• Birthe Kundrus "Dieser Krieg ist der große Rassenkrieg": Krieg und Holocaust in Europa
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    Produktinformation

     
    • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (17. Mai 2018)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Taschenbuch ‏ : ‎ 336 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406675212
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406675218
    • Abmessungen ‏ : ‎ 12.8 x 2 x 20.5 cm
    • Preis ‏ : ‎ 18,00 €



    Über die Autorin


    • Birthe Kundrus, geb. 1963, Professorin für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Hamburg.Veröffentlichungen u.a. "Moderne Imperialisten. Das Kaiserreich im Spiegel seiner Kolonien" (2003); ""Phantasiereiche". Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus" (2003). 



    Produktinformation

     
    • ASIN ‏ : ‎ B0B8PG8CTT
    • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (17. Mai 2018)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Dateigröße ‏ : ‎ 5390 KB
    • Text-to-Speech (Vorlesemodus) ‏ : ‎ Aktiviert
    • Screenreader ‏ : ‎ Unterstützt
    • Verbesserter Schriftsatz ‏ : ‎ Aktiviert
    • X-Ray ‏ : ‎ Nicht aktiviert
    • Word Wise ‏ : ‎ Nicht aktiviert
    • Kindle-Preis ‏ : ‎ 12,99 € 
    • ISBN eBook ‏ : ‎ 978 3 406 67522 5




                   

     

     
    „Dieser Krieg ist der große Rassenkrieg“ – in Hermann Görings martialischen Worten aus dem Oktober 1942 spiegelte sich der Wille des NS-Regimes, die Vernichtung der europäischen Juden gnadenlos voranzutreiben – notfalls bis zum eigenen Untergang. Radikaler Antisemitismus und Rassenhass, so zeigt dieser beeindruckende Überblick, waren die ideologischen Antriebskräfte hinter der Kriegspolitik des Dritten Reichs und führten zu einer beispiellosen Eskalation der Gewalt. Ausgehend von Hitlers Bekenntnissen in „Mein Kampf“ veranschaulicht Birthe Kundrus die verheerenden Auswirkungen des nationalsozialistischen Expansionsstrebens und zeichnet nach, wie das Regime im Verlauf des Zweiten Weltkriegs alle Maßstäbe der Humanität aufgab.



     

       

     

    20. JahrhundertAdolf HitlerAntisemitismusDeutschlandEuropaExpansionGeschichteHolocaustKriegMilitärMonographiePolitik

    RassismusShoahSowjetunionVernichtungskriegZweiter Weltkrieg




    Rezensionsnotiz in Süddeutsche Zeitung, 06.08.2018

    René Schlott liest das Holocaust-Buch der Historikerin Birthe Kundrus mit großem Interesse. Das Konzept, das sich an der Wechselwirkung von Kriegsverlauf und Radikalisierung des Judenmords orientiert, eine integrative Geschichte des Holocaust anstrebt und nicht auf überwältigende Emotionen setzt, geht für Schlott auf. Das Einstreuen von Zeitzeugenberichten von Tätern, Opfern und Zuschauern, mit dem Ziel, menschliche Verhaltensweisen im Holocaust sichtbar zu machen, scheint Schlott hingegen methodisch fragwürdig, wenn es aus der Ereignisgeschichte eine Erfahrungsgeschichte machen soll. Der laut Schlott vergleichsweise schlanke, lesefreundliche Band besticht jedenfalls durch eine "bewundernswerte Syntheseleistung".
       
     
     
     
    Die Deutschen und der Nationalsozialismus

    Die sieben Bände der von Norbert Frei herausgegebenen Reihe bieten eine Erfahrungsgeschichte der deutschen Gesellschaft im Dritten Reich. Sie erzählen die Geschichte dieser Jahre neu: nah an den Menschen und in einer Sprache, die die Lebensrealität unter dem Hakenkreuz begreiflich macht – für die Zeit nach der Zeitgenossenschaft. Bald schon werden keine Menschen mehr unter uns sein, die aus eigener Erfahrung über die Zeit des Nationalsozialismus sprechen können. Deshalb muss, wenn unser Bild von dieser Epoche nicht in leeren Formeln erstarren soll – das Dritte Reich als Inbegriff des Bösen, aber unserer Gegenwart scheinbar ganz entrückt –, die Lebensrealität dieser Jahre neu erzählt werden. Sonst bleibt unverständlich, warum sich so viele Deutsche für das Regime begeisterten und sich mit ihm identifizierten. Wie erlebten die Deutschen Hitlers Herrschaft, und wie veränderten sie sich in den zwölf Jahren der Diktatur? Warum war das Dritte Reich für viele so attraktiv? Und schließlich: Welche politischen, moralischen und sozial- psychischen Folgen hatte dies über das Jahr 1945 hinaus?
     
     
     
     
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    Verteidigungen

    Die Euphorie im deutschen Hauptquartier hielt nicht lang. Über die Weihnachtstage war das Wetter besser geworden, im verschneiten Ostbelgien hatte die alliierte Luftwaffe eingegriffen und die deutschen Nachschublinien zerstört. Der Wehrmacht ging der Kraftstoff aus, sie konnte nicht mehr vorrücken und blieb stecken. Erbittert wurde gekämpft, ein Horrorszenario entfaltete sich, mit Massakern auf der einen und dem Niedermähen von Gefangenen auf der anderen Seite. Die deutschen Streitkräfte verloren 90.000 Soldaten, das militärische Ziel wurde verfehlt: Man schwächte die Westmächte nicht wirklich, sondern hielt sie lediglich auf. Kriegsentscheidend war, wie sich immer deutlicher zeigte, der zwar stockende, aber nicht enden wollende Nachschub an Menschen und Material auf Seiten der Alliierten. Hitler aber setzte den einmal eingeschlagenen Weg fort.

