfwort für Deutsche.

Genau, sehr, sehr unfreundlich. Aber lost in translation, die GIs verstehen das nicht. Die denken, ach, das ist aber nett und winken freundlich zurück.

Und deswegen ahnen sie nicht, dass schon eine SS-Kampfgruppe auf sie wartet. Die steht unter dem Kommando von Obersturmbannführer Jochen Peiper, der mit seinen Männern tief in die amerikanischen Linien vorgestoßen ist. Und deswegen gehen die Amerikaner der SS in die Falle.

SS bis zum Schluss ihrem grausigen Ruf treu. Hitler in seinem Misstrauen der Wehrmacht gegenüber setzt auch gegen Kriegsende immer stärker auf die SS und deren Kampfgruppen. Und sie sind, ja, sie sind so brutal und grausam wie anderswo auch.

Als diese amerikanische Einheit dann auf die SS-Männer trifft, ist der Zusammenstoß plötzlich, überraschend, brutal. Die Amerikaner sind völlig unvorbereitet. Maschinengewehre schießen auf sie, Panzer schießen auf sie.

Und dieser ungleiche Kampf, der dauert nur zwei Minuten. Dann befiehlt Peiper ziemlich wütend seinen Leuten, das Feuer einzustellen. Weil es sind zu diesem Zeitpunkt schon 15 nagelneue US-Lastwagen zerstört worden.

Und der denkt sich halt, na ja, das ist eine Verschwendung. Diese Wagen können die Deutschen gut gebrauchen. Sie haben ja, wie gesagt, zu wenig Material.

Nach diesem Gefecht liegen viele Amerikaner tot im Schnee. Anderen gelingt die Flucht. Die setzen sich ab in die Wälder oder in einen nahen Graben.

Viele andere müssen sich aber auch ergeben. Und diese Gefangenen, die werden mit erhobenen Händen auf ein schneebedecktes Feld getrieben. Dort stellen SS-Männer sie in acht Reihen auf, durchsuchen sie, so Ringe, Zigaretten, Uhren, Handschuhe, alles, was irgendwie Wert hat, wird konfisziert.

Was dann passiert, ist nicht ganz klar. Wir wissen nur, dass die SS irgendwann das Feuer auf diese Gefangenen eröffnet. Und auch danach durch dieses blutige Feld schreiten und Überlebenden noch in den Kopf schießen.

Rufen irgendwie: „Da kriegt noch einer Luft.“ Oder: „Dieser hier atmet noch.“ Insgesamt erschießen diese SS-Männer beim sogenannten Malmedy-Massaker gut 80 amerikanische Kriegsgefangene.

Aber eben nicht alle. Ein Dutzend GIs, die stellen sich tot. Und die harren dann mehr als zwei Stunden lang regungslos zwischen den Leichen aus, bis dann die SS genug hat und sich verzieht.

Das sind unsere Zeugen für später. Das sind die Zeugen. Es gibt immer wieder diese Debatte, war die Waffen-SS nur eine Erweiterung der Wehrmacht? War das das Gleiche, immer wieder, wenn Täter aus der SS später ... Günter Grass war so ein Fall, wo man gesagt hat, er war SS-Mitglied.

Im Grunde war es nicht so schlimm. Und Überlebende wie Louis Begley im Osten haben gesagt, wir wussten genau, wenn wir uns verstecken wollten, wenn die SS uns findet, ist das das Ende. Nur bei normalen Wehrmachtsoldaten konnte man manchmal darauf hoffen, dass der einen laufen lässt.

Aber das ist eben der Geist der SS, den wir hier sehen, so kurz vor Schluss diese Männer dahin zu richten. Die Beteiligten an diesem Massaker, die werden später vor Gericht gestellt nach dem Krieg. Auch Obersturmbannführer Jochen Peiper.

Der wird auch zum Tode verurteilt. Aber das ist eine Geschichte, die wir zum Beispiel in unserer Folge über Dr. Werner Best gehört haben. Er wird zwar verurteilt, aber er kommt später frei.

Dann arbeitet er sogar für Porsche eine Zeit lang und für einen Stuttgarter Verlag. Peiper stirbt erst 1976, und zwar unter sehr mysteriösen Umständen. Und zwar bei einem Brandanschlag auf sein Haus in Frankreich.

Also, man könnte auch sagen: Karma is a bitch. Also, ihn erwischt es dann irgendwie doch. Aber es ist schon bemerkenswert, dass er, der da die Verantwortung trägt, seine Strafe nicht bekommt.

Die Nachricht von diesem Blutbad, die läuft klar durch die amerikanischen Linien. Und unterdessen marschiert die Wehrmacht weiter Richtung Westen vor und kesselt rund 12.000 amerikanische Soldaten in Bastogne ein. Das ist eine belgische Kleinstadt.

Das ist eine richtige Katastrophe, weil die abgeschnittenen Amerikaner haben keine Winterkleidung. Es ist minus 20 Grad. Die Munition geht ihnen aus.

Das heißt, sie brauchen Hilfe, und zwar schnell. Deshalb werden Lieutenant Otz und seine Männer praktisch über Nacht in Trucks und Jeeps verfrachtet und in Richtung Front geschickt. Am Tag des Malmedie-Massakers, da marschieren Zehntausende von US-Soldaten in die Ardennen.