    Am 1. Januar 1945 erwähnte er in seiner Neujahrsansprache die Offensive mit keinem Wort mehr. Stattdessen drohte er: «Die Welt muß wissen, daß daher dieser Staat niemals kapitulieren wird, daß das heutige Deutsche Reich, wie alle großen Staaten der Vergangenheit auf seinem Weg Rückschlägen ausgesetzt sein mag, daß es aber nie diesen Weg verlassen wird. Man muß wissen, daß die heutige Staatsführung die Sorgen und Leiden mit ihrem Volke teilt, aber niemals vor Sorgen oder Leid kapitulieren wird.»[58] Die Folgen seiner ruchlosen Kriegführung für die deutsche Gesellschaft waren dem Regime, das hatte schon im April 1943 der Schweizer Generalkonsul Zurlinden erkannt, «gleichgültig»[59]. Und in Thaya wusste der Pfarrer, wenn die Nazis abtreten müssten, dann «soll nichts mehr da sein!»[60]

    Die alliierte Übermacht und die selbstzerstörerische deutsche Kriegführung zeigten sich in besonderem Maße an der Ostfront. Am 12. Januar startete die Rote Armee ihre Winteroffensive. 6,7 Millionen Soldaten und Tausende von Panzern, Flugzeugen und Geschützen standen entlang einer Linie von der Ostsee bis zur Adria. Stalin hatte abgewartet, bis die Wehrmacht alle verfügbaren Kräfte nach Westen verlagert hatte. Dort, so hatte er gehofft, würden die Amerikaner möglichst lange unter deutschem Feuer liegen, derweil er zügig das Reich eroberte. Hitler hatte seinerseits trotz aller Warnungen aus Kreisen der Generalität den Aufmarsch mit einem etwas merkwürdigen Vergleich als «größten Bluff seit Dschingis Khan»[61] abgetan. Aber: «Warschau, Krakau, Lodz, Czenstochau sind genommen, die oberschlesische Grenze ist erreicht»,[62] staunte Klemperer am 20. Januar. Oberschlesien als Industrierevier wollte die Rote Armee – wie die Amerikaner das Pendant im Westen, das Ruhrgebiet – möglichst schnell erreichen. Hans Frank war schon am 17. Januar aus der Wawelsburg geflohen, nicht ohne vorher gestohlene Gemälde und andere Preziosen in sein neues Zuhause nach Bayern verfrachtet zu haben. Nach drei Tagen heftiger Kämpfe war das Generalgouvernement Geschichte. Lindgren freute sich, die sowjetischen Streitkräfte schritten «im Sturmschritt voran»[63].

    Und so ging es weiter. Der 21-jährige Rotarmist Wladimir Gelfand notierte am 26. Januar in sein Tagebuch: «Heute werden wir in Deutschland sein.»[64] Was den einen mit Stolz erfüllte, war für die anderen der blanke Horror. Die Ankunft der Truppen Stalins im Altreich verursachte eine Massenflucht der Zivilbevölkerung. Sie verschmolz mit der Fluchtbewegung der Volksdeutschen in Osteuropa sowie Hunderttausenden von Sowjetbürgerinnen und -bürgern, die im Gefolge der Wehrmacht freiwillig oder unfreiwillig ihre Heimat verlassen hatten. Alles lieber, als der Roten Armee in die Hände zu fallen, war die Devise. Riesige, immer weiter anschwellende Flüchtlingstrecks, sechs Millionen sollten es zwischen 1944 und Frühjahr 1945 werden, bahnten sich bei eisigen Wintertemperaturen auf völlig verstopften Straßen ihren Weg nach Westen. Viele hatten die Haustürschlüssel in der Tasche – auf eine baldige Rückkehr hoffend. Gemäß der Maßgabe, die Stellungen zu halten, befahlen örtliche NSDAP-Leiter und militärische Führungsstellen die Räumung der Ortschaften viel zu spät. Als es darauf angekommen wäre, ließen viele Parteifunktionäre sich mit den Worten Martin Bormanns, des Leiters der Partei-Kanzlei, «vom Russenschreck beeinflussen»[65]. Sie liefen als Erste zu ihren vollgepackten Autos und fuhren davon. So setzte sich in Posen Chefgermanisierer Greiser am 20. Januar ab – sowjetische Einheiten waren immerhin noch 130 km entfernt. Offiziell hatte er die Parole ausgegeben, die Stadt bis zum letzten Blutstropfen zu halten. Goebbels kommentierte: «schauderhaftes Versagen».[66]
     

    In Berlin wusste Ende Januar 1945 die Journalistin Ursula von Kardorff nicht, ob sie den eingehenden Berichten Glauben schenken sollte: «Willy Beers Frau ist aus Schlesien nicht zurückgekommen. Täglich liegen auf seinem Schreibtisch grauenvolle Nachrichten über Untaten an der zurückgebliebenen Bevölkerung: erschlagene Kinder, vergewaltigte Frauen, angesteckte Höfe, erschossene Bauern. Goebbels’ Propagandahirn arbeitet offenbar wieder fieberhaft. Oder sollte das alles doch wahr sein? Ich glaube nichts mehr, ehe ich es nicht selbst gesehen habe.»[67] Doch die Artikel trafen weitgehend zu. Ausgespart blieb jedoch, dass, einmal in Gang gesetzt, Fahrzeuge der Wehrmacht die Flüchtenden rücksichtslos von der Straße drängten, um selbst voranzukommen. Hunderttausende wurden daher von der sowjetischen Streitmacht eingeholt, ihnen drohten tatsächlich Vergewaltigung, Verschleppung oder Tod. 