Später kommen da noch 100.000 weitere. Für Adolf Hitler und die Deutschen wird's jetzt eng. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen das Wetter.

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Mitte Dezember 1944. Da läuft Hitlers letzte große Offensive. Das ist der verzweifelte Versuch, das Glück an der Westfront doch noch zu wenden.

Ziel des Angriffs ist der Hafen von Antwerpen. Aber die deutschen Armeen kommen viel langsamer voran als geplant. Auch weil die Amerikaner an vielen Punkten zähen Widerstand leisten.

Zum Beispiel in der Stadt Bastogne, wo mehr als 10.000 GIs eingeschlossen worden sind von der Wehrmacht. Der Mann, durch dessen Augen wir ja diese Schlacht miterlebt haben, Lieutenant Lee Odds, und seine Kameraden, die gehören zu den Truppen, die diese eingekesselten Amerikaner in Bastogne befreien sollen. Sie sollen vor allem die Flanke der Division decken, die dann zu den Belagerten vorstoßen wird.

Der kommandierende US-General George Patton, der notiert am 25. Dezember 1944 in seinem Tagebuch: „A clear, cold Christmas, lovely weather for killing Germans.“
Ein klarer, kalter Weihnachtstag, herrliches Wetter, um Deutsche zu töten.

Patton haben wir schon eben kennengelernt. Die Worte passen zu ihm, oder?
Ja, absolut. Der klare Himmel sorgt natürlich, er meint damit, die Hoheit und Luftunterstützung, die sie bei diesem Vorhaben dann, auf die sie zählen können.

An diesem Weihnachtstag, da ereignet sich auch die Szene, die wir zu Beginn dieser Folge gehört haben.
Ja, diese Kämpfe in diesem verschneiten Wald in den Ardennen. Die Gefechte sind hart, Verluste sind hoch.

In dieser Nacht ziehen sich die Deutschen aus dem Ort zurück. Und die Amerikaner besetzen ihn. Lieutenant Otz, der schreibt später: „Wären die Kämpfe nicht gewesen, hätte das eines der schönsten Weihnachtsfeste sein können, die ich je erlebt habe. Die sanften Hügel, die schneebedeckten Felder machen es trotz der Kämpfe zu einem Weihnachtsfest, das ich nie vergessen werde.“

Es gibt auch einen anderen Zeitzeugen, Georg Stefan Troller, der Journalist, der immer noch lebt, wenn wir das hier aufnehmen. Der erinnert sich auch an diese Zeit.

Er war Wiener Jude und mit der amerikanischen Armee vorgerückt. Der wollte unbedingt auf deutschem Gelände einen Tannenbaum fällen. Hat er auch gemacht, lebensgefährliche Aktion, aber er dachte, er musste aus Deutschland sein.

Am 26. Dezember wird Lieutenant Otz' Regiment die Reserve abgezogen. Die Schlacht geht natürlich weiter.

An diesem Tag gelingt den Amerikanern der entscheidende Durchbruch. Sie knacken den Belagerungsring um Bastogne, erreichen die Stadt, befreien ihre Kameraden. Die Verteidiger haben kaum noch Munition zu diesem Zeitpunkt, aber sie haben durchgehalten.

Bastogne ist jetzt in amerikanischer Hand. Das ist wirklich der Wendepunkt der Schlacht, das ist der Wendepunkt der Ardennen-Offensive. Weil Hitler hat ja auf schlechtes Wetter gesetzt.

Solange es bewölkt ist, es schneit, können die Alliierten ihre Luftüberlegenheit nicht zum Tragen bringen. Aber schon am 23., 24. Dezember ist es aufgeklart.

Ein deutscher Soldat schreibt später: „Ein klarer blauer Himmel verhieß nichts Gutes.“
Also, ab jetzt können die Alliierten wieder ihre gefürchteten Flugzeuge einsetzen. Sie können die Nachschubwege bombardieren, die Treibstofflager zerstören.

Und das schnürt dieser deutschen Offensive die Luft ab. Die Deutschen erreichen ihr Ziel Antwerpen nicht. Das war von Anfang an natürlich auch sehr unrealistisch.

Aber damit ist klar, die Offensive ist gescheitert. Anfang Januar 1945, da geht die Initiative endgültig auf die Amerikaner über. Und die greifen dann auch dank massiver Verstärkung die deutschen Verbände von mehreren Seiten an.

Wir erinnern uns: Battle of the Bulge, die Schlacht an der Beule, die haben ja diesen keilförmigen Frontvorsprung da geschaffen. Und dementsprechend natürlich auch können die von beiden Seiten dann angegriffen werden. Am 8. Januar 1945 tut Hitler dann das, was er eigentlich sehr ungern tut.

Er ordnet den Rückzug an. Und am 25. Januar wird diese Offensive dann offiziell für beendet erklärt.

Und wie das so manchmal ist im Krieg, also, es ist ja dieser besondere Wahnsinn, verläuft dann die Front genau wieder dort, wo sie vor der Offensive lag. Also, natürlich sind dabei sehr viele Menschen gestorben. Also, man nimmt an, vermutlich 80.000 Deutsche und 70.000 US-Soldaten sind entweder getötet, verwundet oder als vermisst gemeldet worden.

Für die Amerikaner sind diese Verluste zu ersetzen. Für die Deutschen nicht. Und Hitler hatte ja so ein bisschen diese Vision, die Geschichte zu wiederholen, seinen Triumph vom Mai 1940.

Dieser Vorstoß, dieser überraschende Angriff durch die Ardennen, das hat sich als Hirngespinst erwiesen. Die Wehrmacht hat nicht triumphiert, sondern sie hat eigentlich eine Niederlage erlitten, die das Ende des NS-Regimes sogar noch beschleunigt. Also, es war ein verrückter Plan, würdest du mir zustimmen?
Ja, und das ist eben das Erschütternde, was auch bis heute daran bedrückt und deprimiert ist, dass natürlich niemand — wir sagen immer, es war Hitlers Plan — aber er hat es natürlich nicht alleine machen können.

Sondern dass wir eben sehen, wie stark die Wehrmacht und alle Truppenteile noch da mitgemacht haben. Obwohl sie längst auf Distanz waren. Wir haben es ja vorhin schon kurz angedeutet, dass es da auch wirkliche Differenzen gab zwischen dem Führer und seinen Generälen.

Und dass niemand gesagt hat, jetzt ist hier mal Schluss, und wir beenden das. Sondern dass sie bis zum Schluss gekämpft haben und das Leben von 80.000 Menschen geopfert haben für eine von vornherein aussichtslose militärische Operation. Wir hatten ja den Witz, aber wenn man jeder eine Karte lesen kann, konnte sehen, dass das irgendwie insgesamt dem Innen zugeht.

Dass man nicht sagt, okay, wir machen einen Waffenstillstand, wir lassen diese Leute noch am Leben. Denn wir haben ja die Front, und wir haben ja dann im Osten dazu, werden wir später noch kommen, auch immer noch diese Massenmorde an den europäischen Juden. Die ganze Mordmaschinerie läuft ja gerade in diesen Wochen noch mal zu Hochtouren auf.

Dass da niemand gesagt hat, oder auch aus anderen Trägerschichten des Reiches, jetzt ist Schluss, das kommt so strafverschärfend hinzu. Deswegen hat es, glaube ich, nach dem Krieg auch so lange gedauert, bis es in Deutschland wieder eine gewisse Stabilität, bis Deutschland wieder Vertrauen in der Weltgemeinschaft genossen hat. Du hast ja eben diese Theorie aufgestellt, dass Adolf Hitler bewusst ist, worauf das hinausläuft, und dass das alles nur Versuche sind, das Unausweichliche hinauszuzögern.

Ich sehe es, glaube ich, ein bisschen anders. Ich bin eher überzeugt, dass Hitler wirklich geglaubt hat, bis zuletzt natürlich wahnhaft, dass er das Ruder noch herumreißen kann. Dass die Vorsehung, hast du ja eben auch schon erwähnt, ihm dann doch noch irgendwie zu Hilfe eilen wird.

Und man sieht bei der Ardennen-Offensive ganz besonders gut, auch so, was er für ein Typ ist. Er ist wirklich ein Spieler. Also, diese ganze Offensive ist wie so, noch mal alles Geld nehmen, alle Jetons, man hat im Casino noch mal zusammenkratzen und sie dann irgendwie, weiß nicht, auf Rot setzen oder alles auf Schwarz.

Also wirklich noch mal das Glück herausfordern. Und bei Hitler ist es eben so, dass er denkt, weil er 1940 so diesen großen Erfolg hatte, wird ihm das jetzt wieder gelingen. Also, dass er irgendwie vom Schicksal auserwählt ist oder dass er auch eine besondere Gabe hat, die seine Generäle nicht besitzen.

Genau, man muss auch sagen, dass er schon seit vielen Jahren natürlich immer nur im Bunker lebt und immer nur von diesen Jasageren und Speichelleckern umgeben ist, die auch wirklich sagen, ja, ja, mein Führer, da ist was ... Die wahre Lage kommt natürlich sehr, sehr gefiltert zu ihm. Den Rest blendet er aus. Also, man kann sich so was ganz gut vorstellen, wie das dann zugeht.

Aber dass eben wie gesagt auch Figuren wie Albert Speer, auf dessen Rolle wir vielleicht auch noch mal kommen, immer wieder einen Weg finden, auch seinen Wahnsinn noch eine Weile laufen zu lassen. Noch eine Woche. Jemand wie Goebbels sagt schon mal in vertrauter Runde: „Wir haben so viel auf dem Kerbholz, wir können uns auf keine Gnade verlassen, der Sieger, wir sind dran.“

Die Bedeutung der Ardennen-Offensive in diesem Zusammenhang ist, für mich ist das, sie einfach zeigt, dass Hitler da einem Wahn unterliegt. Und dass sie einfach am Ende sind. Und schon dieser Plan ist ja abstrus, der kann ja nur funktionieren, wenn ganz viele Eventualitäten dann sozusagen zu deutschen Gunsten ausfallen.

Also, wenn sie den Treibstoff der Alliierten erbeuten und so weiter. Wenn das Wetter schlecht bleibt. Und nach der Offensive ist dann wirklich klar, die Wehrmacht ist eigentlich ausgeblutet.

Die Panzerwaffe ist schwer dezimiert. Die Treibstoffvorräte, die wenigen, die es gab, die sind verbrannt. Und die Amerikaner stoßen dann im Februar 1945 auch durch den Hürtgenwald dann vor.

Das sind ja diese schlimmen Gefechte, die ich schon erwähnt hab. Sie durchbrechen den Westwall. Und ja, es geht Richtung Rhein.