    Mehrere Zehntausend Deutsche sollten im Zuge des sowjetischen Vormarsches sterben. Der Rotarmist Gelfand befand in seinem Tagebuch, es geschehe ihnen recht: «Tod um Tod, Blut um Blut. Mir tun diese Menschenhasser, diese Tiere, nicht leid.»[68] Auch irritierte den Ukrainer das gute Leben der Deutschen, die gepflegten Häuser, die schönen Einrichtungen: Der «Reichtum und die Erlesenheit dieser Sachen sind überwältigend. Unsere Slawen werden Augen machen!»[69] Stalin ließ die zügellose Gewalt lange Zeit nicht unterbinden. Zum einen kalkulierte er, auf diese brutale Weise die gesamte deutsche Bevölkerung aus Osteuropa zu vertreiben. Zum anderen wusste er, dass Plünderei und Vergewaltigungen die Soldaten für das nicht nur in den Kämpfen mit dem Feind, sondern auch in der eigenen Armee erfahrene hohe Maß an Gewalt entschädigten. Gelfand jedenfalls notierte: «Niemand verbietet uns, den Deutschen das zu nehmen und zu zerstören, was sie zuvor bei uns geraubt haben. Ich bin überaus zufrieden.»[70] 

    Auch in Auschwitz breitete sich «Panik bei der SS»[71] aus, wie Häftlinge auf einen Zettel kritzelten. Das Lager wurde Hals über Kopf geräumt. Der Entschluss zur Verschleppung unter den chaotischen Bedingungen einer Flucht führte zu unbeschreiblichen Odysseen. Während das Lagerpersonal, aufgestockt auf fast 4.500 Mann, fieberhaft damit beschäftigt war, alle Akten und sonstigen Zeugnisse des Massenmords zu beseitigen – gerade war noch ein Häftling aus Mauthausen überstellt worden –, ließ Himmler 58.000 Gefangene aus dem Stammlager, aus Birkenau, Monowitz und den oberschlesischen Nebenlagern in weiter westlich gelegene Lager marschieren. Wer keine Kraft mehr hatte, wer stürzte, ausruhen wollte oder zu fliehen versuchte, den erschossen die Begleitkommandos – Hauptsache, schnell weiter nach Westen, weg von der roten Rache. Weitere Opfer erfroren und verhungerten unterwegs, vermutlich starben 15.000 Häftlinge auf diesen Todesmärschen. Den verlassenen Komplex von Auschwitz befreite die 60. Armee der Ersten Ukrainischen Front am Nachmittag des 27. Januar 1945. Die Soldaten fanden noch 8.200 Häftlinge vor, darunter 650 Kinder und Jugendliche, die die enteilte Lager-SS als zu schwach zurückgelassen hatte – die letzten Überlebenden unter 1,1 Million Ermordeten, darunter 900.000 Juden, 140.000 nichtjüdische Polen und 21.000 Sinti und Roma. Am gleichen Tag nahmen die Truppen auch Kattowitz ein, damit war das wirtschaftliche Zentrum Oberschlesiens in der Hand Stalins. 

    170 km weiter in Niederschlesien wurde Breslau seit dem 23. Januar attackiert. Ihrem Gauleiter Karl Hanke, der die Stadt zur Festung erklärt hatte, waren die Bewohner völlig egal. Wichtig war nur, dass «die Russen» die östlichste Großstadt im Deutschen Reich nicht in die Hand bekämen. Während die Schlacht um Breslau tobte, rückten die sowjetischen Verbände auch weiter nördlich vor. «Bromberg erobert. Ostpreußen überrannt, 270 km vor Berlin», titelte am 24. Januar 1945 die Erstausgabe der von der US-Armee lizensierten Aachener Nachrichten. An diesem «Versagen» war auch der mittlerweile landlose braune Zar der Ukraine und weiterhin Gauleiter von Ostpreußen, Erich Koch, schuld. Er zwang die Zivilbevölkerung zum Bleiben, während seine Ehefrau sich nach Bayern aufmachte und er selbst in einem Pillauer Bunker saß – direkt am Frischen Haff und mit einem bereitgehaltenen Flugzeug für seine absehbare Flucht. 

    Ende Januar riegelten die sowjetischen Verbände Ostpreußen ab. In Panik versuchten die Eingeschlossenen, etwa zwei Millionen Menschen, über die noch offenen Ostseehäfen zu entkommen. Klemperer gab Gerüchte wieder: «Der Fischer verkauft die Plätze für Schmuck (nicht Geld), drei- und viermal denselben; wer zuerst kommt, wird mitgenommen, die andern sind betrogen.»[72] Etliche ließen ihr Leben bei den sowjetischen U-Boot-Angriffen und dem Beschuss aus der Luft. Kaltherzig erklärte Friedrich Hoßbach, jetzt Oberbefehlshaber der in Ostpreußen eingesetzten 4. Armee, seinen Generälen am 24. Januar 1945, dass die Zivilbevölkerung «zurückbleiben muss». Das «klingt grausam, ist aber nicht zu ändern»[73], man müsse zuerst die militärischen Kräfte in die Heimat zurückbringen. Doch Marinedienststellen ignorierten diese Befehle. Sie sorgten dafür, dass neben 350.000 Verwundeten immerhin 900.000 Menschen mit Handels- und Kriegsschiffen gerettet wurden. 

    Anfang Februar hatte die Rote Armee nach nur drei Wochen das Generalgouvernement, die annektierten polnischen Gebiete sowie große Teile Ostdeutschlands erobert. Ihre Soldaten standen an der Oder, 70 km vor Berlin, zum Frontalangriff formiert und errichteten Brückenköpfe auf dem Westufer. Heinrici schrieb ebenso überrascht wie konsterniert an seine Familie, dass die Dinge «ein solches Ausmaß annehmen würden, das hat niemand von uns für möglich gehalten oder geglaubt»[74]. Die Niederlagen im Osten und im Westen hinterließen wie die Luftangriffe auch unter den Soldaten Desillusionierung. «Warum sollte ich kämpfen?», fragte sich ein Wehrmachtangehöriger aus Hamburg. Es gehe, so fuhr er fort, «nur um die Existenz der Nazis. Die Überlegenheit unseres Gegners ist so groß, daß es sinnlos ist, dagegen anzukämpfen.» 