Und damit wird die Verwüstung, die die Wehrmacht anderen Ländern zugefügt hat, nun auch Deutschland selbst treffen. In einem ganz anderen Maße, das muss man dazu sagen. Die Deutschen führen ja keinen Vernichtungskrieg.

Aber der Krieg kommt nach Hause. Lieutenant Otz zieht auch weiter, und zwar an die Saar. Der soll den Widerstand westlich des Rheins brechen.

Und diese Tage sind eigentlich für ihn die nervenaufreibendsten des ganzen Krieges. Er schreibt in seinem Tagebuch, dass er manchmal den deutschen Stellungen so nahe kommt, dass er in stillen Momenten die Stimmen der feindlichen Soldaten hören kann, die sich da miteinander unterhalten. Eine Erfahrung, die man eigentlich aus dem Ersten Weltkrieg kennt, dem Grabenkrieg.

Im März wird er verletzt. Ein Granatsplitter, der reißt ihm ein, „etwa dollargroßes Loch ins Gesicht“. Und dann wird er noch von einer Kugel in die Schulter getroffen.

Die Wunden sind nicht tödlich, aber schon schwer. Und damit erfüllen sie die Kriterien dessen, was man im Soldatenjargon einen Heimatschuss nennt. Also, für ihn ist der Krieg vorbei.

Lee Otts wird erst nach Großbritannien ausgeflogen und dann später in die USA zurückverlegt. Und noch im Lazarett, da lernt er eine junge Amerikanerin kennen, eine Rotkreuzschwester. Und die wechselt ihm wahrscheinlich die Verbände und kümmert sich um ihn.

Und da entwickelt sich eine tiefe Zuneigung. Und die beiden werden 1948 heiraten und später auch vier Töchter bekommen. Und ja, Lee Otts, der stirbt erst 2015.

Krieg als Vater aller Dinge. Den Heimatschuss gab's auch auf der anderen Seite der Front. Viele deutsche Soldaten haben versucht, sich so einen beizubringen.

Einer davon ist der spätere Finanzminister Hans Matthofer. Schreibt das in seinen Erinnerungen, dass er irgendwie den Trick sich angehört, sich durch ein leibtrockenes Brot ins Bein zu schießen. Und dann würde man irgendwie grade so einen Schuss bekommen, dass man ja nicht stirbt und Dings.

Das hat er gemacht und kam heim, hat geklappt. Ja, auch eine fürchterliche Vorstellung, dass man sich selber verstümmelt, um noch schlimmeren Dingen zu entgehen. Eine gefährliche Angelegenheit auch, weil natürlich geprüft wurde, hat ein Soldat das selbst gemacht.

Oder war das wirklich ein feindlicher Schuss? Und darauf stand eben auch ... standen hohe Strafen. Also dafür kam er vor das Kriegsgericht. Zurück zur Ardennen-Offensive.

Die hat also Hitler nicht den erhofften Sieg gebracht. Ganz im Gegenteil, die hat seine Armee massiv geschwächt. Und das macht sich vor allem die Rote Armee zunutze.

Den Kriegsalltag der Amerikaner, den haben wir jetzt kennengelernt, der war fürchterlich. Aber der Krieg im Osten, der ist anders. Der ist schlimmer, gewaltiger, blutiger.

Kein Land der Welt hat, wenn man das an den absoluten Opferzahlen misst, Schlimmeres durchlebt als die Sowjetunion. Und für viele ihrer Soldaten ist jetzt die Zeit der Rache gekommen. So, wir wechseln jetzt die Seite.

Von der Westfront zur Ostfront, von den Amerikanern zu den Sowjets. Denn während Adolf Hitler Anfang Januar 1945 seinen Vorstoß in den Ardennen endgültig ablässt, da bereitet die Rote Armee ihrerseits eine gewaltige Offensive vor. Und die, so viel kann ich hier schon verraten, wird nicht scheitern.

Kurze geografische Einordnung. Zu dieser Zeit steht die Rote Armee bereits am Rand von Ostpreußen. Etwas weiter südlich, da ist sie bis zur Weichsel vorgedrungen.

Und Warschau befindet sich in Reichweite. Also eigentlich stehen sie am anderen Ufer des Flusses. Wir erinnern uns, das hat alles damit angefangen, dass Adolf Hitler befohlen hat, im Juni 1941 die Sowjetunion zu überfallen.

Er selbst hat mit einem schnellen Sieg gerechnet. Und dachte sich, dass er nur da die Tür eintreten muss. Operation Barbarossa.

Unternehmen Barbarossa. Und sein Ziel war ja letztlich, also immer seiner Ideologie zufolge, diesen jüdisch-bolschewistischen Staat zu vernichten. Für die Deutschen Lebensraum zu erobern.

Was auch heißt, Millionen von Menschen zu vertreiben, zu ermorden, sie verhungern zu lassen. Es ist also kein normaler Krieg, den die Wehrmacht da im Osten führt, sondern ein rassenideologischer Vernichtungskrieg. Genau, weil nicht nur die Juden, sondern auch die Polen und die Russen, die slawische Untervölker sind für die Nazis.

Hitler irrt sich ja häufig. Auch da hat er sich getäuscht. Denn die Sowjetunion war gar nicht so ein morsches Gebäude, wie er sich das vorgestellt hat.

Sondern sie hält stand. Wen das interessiert, wir haben ja auch eine Trilogie über Stalin gemacht. Da erzählen wir das ein bisschen ausführlicher.

Und dann spätestens, so ab der Niederlage bei Stalingrad, also Januar, Februar 1943, da bringt die Rote Armee die Wehrmacht immer weiter zurück. Das ist ein extrem blutiger Krieg. Die meisten deutschen Soldaten fallen an der Ostfront, also mit Abstand.

Was würdest du sagen? Bedeutet das auch, dass die Rote Armee so was wie die eigentliche Siegerin über Hitler ist? Ja, ohne die Niederlage bei Stalingrad vor allem wäre es sehr schwer gewesen, alleine über den Westen Hitler zu besiegen. Das heißt, man brauchte schon auf dem Kontinent die Hilfe der Roten Armee. Daran gibt's, glaub ich, wenig Zweifel.

Und das hatte einen enormen Preis. Es hatten ja auch Stalin im Rücken. Das heißt, in Wahrheit waren diese Männer in einer historischen, ganz schrecklichen Zwangssituation.

Aber klar, wir haben ihnen viel zu verdanken. Sie haben ja auch ihr Vaterland verteidigt. Das war natürlich auch Motivation.

Klar ist, dass die Sowjetunion den höchsten Blutzoll bezahlt hat. Trotzdem, finde ich, eigentlich hat uns die Rote Armee befreit und nicht der Amerikaner in Anführungsstrichen. Das greift auch ein bisschen zu kurz, weil sie sind Verbündete.

Ja, genau. Die Sowjetunion ist in dieser Zeit vor allem auf die materielle Unterstützung der Westalliierten angewiesen. Also, da werden Tausende von Jeeps, Lkws, auch Panzer vor allem auch, glaub ich, über diese Polarroute, also per Schiff in die Sowjetunion gebracht.

Das war dann zur Zeit des Kalten Krieges so eine Geschichte, die man dann in der Sowjetunion nicht mehr so gerne erzählt hat. Und es ist aber die historische Wahrheit. Und das hat auch der Marschall Georgi Schukow, also den werden wir nachher auch nochmal treffen, den Eroberer sozusagen von Berlin, der hat das auch zugegeben. Also er hat 1963 in einem vertraulichen Gespräch also gesagt, dass es ohne diese Hilfe aus dem Westen für die Sowjetunion also unmöglich gewesen wäre, diesem deutschen Angriffskrieg standzuhalten. Ja, das war dann auch so dieser gewisse idealistische Moment zwischen den Alliierten, wo man, wo man gemeinsame Sache gemacht hat.

Und es ist wichtig, sich auch an den zu erinnern und das nicht nur aus der Brille des Kalten Krieges später zu sehen. Ich hatte mal, als ich in den USA war, schon eine Weile her zufällig beim Zeppin im Fernsehen, tatsächlich so einen damaligen Film über das Leben von Stalin gesehen und völlig positiv. Also das heißt in den USA und auch lange, es war ja auch ein bisschen bevor man über diese stalinistischen Verbrechen so viel wusste, galt Stalin und auch in Frankreich auch bei vielen Intellektuellen auf der Linken, galt Stalin als guter Verbündeter.

Da, das ist nochmal ein anderes Thema, da war auch sehr viel sozusagen Blindheit im Spiel, also was Stalins Terrorherrschaft angeht. Aber militärisch im Zweiten Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt kämpfen die zusammen und das heißt eben auch, dass Rotarmisten mit einem Jeep amerikanischer Bauart durchs Land fahren. Wenn wir jetzt in den Januar 1945 schauen, also zum Beginn dieser sowjetischen Offensive, da sind insgesamt 6,7 Millionen sowjetische Soldaten auf der gesamten Länge der Ostfront aufmarschiert.

Die ist natürlich riesig, zieht sich durch ganz Europa, von Nord nach Süd ungefähr grob, aber das ist eine riesige Streitmacht, also das ist mehr als das Doppelte von der Armee, mit der Hitler 1941 die Sowjetunion überfallen hat. Da merkt man, wie sich das Blatt gewendet hat. Einer dieser 6,7 Millionen Soldaten, der heißt Wladimir Gelfand, der ist 22 Jahre alt, ein junger Mann mit vollen Wangen und dunklem Haar.

Genauso alt wie Lieutenant Lee Odds, den wir eben kennengelernt haben. Die beiden werden sich aber niemals begegnen. Trotzdem, sie haben eine Gemeinsamkeit.

Sie haben beide Tagebuch geschrieben und ich habe es eben schon erwähnt, das gibt uns einen möglichst authentischen Blick auf das Kriegsgeschehen. Viele Deutsche haben ja damals und tun es vielleicht auch noch heute sozusagen die Rote Armee als den Russen, sozusagen subsumiert. Das greift aber viel zu kurz, denn die Rote Armee ist ja die Armee der Sowjetunion und die Sowjetunion ist ein Vielvölkerstaat mit, ich weiß nicht, habe jetzt nicht nachgezählt, aber ich glaube es sind so einige Dutzende Nationen, Ethnien.

Natürlich Russland, die Russen sind die größte und aber es ist eben ein Vielvölkerstaat und ein gutes Beispiel dafür ist auch dieser Wladimir Gelfand. Der kommt aus der Ukraine, ist zudem noch Jude, also er gehört genau zu den Menschen, die die Nationalsozialisten ermorden wollen, bis zum letzten Säugling. Er hat auch schon in der Schlacht bei Stalingrad mitgekämpft, da wird er schwer verwundet.