    Wenn sie nicht weitermachen wollten, blieben den Männern nur zwei Optionen: überlaufen oder desertieren. Zwar legten es Wehrmachtsangehörige in der folgenden Phase des Krieges mit steigender Tendenz darauf an, in Gefangenschaft zu geraten. Doch das war selbst im Falle der Westalliierten nicht ungefährlich, wie gerade die Kämpfe in den Ardennen bewiesen hatten. Und zur brutal agierenden Roten Armee wollte kaum jemand überlaufen, selbst wenn diese die deutschen Gefangenen besser behandelte als umgekehrt und gerade in den letzten beiden Jahren die Sterberaten der Deutschen sanken. Desertion war ebenfalls kein sonderlich attraktiver Ausweg, wollte man am Leben bleiben. Auf Fahnenflucht stand die Todesstrafe, und die Militärrichter machten hiervon nicht zuletzt in neu eingerichteten Fliegenden Standgerichten und unter den Augen der Öffentlichkeit regen Gebrauch. Waren es im Ersten Weltkrieg noch 150 Verurteilte gewesen, von denen 48 hingerichtet worden waren, ergingen nun etwa 22.000 Todesurteile der Militärgerichtsbarkeit, von denen 15.000 vollstreckt wurden. Also setzten die deutschen Soldaten den Kampf fort, verzweifelt und fatalistisch. «Wenn dieser idiotische Krieg [nur] zu Ende ginge»,[75] fasste der Hamburger Soldat den Widerwillen in Worte. 

    Eine Minderheit unter den Soldaten verstand sich jedoch nach wie vor als Exekutor einer Weltanschauung. Diese Männer schwelgten in blutigen Vergeltungsphantasien gegenüber Russen, aber auch Amerikanern. Deren Bombenangriffe und der von Goebbels’ Propagandaapparat verbreitete, in den USA freilich nur kurzzeitig ventilierte Morgenthau-Plan, Deutschland auf ein Agrarland zurückzustufen, ließ die Ressentiments anschwellen. «Der Schnee muss sich rot färben von amerikanischem Blut», schrieb ein Leutnant über die «arroganten, großmäuligen Affen aus der Neuen Welt»[76]. Wer nicht desertieren, aber auch nicht für Hitler und die Existenz Deutschlands kämpfen wollte, kämpfte für sich, für sein Überleben, für eine Rückkehr zu seiner Familie. Lindgren zitierte in ihrem Tagebuch aus einem Brief eines deutschen Soldaten von der Ostfront an seine schwangere schwedische Ehefrau, der ihr bei ihrer Arbeit für die Zensur in die Hände gekommen war: «Die Tage kommen und gehen, und wir leiden unter Hitze und Schlaflosigkeit. Jeden Tag derselbe ohrenbetäubende Gefechtslärm. […] Werde ich jemals mein Kind sehen dürfen? […] Den ganzen Tag habe ich meinen Graben nicht für einen einzigen Augenblick verlassen können. Aber man sagt sich wieder und wieder: Du musst es schaffen!»[77] Er schaffte es nicht. 

    Hitler selbst zog sich in den Bunker unter Haus und Garten der Reichskanzlei zurück, nachdem bei Luftangriffen auf Berlin am 3. Februar amerikanische Bomber seine Wohnräume zerstört hatten. Er ließ an alle Divisionen Durchhaltebefehle ergehen. Etwas anderes, als bis zum Letzten zu kämpfen und «niemals, niemals»[78] zu kapitulieren, wie er schon während der Ardennenschlacht seinen Generälen eingebläut hatte, war vom «Führer» auch in den kommenden Wochen nicht zu hören. Die über eine Million Soldaten, die außerhalb Deutschlands in Norwegen, in Ungarn und Italien standen oder das eingeschlossene Kurland sicherten, ins Reich umzudirigieren lehnte der Oberbefehlshaber des Heeres ab. Anders als seine Militärs, die an eine Verteidigung des Reiches dachten, wollte Hitler nur an die Offensive glauben – oder den totalen, aber heroischen Untergang realisieren. Der «Führer» blieb fixiert auf Erlösung durch Vernichtung, im Falle einer Niederlage durch heldische Selbstzerstörung seines kriegführenden Reiches. 

    Mit Hitlers Untergang und allem, was anschließend kommen sollte, befasste sich das nächste Gipfeltreffen der Alliierten Anfang Februar 1945. Roosevelt war gerade zum vierten Mal zum Präsidenten gewählt worden. Man tagte auf Wunsch Stalins in Jalta. Die Stadt auf der Krim war ein symbolträchtiger Ort, war sie doch bis vor einem Jahr noch in deutscher Hand gewesen. Und in der Tat wurde die Konferenz für Uncle Joe zum Heimspiel: Die West-Alliierten hatten ihre zweite Front zu spät aufgebaut, die Rote Armee stand tief in Deutschlands Osten, beherrschte weite Teile Mittel- wie Südosteuropas, hatte dort genehme Regierungen installiert und Vertreibungen eingeleitet. Das 1941 in der Atlantikcharta verankerte Recht aller Völker, die Regierungsform zu wählen, unter der sie leben wollten, war Makulatur geworden. Der Diktator war dabei, seinen Sicherheitskordon um die Sowjetunion zu errichten. Der schwerkranke Roosevelt konnte Stalin nicht aufhalten, ohnehin war es zu spät für Kurskorrekturen. Dabei herrschte unter den Delegationen der Großen Drei über die Zukunft Deutschlands noch Abstimmungsbedarf. Gemeinsames Ziel war, nach der bedingungslosen Kapitulation die Macht des Deutschen Reiches zu brechen. Man verständigte sich auf «vier Ds»: Demilitarisierung und Denazifizierung, Dekartellisierung und Demontage der deutschen Industrie. Besatzungszonen, von denen eine an Frankreich gehen würde, sollten an die Stelle territorialer Einheit treten, ebenso würde Berlin in vier Sektoren aufgeteilt. Ökonomisch allerdings, so wandten insbesondere die britischen Experten ein wäre diese Kleinstaaterei wenig sinnvoll. Wie sollte ein zerstückeltes Deutschland die gerade von Stalin vorgebrachte Forderung nach hohen Reparationszahlungen erfüllen? Und ob die deutsche Macht mit der politischen Zergliederung gebannt wäre, ob die Deutschen wirklich Ruhe geben würden, bezweifelten Churchills Beamten ebenso. So blieb Wesentliches offen. 