Möglicherweise rettet ihn das das Leben, weil er dadurch die blutigste Phase der Kämpfe 1943 verpasst. In dieser Zeit erfährt er, dass die Deutschen fast seine gesamte Familie väterlicherseits ausgerottet umgebracht haben. Also dieser Wladimir Gelfand hat eigentlich allen Grund, die Deutschen zu hassen, die Menschen gegen die er kämpft.

Das erklärt auch sehr gut, diese Erfahrung haben ja viele gemacht, warum der Zweite Weltkrieg eben diese besondere symbolische Bedeutung hat im Bewusstsein der Bevölkerung dort. Es ist der große Vaterländische Krieg und es gibt ja immer wieder diese Paraden dann am 9. Mai und es ist eben so ein Echo der Gründe, die man hatte, diesen Krieg zu führen. Zwar die Verteidigung der Heimat, aber es ist eben auch so eine Selbstbehauptung gegen diesen absoluten Mord, um zu sagen, ihr wolltet uns zu Untermenschen machen und wir lassen uns das nicht gefallen und wir schlagen zurück.

Und das ist ein ganz wichtiger natürlich historischer Moment der Selbstbehauptung, der Selbstermächtigung, der bis heute fortwirkt. Das ist auch der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen diesem sowjetischen Offizier Gelfand und dem amerikanischen Lieutenant Lee Odds. Odds hat ja nicht erleben müssen, was es heißt, wenn die Wehrmacht die eigene Heimat verwüstet, wenn der Aggressor die Verwandtschaft ermordet und er gilt eben auch nicht als Untermensch in den Augen der Deutschen.

Also da, ja, sie führen beide Tagebuch, ja, sie kämpfen beide gegen das nationalsozialistische Deutschland, aber es gibt da auch ganz, ganz wichtige Unterschiede. Am 12. Januar 1945, da geht dann diese große sowjetische Winteroffensive los.

Dieser Angriff, der läuft gestaffelt an, also es marschieren nicht alle auf einmal los, sondern drei Wellen an drei Tagen hintereinander. Jedes Mal gibt es erstmal vorne weg ein gewaltiges Trommelfeuer, also Artilleriebeschuss und es geht im Norden Richtung Ostpreußen, dann im Süden folgen Angriffe auf Krakau und Breslau und dann ist der zentrale Abschnitt dran unter dem Kommando von Marschall Georgi Schukow, eben schon kurz erwähnt. Der will, wie alle, nach Berlin.

Er ist derjenige, der dann auch die Stadt erobern wird. Was ihn dann auch zum Rivalen von Stalin werden lässt. Ja, absolut.

Aber er überlebt. Also da hatten andere Männer weniger Glück. Wladimir Gelfand, der kämpft in dieser zentralen Front, heißt das sozusagen im Jargon der Roten Armee.

Und auch so vom Typ unterscheidet er sich ein bisschen von dem Amerikaner Lee Odds. Also der war ja eher so der Abenteurer aus Alabama. Gelfand ist eher der nachdenkliche Typ, der, wenn er jetzt nicht in diesem Krieg kämpfen müsste, lieber als Schriftsteller oder Dichter arbeiten würde.

Und das merkt man auch. Am 14. Januar, kurz vor dem Angriff, da sitzt Gelfand in einem Tunnel bei seiner Feuerstellung.

Draußen schlagen deutsche Granaten ein, aber er bleibt ruhig und er schreibt in sein Tagebuch:

4.50 Uhr morgens. Draußen herrscht noch undurchdringliche Finsternis und der Fritz, das sind die Deutschen, setzt uns mit wütenden Angriffen zu. Das Herz schlägt bis zum Hals und die Gedanken finden keine Ruhe. Es ist die Hölle. Ringsum donnern die Geschosse, heulen, pfeifen und bellen.

Und du sitzt da zwischen Leben und Tod und kannst nur warten, wie das Schicksal, das ja schon einige Male in dein Leben eingegriffen hat, entscheiden wird. Das Licht erlischt mit jedem Geschoss, das explodiert. Erde rieselt auf mich nieder.

Auch sie hängt wie ein grauer Albtraum über meinem Kopf. Wir sind in Sichtweite des Feindes. Die Soldaten fluchen, ihnen ist fürchterlich zumute.

Ich jedoch schweige, zeige nicht, dass ich Angst habe. Denn ein Offizier muss eiserne Nerven bewahren. Unsere Artillerievorbereitung hat noch nicht begonnen.

Ich habe mir die Karte mit den deutschen Verteidigungsstellungen angeschaut. Es ist unglaublich, aber unsere Kräfte sind dreimal so stark. Wieder ein Angriff.

Das Licht ist ausgegangen. Ich schreibe im Dunkeln und die Geschosse dröhnen, heulen wütend, höhnen. Wenn das Licht wieder an ist, wird man sehen, wer das Nachsehen hat.

Mit Licht ist einem auch leichter ums Herz. Der Deutsche ist ein Vollidiot und feuert. Soll er doch.

Unsere Beobachter werden anhand der Blitze seine Feuerstellung ausmachen und dann werden unsere Kanonen dort alles ausradieren.