    Noch während die Konferenz lief, starteten am 8. Februar 1945 die Westalliierten ihren Angriff auf das Altreich. Die Rückschläge in Arnheim und die deutsche Winteroffensive ließen sie nochmals die Intensität der Luftschläge erhöhen im Glauben, Deutschland in die Kapitulation bomben zu müssen. Mit den massiven Fliegerangriffen wollte vor allem Churchill zudem seinem ungeliebten Partner in Moskau die westliche Luftmacht demonstrieren. Tausend Menschen pro Tag sollten zwischen Januar und Mai 1945 ihr Leben lassen. Insgesamt verzeichnete das Deutsche Reich etwa 420.000 Tote durch den Luftkrieg, darunter auch Soldaten, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene; über die Hälfte davon starb allein im letzten Kriegsjahr. Die Flächenbombardements spielten der NS-Propaganda in die Hände. Das galt insbesondere für den großen Brandbombenangriff auf das mit Flüchtlingen überfüllte und bis dato weitgehend verschonte Dresden zwischen dem 13. und 15. Februar. Das Auswärtige Amt wies seine Auslandsvertretungen an, von bis zu 200.000 Toten zu sprechen; an den ursprünglichen Bericht der SS hängte es einfach eine Null an. Tatsächlich kamen etwa 23.000 Menschen ums Leben. Die Botschaft war klar: Die Alliierten verfolgten nicht etwa militärische Absichten, sondern wollten die Deutschen vernichten. So projizierte man die eigene Vernichtungspolitik auf die Kriegsgegner. 

    Dabei war das Regime schon längst dabei, seine Volksgenossen nicht nur mit Propaganda, sondern auch mit Terror zur Pflichterfüllung bis zum Letzten zu treiben. Dass Hitler als Reaktion entschied, Berlin mit «‹Krallen und Zähnen› zu verteidigen»,[79] und dafür gleich vier SS-Divisionen mobilisierte, ließ Ruth Andreas-Friedrich in der Hauptstadt schaudern. Die Bombardierung Dresdens bedeutete hingegen für Klemperer die Rettung. Er hatte gerade als «Hiobsbote»[80] Deportationsbescheide an Mischlinge und Partner in Mischehen zustellen müssen. In größter Verzweiflung, bald ebenfalls auf den Listen zu stehen, nutzte das Ehepaar das Chaos der brennenden Stadt und tauchte unter. Eva Klemperer entfernte «mit einem Taschenmesserchen»[81] ihrem Mann den vermaledeiten Stern von der Jacke, Victor Klemperer wurde zum «arischen» Flüchtling – wie Millionen andere auch. 

    Die Zahl der Menschen, die durch die immer kleiner und immer stärker zum Schlachtfeld werdende «Festung Deutschland» zogen, schwoll weiter an durch ausländische Zwangsarbeiter. Durch die Bombenangriffe waren diese Männer und Frauen ihren Bewachern entkommen oder im allgemeinen Chaos obdachlos geworden und befanden sich nun auf der Suche nach Unterkunft und Nahrungsmitteln. Die schon vorher geäußerten Befürchtungen über das «Ausländerunwesen» und auftrumpfende Zwangsverpflichtete bekamen immer wieder Nahrung, wenn Zeitungen über «Ostarbeiter-Banden» berichteten, die stahlen oder ihre ehemaligen Chefs erschlugen. 

    In Europa verstärkten die Untergrundbewegungen den Druck auf die deutschen Noch-Besatzer. Luise Solmitz las am 22. Februar in der Zeitung, dass «in Norwegen schwere Sprengstoffattentate, Mordanschläge, Anschläge gegen Eisenbahnen, Garagen, Tankstellen, Fabriken, Betriebe, Mitglieder der norwegischen Polizei» verübt worden waren, über 30 «Terroristen»[82] seien hingerichtet worden. 

    Dann, am 7. März, gelang den westlichen Streitkräften der Anti-Hitler-Koalition der entscheidende Sprung. Amerikanische Verbände eroberten die einzig verbliebene Brücke über den Rhein bei Remagen. Die Sprengung der Trasse war den Deutschen missglückt, der direkte Weg ins Reich war frei. Hitler entließ den mittlerweile wieder eingesetzten Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, ein weiteres Mal in den Ruhestand, sein Nachfolger Albert Kesselring erklärte Remagen zur «Schande»[83], der verantwortliche Major wurde zum Tode verurteilt, was Goebbels als «Lichtzeichen» deutete. «Nur mit solchen Maßnahmen können wir das Reich noch retten.»[84] 

    Nun stand der Feind tatsächlich in Deutschland. Jenseits aller Propaganda hatte die Mär vom Verteidigungskrieg, einerlei, ob sie bislang geglaubt worden war oder nicht, einen realen Gehalt bekommen. Jede alliierte Bombe, jeder sowjetische Übergriff bekräftigte die Rhetorik von der Heimatverteidigung. Gegen die Drohungen der braunen «Bankrotteure» mit dem «Untergang» und die Ängste vieler Deutscher vor einer Ausradierung ihres Landes focht Thomas Mann, als er via BBC statuierte: «Das ist ja Unsinn!» Deutschland sterbe nicht, sondern sei «im Begriff, eine neue Gestalt anzunehmen»[85]. Nicht zuletzt aufgrund dieser Zukunftsverweigerung sei die Fortsetzung des Krieges «ein Verbrechen – begangen am deutschen Volk durch seine Führer».[86] Dieses Urteil wiederum wollte Oberwachtmeister Peter B. nicht wahrhaben. Er erschrieb sich Anfang März noch einmal sein ganzes Vertrauen in Hitler: «Der Führer ist kein Lump und nicht so schlecht, ein ganzes Volk zu belügen und in den Tod zu jagen. Bis heute hat der Führer immer uns seine Liebe geschenkt und uns die Freiheit versprochen und all seine Planungen wahr gemacht. […] Nur unser Glaube macht uns stark, und ich baue auf die Worte des Führers, daß am Ende allen Kampfes der deutsche Sieg stehen wird.»[87] Gleiches hoffte auch eine Mutter in Kaarßen bei Lüneburg und schloss den Brief an ihren Sohn: «Es grüßt Dich von ganzem Herzen mit heil Hitler Mamma.»[88] In Hamburg dagegen registrierten Stimmungsberichte eine weitverbreitete Sehnsucht nach dem Ende des Krieges: Äußerungen wie «Ganz gleich, was kommt, nur Schluß machen» zeigten, dass der Krieg als verloren akzeptiert werde und die Hoffnungen auf das Regime auf fast Null gesunken seien. Zugleich sei in der Hansestadt die Furcht vor einer britischen Besatzung, die als die wahrscheinlichste gelte, wenig ausgeprägt. In Bunkern, Kneipen, Straßenbahnen würden Sätze fallen wie: «Jetzt aber soll der Tommy kommen und Schluß machen, damit wir wieder ein vernünftiges und geordnetes Leben führen können.»[89] 

    Das «vernünftige Leben» aber sollte noch auf sich warten lassen. Am 22. März schrieb Klemperer, die Anglo-Amerikaner und Russen kämen zwar schrittweise vorwärts, «aber es geht nervenzermürbend langsam, und die eigentliche Schlußoffensive, auf das Ruhrgebiet, auf Berlin, steht immer noch bevor»[90]. Hitler ignorierte unterdessen die leisen Beschwörungen aus den eigenen Reihen, die Niederlage einzugestehen, und reagierte auf Remagen mit einer weiteren Eskalation. Er erließ am 19. März 1945 den Befehl über «Zerstörungsmaßnahmen im Reichsgebiet». Dem Gegner sollte nun auch in Deutschland und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nur verbrannte Erde überlassen werden. Inzwischen hatten sich die Westalliierten aufgeteilt. Kanadisch-britische Einheiten rückten in die Niederlande vor. Die Bevölkerung dort geriet immer stärker zwischen die Fronten, «Beschießungen aus englischen Flugzeugen»[91] einerseits und der «Menschenfang»[92] der Deutschen andererseits, die nach Männern zum Ausschanzen suchten. Auch hier häuften sich die Attentate. Im März führten Untergrundkämpfer einen Anschlag auf den HSSPF Hanns Albin Rauter durch. Als Vergeltung ließen die deutschen Besatzer noch einmal 263 politische Gefangene hinrichten. In Amersfoort hielt die Nichte von Eberhard Gebensleben, die 15-jährige Hedda Kalshoven, am 23. April in ihrem Tagebuch fest, welche Spannung über ganz Europa liege, und fluchte: «Daß wir immer noch nicht befreit sind, verdammt noch mal.»[93] 

    Während britische Truppen sich nach Norden wandten, marschierten amerikanische Verbände nach Osten und Süden, französische nach Südwesten. Die Deutschen im Reich erlebten nun nach den ständigen Luftangriffen auch den Bodenkrieg. Panzer an Panzer rollten durch die Straßen, Artilleriebeschuss und Tiefflieger beherrschten die Szenerie, es roch nach verkohlten Körpern. «Deutschland ist auf dem Weg, dem Erdboden gleichgemacht zu werden»,[94] resümierte Astrid Lindgren ihre tägliche Presselektüre am 23. März. Melvin Lasky, 25 Jahre alt und im Tross der US-Armee als Militärhistoriker dabei, war am 9. April entsetzt über die Ruinenlandschaft von Darmstadt: Man finde «kein einziges intaktes Haus! Alle Gebäude zerbombt, ganze Häuserblocks dem Erdboden gleichgemacht. Wir sind viele Kilometer gefahren und trauten unseren Augen nicht. Eine ganze Stadt war verschwunden.»[95] In Frankfurt hörte er zwei Tage später keinen Laut, die «Stille war überwältigend». Er sah «den verkohlten, geschrumpften Leichnam einer Großstadt»[96]. Erst als er durch deutsche Trümmerlandschaften zog, erkannte Lasky das Ausmaß der Katastrophe dieses Krieges für Deutschland. Die Verheerungen auf dem osteuropäischen Kriegsschauplatz hingegen blieben ungesehen und Berichte hierüber im Westen eher vereinzelt. In Großbritannien entspann sich eine Debatte darüber, ob die Bombenangriffe auf das Reich in diesem Ausmaß noch ethisch vertretbar seien. Churchill beugte sich der Kritik und ließ am 28. März den Luftkrieg über Deutschland weitgehend einstellen. Allerdings vergaß er nicht anzufügen, dass man andernfalls nur die Kontrolle über ein verwüstetes Land übernehmen würde. 