Ganz gut geschrieben. Ja, auch wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen das entstanden ist.

Es ist kein Wunder, dass solche seelischen Spätfolgen auch zeitig entstehen, wenn man unter Beschuss liegt, weil wir ja normalerweise darauf programmiert sind, entweder zu kämpfen oder zu fliehen. Und wenn du da ausharren musst, wie er das sehr gut beschreibt, erwischst du mich jetzt oder nicht. Das sind natürlich Erinnerungen, die sich eigentlich dein Leben lang einschreiben und dich dein Leben lang nicht mehr loslassen.

Ja, und diese Tatenlosigkeit. Also er schreibt nun Tagebuch. Vielleicht macht er es auch, um sich abzulenken.

Denn es ist ja etwas anderes, als mitten im Gefecht zu sein, also im Eifer des Gefechts, wo man vielleicht voll ist mit Adrenalin. Sondern ja, es ist eine Warterei auch unter schrecklichen Bedingungen. Bald darauf geht es dann los.

Dann feuert auch die sowjetische Artillerie aus allen Rohren. Wahrscheinlich auch mit diesen Katyushas. Das sind diese frühen Raketenwerfer.

Die heulen auch beim Abschuss wie Sirenen. Sehr eindrücklicher Sound. Und die Deutschen nennen sie deswegen Stalinorgeln.

Und nach dieser Artillerievorbereitung, nennt das Gelfand, also nach diesem Trommelfeuer, stürmt dann die Rote Armee los. Die Deutschen haben dem erstmal wenig entgegenzusetzen. Die Wehrmachtseinheiten werden überrannt.

Und der Vormarsch, der geht Tag und Nacht weiter. So schnell, dass Panzerfahrer oft unterwegs am Steuer einschlafen. Was sicherlich keine gute Sache ist.

Am 17. Januar fällt dann schon Warschau. Zwei Tage später Krakau.

Wladimir Gelfand, der ist mittendrin und offenbar schwer beschäftigt. Weil normalerweise schreibt er ziemlich viel in sein Tagebuch. Aber in diesen Tagen kaum etwas.

Kann man ihm nicht verdenken. Erst am 19. Januar, da schreibt er wieder ausführlicher.

Unter anderem das hier:

Hier ist sehr viel Beute verstreut. Rundum lodern Brände.

Die Deutschen haben die Lager angezündet und versucht, alles Wertvolle zu vernichten. Es gelingt ihnen jedoch nur selten.

Gelfands Tagebuch, das erzählt aber auch vom Frontalltag.

Also von Kämpfen, Frust und manchmal einfach vom schlechten Essen.

Zitat:

Man hat Frühstück gebracht.

Mir hängen diese Graupen dermaßen zum Hals heraus, dass ich sie nicht einmal erwähnen will.

Oder er lästert über seinen Chef.

Der Kompaniechef ist ein Rotzbengel.

Da merkt man, dass er keinen Brief in die Heimat schreibt, sondern in sein Tagebuch für den privaten Gebrauch. Sonst wäre sowas natürlich der Zensur zum Opfer gefallen. Hätte ihn vielleicht sogar in Schwierigkeiten gebracht.

Das ist ein harter Kampf, auch weil die Sowjetführung ja deutlich weniger Rücksicht auf Menschenleben nimmt als die Westalliierten zum Beispiel. Manchmal setzen sie auf so brutale Sturmangriffe, wo einfach die Soldaten nach vorne stürmen müssen und dementsprechend viele Menschen sterben dabei. Einfach die Masse.

Manchmal sogar in bestimmten Situationen auch völlig ohne Bewaffnung, also ohne Schutz, sondern einfach nur mit Ästen oder sowas gegen MG-Stellungen, wo die Schützen gar nicht mehr nachkommen und nur dann Pause machen, weil ihr Gewehr überhitzt ist. Tag und Nacht ballern sie auf die Menschen. Das sind schon ganz extreme Szenen und Erfahrungen.

Also ein Menschenleben ist da billig, und schätzungsweise kommen am Ende auf jeden toten Deutschen vier gefallene Rotarmisten.

Also das ist extrem verschwenderisch, extrem auch menschenverachtend, wie die Generalität da vorgeht. Aber es hat Erfolg.

Am 28. Januar erreicht Gelfands Einheit dann deutsches Gebiet. Der Empfang ist eisig, also jetzt im doppelten Sinne. Es herrscht Schneegestöber, starker Wind, die Dörfer sind leer.

Gelfand schreibt:

Die Leute hier, die Deutschen, fürchten den Zorn des Russen. Sie fliehen und lassen all ihr Hab und Gut zurück.

Denn das ist eine Folge dieser Winteroffensive: die Flucht der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten.

Da werden wir jetzt nicht mehr so viel drüber sprechen, weil wir in einer anderen Folge nochmal darauf zurückkommen werden.

Zwei Tage später, also am 30. Januar, ausgerechnet an dem Tag von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, stehen Marschall Schukows Panzer an der Oder. Genauer gesagt bei Küstrin, dieser alten preußischen Festungsstadt, die, wenn ich mich richtig entsinne, heute immer noch eine Art Lost Place ist. Also nach dem Krieg nie wieder richtig aufgebaut.

Eine Destination für eine Expedition, die wir machen könnten.