    Mittlerweile waren etwa 250.000 Juden in Konzentrations- und anderen Lagern im Reich eingesperrt worden, die, je näher die Front im Osten wie im Westen rückte, umso hektischer aufgelöst wurden. Zusammen mit rund 500.000 nichtjüdischen Gefangenen wurden sie auf Todesmärsche geschickt. Ziele sollten Orte im zusammenschmelzenden Reichsinneren sein. Aufgrund der weitgehenden Improvisation – Straßen waren unpassierbar, von Flüchtlingen und Armeefahrzeugen verstopft – konnten sich die Routen aber auch schnell ändern. Weiterhin galt: Kein Gefangener sollte lebend dem Gegner in die Hände fallen. Vermeintlich arbeitsfähige Männer und Frauen, so Himmler, sollten noch schnell uneinnehmbare Festungen errichten oder das zukünftige SS-Wirtschaftsimperium begründen. Zudem revitalisierte er die Idee, Juden als politische Geiseln einzusetzen. Mit ihnen wollte er die Westmächte zum Separatfrieden zwingen. Den Wachposten, die die Transporte begleiteten, war es am wichtigsten, ihren Zielort so rasch wie möglich zu erreichen, sie hatten Angst vor Repressalien der Alliierten. Verluste waren den Aufsehern egal. Besser ein toter Häftling als ein geflohener, lautete das Prinzip. Vermutlich 80.000 Juden und 170.000 Nichtjuden starben. Die deutsche Zivilbevölkerung beobachtete den Durchzug der geschwächten Gestalten argwöhnisch. Wenige halfen, viele verhielten sich feindselig gegenüber den ausgezehrten «Kriminellen» und wiederkommenden Juden. Manchen erschienen die Gefangenen als eine Art Menetekel für die Niederlage und die eigene Komplizenschaft. Wie die SS-Posten suchten auch lokale NS-Funktionäre, Volkssturmleute, Polizisten und Bürgermeister ebenso wie selbsternannte Ordnungshüter sich ihrer fieberhaft zu entledigen – und das hieß in der Regel Mord. 

    Im Westen nahmen die alliierten Streitkräfte nun täglich deutsche Städte ein. Die Reichsverteidigung brach zusammen, und der erwartete Partisanenkrieg blieb aus. Wenn sie sich dazu entschlossen hatten und nicht durch Fliegende Standgerichte oder plötzlich auftauchende SS-Einheiten daran gehindert wurden, schwenkten Bürgermeister und Honoratioren weiße Fahnen – nichts so sehr fürchtend, als ihre Ortschaften sinnlos kaputt schießen zu lassen. Mutige beseitigten Panzersperren – und verbrannten ihre Parteiuniform. Andere entfernten Hitler-Bilder aus ihrer Wohnung, eine Dame auf Besuch brachte es, wie Klemperer niederschrieb, auf die Formel: «Ich habe ihn eingeäschert.»[97] Himmler versuchte, diese Akte des vorgeblichen Hochverrats mit dem bewährten Mittel der Gewalt aufzuhalten. Anfang April 1945 ordnete er als Befehlshaber des Ersatzheeres an, alle männlichen Personen eines Hauses, an dem eine weiße Fahne erscheine, zu erschießen. Unterstützt wurde er durch seine «Nazi-Freiheitsbewegung»[98], wie Thomas Mann die von Himmler organisierten Paramilitärs der «Werwölfe» ironisierte, sowie wiederum von selbsternannten Rächern der Volksgemeinschaft. In der sich auflösenden staatlichen Ordnung wurden Tötungen von Volksgenossen durch Volksgenossen zur alltäglichen Erscheinung. 

    Aber alle Gewaltakte, alles Drohen und alle Durchhalteparolen brachten nichts: Das Dritte Reich war geschlagen. Nicht nur die Mehrheit der Zivilisten auch die Wehrmachtsverbände zeigten sich ermüdet. Schon Ende März hatte Lasky erkannt: «Seit den Stellungen am Westwall hatten die Deutschen nichts mehr zu bieten. Sie ergeben sich zu Hunderten und marschieren praktisch ohne Bewachung zu den Sammelplätzen.»[99] Der letzte Brief von Böll datierte vom 3. April 1945, geschrieben in Oberauel, einem kleinen Ort am Rhein. Die Amerikaner am gegenüberliegenden Ufer beobachtend, ließ Böll noch einmal kurz die Überlegung zu, dass «wir» Deutsche «wirklich spielend» mit den Amerikanern «fertig»würden, die «ganz unerfahren und naiv» herumlaufen, «[w]enn wir mehr und bessere Waffen hätten». Aber dann rang sich der Patriot und Hitler-Gegner doch dazu durch, nicht nur aufs Ende zu blicken, sondern die Niederlage auch gutzuheißen. Es «geht ja nun wirklich nicht mehr weiter. Allem menschlichen Wahn ist ja eine Grenze gesetzt, und diese Grenze ist erreicht.»[100] 

    Anders war die Lage an der Ostfront. Hier schlugen sich die deutschen Soldaten «wie irrsinnig»[101] mit den sowjetischen Soldaten um eine unbedeutende Bahnstation, wie Stalin, ob der ungleichen Verhältnisse in West und Ost misstrauisch geworden, am 7. April 1945 Roosevelt in einem Brief vorhielt. Er hatte im Kern richtig beobachtet. Gegen die Rote Armee kämpften die Wehrmachtsangehörigen verzweifelt; die Angst um sich und ihre Familien, das Gefühl vollkommener Alternativlosigkeit waren wesentlich ausgeprägter als im Westen. Ein im Kurland eingeschlossener Stabsgefreiter mahnte Ende März seine Frau in Württemberg, bloß nicht zu fliehen. «Vor dem Amerikaner» habe er – anders als vor dem «Iwan» – «keine Angst». Indirekt deutete auch er an, dass er den Krieg für verloren hielt. Flüchten, so fügte er nämlich an, sei überhaupt sinnlos, denn: «einmal kommt der Feind doch zu Euch»[102]. Rotarmist Gelfand wiederum beschrieb diese Schlachten mit der Wehrmacht als unbeschreiblichen «Alptraum». Wenigstens die Hälfte der Mannschaften an seinem Frontabschnitt 70 km vor Berlin sei in die «Fänge des Todes»[103] geraten oder habe Verwundungen erlitten. 