Ja, meine Großmutter hat da einige Jahre in ihrer Kindheit verbracht, und ich müsste es nochmal checken, aber ich glaube, heute liegt es in Polen und ist damals zerstört worden.

Und ja, Hitler, der hält an diesem Tag, also dem 30. Januar 1945, seine letzte Radioansprache. Auf den Tag zwölf Jahre nach seiner Machtübernahme bleibt ihm nur noch eins: Durchhalteparolen.

Wie schwer auch die Krise im Augenblick sein mag, sie wird durch unseren unabhängigen Willen, durch unsere Opferbereitschaft und durch unsere Fähigkeiten am Ende trotz alledem gemeistert werden. Wir werden auch diese Not überstehen. Es wird auch in diesem Kampf nicht in Asien siegen, sondern Europa und an der Spitze jene Nation, die seit eineinhalbtausend Jahren Europa als Vormacht gegen den Osten vertreten hat und in aller Zukunft vertreten wird: unser großdeutsches Reich, die deutsche Nation.

Wie soll man das nennen? Ich würde sagen, Realitätsverleugnung trifft es ganz gut. Also diese Überzeugung, ob nun ernst gemeint oder gespielt, dass das am Ende alles noch gut ausgehen wird – ja, es ist wirklich wahnhaft. Anders kann man es nicht nennen.

Ja, er hat sich zu dieser Ansprache ja angeblich auch überreden lassen von Josef Goebbels. Er war schon zu dem Zeitpunkt im Grunde zurückgezogen, trat ja gar nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Man hat sich da – ich glaube nicht, dass es groß noch verfangen hat.

Ja, wie gewöhnliche Deutsche die Chancen in diesem Krieg zu diesem Zeitpunkt einschätzen, da kommen wir dann in einer anderen Folge nochmal drauf. Es ist einfach abstrus, weil die Realität Hitler natürlich längst überholt hat.

Gelfand und Millionen anderer Soldaten der Roten Armee sind ja im Begriff, den Krieg dorthin zurückzubringen, wo er begonnen hat.

Ende Januar 1945 steht die Rote Armee tief im Deutschen Reich, wie so ein Keil, der direkt auf Berlin zeigt. Die Winteroffensive ist ein voller Erfolg und bereitet damit auch den Boden für die letzten großen Schlachten in Europa.

Die Verluste sind unfassbar.

Im Januar 1945 verliert die Wehrmacht insgesamt über 450.000 Soldaten. Das sind mehr Tote in einem Monat, als die USA im ganzen Krieg verlieren.

Wahnsinn.

Und wenn man sich diese Kurve der deutschen Verluste anguckt, also über die Jahre des Krieges, das geht steil nach oben. Also es werden immer mehr Menschen verheizt, anders kann man das glaube ich nicht nennen, je aussichtsloser dieser Krieg ist. Darum hat man eben diese ganze Clique damals um Hitler herum und das ganze System hinterher so verurteilt.

Deswegen hat niemand mit denen Sankt Frieden machen wollen oder eine Aufentstellung machen wollen, weil sie sich alle in dieses kriminelle System so haben verstricken lassen. Diese Menschen, die die Familien ja trauern zu Hause, die sich das nicht ausgesucht haben, im Januar 1945 dann noch verheizt zu werden, die sind ja umsonst gestorben. Ja, das stimmt.

Wladimir Gelfand, der überlebt den Krieg aber und nimmt später auch noch an der Schlacht um Berlin teil, arbeitet dann glaube ich später als Berufsschullehrer und stirbt 1983. Ganz zum Schluss noch ein letzter Tagebucheintrag von ihm, der ist vom 28. Januar, also dem Tag, an dem er deutschen Boden betritt.

Deutschland steht in Flammen und es stimmt einen irgendwie froh, diesem bösen Schauspiel beizuwohnen. Tod um Tod, Blut um Blut, mir tun diese Menschenhasser, diese Tiere nicht leid. Ungewöhnlich scharfe Worte für Gelfand, der in seinen Aufzeichnungen sonst ja fast sowas wie Mitgefühl für die Deutschen gezeigt hat.

Er schreibt das aber nur einen Tag, nachdem andere Soldaten der Roten Armee in das Gebiet westlich von Krakau vorgedrungen sind und da stoßen sie auf einen riesigen Lagerkomplex und auf die Spuren unvorstellbarer Gewalt und auf wenige Überlebende dieser Verbrechen. Und was diese Soldaten da entdeckt haben, das wird die Welt für immer verändern. Und vielleicht erklärt das auch die Härte in Gelfands Worten.

 

 

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Die Quellen, die wir dafür benutzt haben, findest du in den Show Notes. Wenn sie dir gefallen hat, dann freuen wir uns über einen Kommentar oder eine gute Bewertung auf deiner Podcast-Plattform. Außerdem freuen wir uns über deine Nachricht auf Instagram etwasbishergeschah.podcast. Was bisher geschah ist eine Produktion von Wondery und OnePodWonder.

Wir sind Joachim Telgenbüscher und Nils Minkma. Samuel Rieth, Andreas Sedlmeier und Moritz Hoffmann haben bei der Recherche unterstützt. Für OnePodWonder, Redaktion Lukas Sam Schreiber, Sounddesign und Video, Tim Kleikamp und Vincent Oliva.

Für Wondery, Series-Producer Simone Terbrak, Executive-Producer Tim Kehl und Marshall Louis.

 

  
     
 
 
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