    Aus Ungarn mussten sich Anfang April die letzten Wehrmachtseinheiten zurückziehen, das Land wurde vollständig von der Sowjetunion besetzt. Am 3. April nahmen Stalins Truppen Wien ein. Hier wie dort wiederholte sich, was sich auf ihrem gesamten Vormarsch in Dörfern wie in Städten schon abgespielt und was zumindest in diesem Umfang keine Entsprechung im Westen hatte: Eine Soldateska brandschatzte, plünderte, vergewaltigte, tötete. Auf Wien folgte Berlin. 

     
     

    Anmerkungen 

    58    Domarus, Hitler, Bd. 4, T. 2, S. 2182.
    59    Zit n. Bajohr/Strupp, Fremde Blicke, S. 572, 22.4.​1943.
    60    Schweitzer, 50 Jahre danach, S. 89, 11.9.​1944.
    61    Zit. n. Hildebrand, Reich, S. 811.
    62    Klemperer, Zeugnis, Bd. 2, S. 643.
    63    Lindgren, Menschheit, S. 437, 21.1.​1945.
    64    Wladimir Gelfand: Deutschland-Tagebuch. Aufzeichnungen eines Rotarmisten, ausgew. und komm. von Elke Scherstjanoi, Berlin 2005. S. 27.
    65    Zit. n. Elisabeth Kohlhaas: 1945 – Krieg nach innen. NS-Verbrechen in Aschaffenburg und an Aschaffenburgern,
    Aschaffenburg 2005, S. 37, Anordnung vom 6.3.1945.
    66    Goebbels, Tagebücher, T. II, Bd. 15, S. 214, 25.1.​1945.
    67    Kardorff, Aufzeichnungen 1942–1945, S. 285, 30.1.1945.
    68    Gelfand, Deutschland-Tagebuch, S. 28, 28.1.​1945.
    69    Gelfand, Deutschland-Tagebuch, S. 29, 30.1.​1945.
    70    Gelfand, Deutschland-Tagebuch
    71    Zit. n. Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2016, S. 639.
    72    Klemperer, Zeugnis, Bd. 2, S. 649, 29.1.​1945.
    73    Zit. n. Heinrich Schwendeman: Der deutsche Zusammenbruch im Osten 1944/45, in: Bernd-A. Rusinek (Hrsg.): Kriegsende 1945. Verbrechen, Katastrophen, Göttingen 2004, S. 137.
    74    Zit. n. Hürter, Notizen, S. 235, 31.1.​1945.
    75    Zit. n. Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang, NS-Deutschland 1944/45, München 2011, S. 230, 4.2.​1945.
    76    Zit. n. ebd., S. 230, 6.1.​1945.
    77    Lindgren, Menschheit, S. 430 f.
    78    Zit. n. Helmut Heiber (Hrsg.): Hitlers Lagebesprechungen. Die Protokollfragmente seiner militärischen Konferenzen 1942–1945, Stuttgart 1962. S. 721, 12.12.​1944.
    79    Andreas-Friedrich, Schattenmann, S. 200, 19.2.​1945.
    80    Klemperer, Zeugnis, Bd. 2, S. 661, 22.–24.2.​1945.
    81    Ebd., S. 667, 22.–24.2.​1945.
    82    FZH, 11/S13 Solmitz Tagebücher, S. 992.
     
    83    Zit. n. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 10, Erster Halbbd., hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt von Rolf-Dieter Müller, München 2008, S. 316.
    84    Goebbels, Tagebücher, T. II, Bd. 15, S. 504, 14.3.​1945.
    85    Mann, Hörer, S. 142, 4.3.​1945.
    86    Ebd., S. 143, 20.3.​1945.
    87    Zit. n. Kershaw, Ende, S. 366 f., 9.3.​1945.
    88    Zit. n. Echternkamp, Kriegsschauplatz, S. 196, 28.3.​1945.
    89    Zit. n. Joachim Szodrzynski: Die «Heimatfront» zwischen Stalingrad und Kriegsende, in: Hamburg im «Dritten Reich», hrsg. von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Göttingen 2005, S. 675.
    90    Klemperer, Zeugnis, Bd. 2, S. 706.
    91    Kalshoven, Ich denk so viel an Euch, S. 439, 4.1.​1945.
    92    Goebbels, Tagebücher, T. II, Bd. 14, S. 314, 2.12.​1944.
    93    Kalshoven, Ich denk so viel an Euch, S. 444.
    94    Lindgren, Menschheit, S. 439.
    95    Melvin Lasky: Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Schuller, Berlin 2014, S. 141, 9.4.​1945.
    96    Ebd., S. 146, 11.4.​1945.
    97    Zit. n. Klemperer, Zeugnis, Bd. 2, S. 657, 12.2.​1945.
    98    Mann, Hörer, S. 147, 5.4.​1945.
    99    Lasky, Und alles war still, S. 106, 25./26.3.​1945.
    100  Böll, Briefe, Bd. 2, S. 1126 f.
    101  Briefwechsel Stalins mit Churchill, Attlee, Roosevelt und Truman
    1941–1945, hrsg. vom Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR, Berlin 1961, S. 704.
    102  Zit. n. Echternkamp, Kriegsschauplatz, S. 167.
    103  Gelfand, Deutschland-Tagebuch, S. 31.6./7.2.​1945.
     

     

     

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